Vor etwa 50.000-40.000 Jahren begann der Mensch, sich über die Erde auszubreiten. Er gelangte seitdem in alle Klimazonen, von der extremen Kälte der Arktis bis zur Hitze und Trockenheit der Wüsten Australiens und Afrikas. In Anpassung an seine verschiedenen Lebensräume haben sich die Körpergestalt des Menschen, die Pigmentierung seiner Haut und einige andere Merkmale in unterschiedlicher Weise verändert. Trotzdem gehören alle lebenden Menschen zur selben Unterart der Art Homo sapiens.
Die drei Großrassen
Die große Zahl von individuellen Eigenschaften und Abweichungen von den als Rassenkennzeichen geltenden Körpermerkmalen macht die Einordnung eines Menschen in eine bestimmte Rasse sehr schwierig. Immerhin erscheint die Einteilung der heute lebenden Menschen in die drei Großrassen Europide, Negride und Mongolide sowie in einige Sonderformen zweckmäßig.
Einige der Unterschiede zwischen den Großrassen sind leicht zu erkennen. Mongolide haben eine gelblich getönte Haut, glattes schwarzes Haar und dunkle Augen. Negride haben dunkle Haut, Kraushaar und einen über den Oberkiefer vorragenden (prognathen) Unterkiefer. Ihre Lippen sind dicker als bei den übrigen Rassen, die Nase ist flach und breit. Die Pigmentierung der Europiden variiert stark: von den hellhäutigen Menschen nördlicher Breiten zu den dunkelhäutigeren des Mittelmeerraumes, Südwestasiens und Vorderindiens. Nase und Lippen sind meist schmal.
Die große Variationsbreite der Körpergestalt innerhalb der Großrassen hat manche Wissenschaftler veranlasst, eine weitere Unterteilung der Großrassen vorzunehmen. Beispielsweise werden die Europiden häufig in Nordide, Alpinide, Osteuropide, Dinaride u. ä. eingeteilt. Nicht immer sind solche Unterteilungen zutreffend. So ergab eine Studie in Schweden, wo doch die Heimat der Nordiden sein soll, dass lediglich 11 Prozent der untersuchten Wehrpflichtigen dem blonden, blauäugigen, langschädligen nordiden Typ entsprachen.
Die mongolide Rasse ist in ihrer körperlichen Erscheinung einheitlicher als die europide, doch lassen sich auch hier einzelne Untergruppen, von den Siniden bis zu den Indianiden, unterscheiden. Eine Feststellung der Unterschiede ist auch insofern von Nutzen, als sie Hinweise auf die Besiedlungsgeschichte Amerikas zu liefern vermag. Viele Anthropologen sehen in dem typisch mongoliden Gesicht eine Anpassung an extreme Kälte. Das flache Gesichtsrelief mit verhältnismäßig kleiner und flacher Nase, rundlichem Kinn und gepolsterten Wangen bietet der Kälte eine kleinere Oberfläche als ein typisch europides Gesicht. Die Augen sind bei den Mongoliden überdies in Fettpolster eingebettet und zusätzlich dadurch geschützt, dass die Augenlider eine Duplikatur aufweisen, was zu dem charakteristischen mandelförmigen Aussehen und zur ?Mongolenfalte? im inneren Augenwinkel führt. Bei den Südchinesen und Japanern sind diese Merkmale weniger ausgeprägt als bei den weiter nördlich lebenden Mongolen. Man nimmt an, dass sich das typische mongolide Gesicht bei Menschen entwickelt hat, die während des letzten Vordringens des Eises nördlich der Gletscher des Himalaja isoliert in Gebieten extremer Kälte lebten, durch das kalte Klima erfolgte eine Selektion zugunsten der genannten Formen. Die weniger Angepassten wurden häufiger Opfer von Krankheiten oder Erfrierungen.
Im Sinne dieser Theorie werden auch die körperlichen Unterschiede innerhalb der Indianergruppen Amerikas und zwischen Indianern und Eskimos verständlich. Die Vorfahren der Indianer wanderten aus Asien ein, bevor sich die mongoliden Merkmale voll ausgebildet hatten. Die typisch mongoliden Eskimos kamen erst viel später.
Die Völker Afrikas
Die Negriden bewohnen vor allem Afrika südlich der Sahara. Zu ihnen gehören die größten wie auch die kleinsten Menschentypen. Die Nilotiden, in den Wüsten und Steppen im Gebiet des Weißen Nils bis zum Viktoriasee vertreten, sind schlank und hochwüchsig, was zu einer größeren Körperoberfläche und damit zu einer besseren Wärmeabgabe führt. Weiter südlich ist der Typus des Bantu mit mittlerer Körpergröße und kräftigem Körperbau anzutreffen. In den Regenwäldern des zentralen Kongos leben die Pygmäen, die viele Merkmale der Bäntus aufweisen, aber selten größer als 140 cm werden, Was gelegentlich als (sekundäre) Anpassung an das Leben in den Regenwäldern betrachtet wird.
Die südafrikanischen Buschmänner und Hok tentotten nehmen in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein, so dass sie oft nicht einmal zu den Negriden gezählt werden. Ihre Lebensweise gleicht noch weitgehend jener der mesolithischen Jäger und Sammler. Ihre Schnalzsprache unterscheidet sich von allen übrigen Sprachen der Negriden. Bemerkenswert ist die Fähigkeit der Frauen, Fett in ihrem Gesäß zu speichern (Steatopygie). Vermutlich waren die Buschmänner einst weiter verbreitet und wurden durch das Vordringen der Bantuschwarzen (seit etwa 200 v. Chr.) zurückgedrängt.
Die Völker Ozeaniens
Die Bewohner Ozeaniens lassen sich nicht mit Sicherheit einer der drei Großrassen zuordnen. Viele sind, wie die Melanesier, negrid in ihrer Erscheinung, während andere, wie die Polynesien vermutlich vom asiatischen Festland gekommen sind und vielleicht sogar europide Kennzeichen aufweisen. Auch die Ureinwohner Australiens können bei keiner der drei Großrassen eingeordnet werden.
Unterschiede zwischen den Rassen
Leicht messbare Merkmale wie Körperproportionen, Haut, Haar und Augenfarbe wurden schon immer zur Klassifizierung rassischer Unterschiede herangezogen. In jüngerer Zeit hat man die Kennzeichen der menschlichen Rassen um physiologische Merkmale wie Blutgruppen oder Schmeckfähigkeit für bestimmte Chemikalien (PTC) erweitert. Auch werden immer wieder Versuche, geistige Unterschiede zwischen den Rassen festzustellen, unternommen. Aber selbst wenn sie von unvoreingenommenen Wissenschaftlern angestellt werden, ziehen solche Versuche leicht den Vorwurf des Rassismus auf sich, einen Vorwurf, der angesichts der Verbrechen, die in 20. Jahrhundert im Namen einer pseudowissenschaftlichen Rassentheorie begangen worden sind, nur allzu verständlich ist. In einer Erklärung namhafter Anthropologen aus vielen Ländern wurde 1964 eine Warnung vor dem Missbrauch wissenschaftlicher Ergebnisse zu nichtwissenschaftlichen Zwecken ausgesprochen und darauf hingewiesen, dass es keine wissenschaftliche Rechtfertigung für die Behauptung gibt, einzelne Rassen oder Völker seien anderen überlegen. Körperliche Unterschiede zwischen den Rassen lassen sich allerdings feststellen und sind oft als Anpassung an bestimmte Klimabedingungen oder andere Besonderheiten der geographischen Regionen ihrer ursprünglichen Wohngebiete zu erklären.
Schon immer diente die Hautfarbe der Charakterisierung der menschlichen Rassen. Die Farbe der menschlichen Haut beruht auf dem Melanin, einem dunkelbraunen Pigment der äußeren Hautschicht (Epidermis). Die Zahl der pigmentbildenden Zellen (Melanozyten) ist bei allen Rassen gleich groß, die Melanin menge jedoch, die von den Melanozyten gebildet wird, ist bei den Negriden am größten. Melanin wirkt als Filter für den ultravioletten Anteil des Sonnenlichts. Vermutlich ist eine helle Haut in den gemäßigten Zonen von Vorteil, weil sie auch bei geringer Sonneneinstrahlung noch genügend Sonnenlicht durchlässt, um eine ausreichende, nur bei UV-Einstrahlung mögliche Synthese von Vitamin D zu gewährleisten. In tropischen Gegenden kommt der Schutzfunktion des Melanins gegen die intensive Sonnenbestrahlung größere Bedeutung zu.
Die Blutgruppen
Das Blut verschiedener Menschen ist meistens nicht gleich. Je nachdem welche Bestandteile man untersucht, kann man mehrere Gruppen feststellen. Die erste derartige Klassifizierung des Blutes, das A-B-0(Null)-System, stammt aus dem Jahr 1900. In jüngerer Zeit gelang es, mit verfeinerten Techniken z. B. der Elektrophorese, bei der geladene Teilchen im elektrischen Feld getrennt werden eine große Zahl anderer Merkmale zu erfassen. Mit diesen Techniken können erbliche Varianten des Hämoglobins von Serumproteinen oder Enzymen unterschieden werden. Bereits hinsichtlich der Häufigkeit des A-B-0-Systems lassen sich Unterschiede zwischen einzelnen Populationen feststellen. So ist die Häufigkeit der Gruppe 0 bei den Indianern am höchsten, während Europäer und vor allem Türken sich durch eine besonders große Häufigkeit der Gruppe A auszeichnen. Die relative Häufigkeit der Gruppe B nimmt zu, je weiter man in Europa nach Osten kommt, sie ist auch in Indien hoch. Auch die Häufigkeit der einzelnen Rhesusgruppen ist unterschiedlich: Rhesusnegative Menschen kommen in Europa mit einer Häufigkeit von etwa 12 Prozent vor, während sie in orientalischen, ozeanischen oder indianischen Populationen praktisch fehlen. Wieder eine andere Blutgruppe, das Diego-(Di)-Allel, tritt nur in mongoliden und indianischen Populationen auf.
Variation und Selektion
Man interessiert sich heute in zunehmendem Maß aber nicht nur dafür, wie mit Hilfe solcher serologischer Unterschiede Hinweise auf verwandtschaftliche Beziehungen zwischen einzelnen Völkern oder Bevölkerungsgruppen festgestellt werden können, man sucht vielmehr auch zu erforschen, wie solche Unterschiede entstanden sein könnten. Vordringlich erscheint dabei die Frage, ob bestimmten Genotypen gegenüber anderen ein Selektionsvorteil in einer gegebenen Umwelt zukommt, beispielsweise eine größere Resistenz gegen einzelne Krankheiten. Ein solcher Zusammenhang ließ sich für das Hämoglobin HbS nachweisen, eine rezessive Mutante des Hämoglobins, die besonders häufig in Malariagegenden zu finden ist. Trägt ein Mensch zwei mutierte Allele des Hämoglobin-S-Gens, so leidet er an Sichelzellenanämie (so genannt nach der Form der roten Blutkörperchen), die meist schon im Kindesalter zum Tode führt. Individuen mit einem normalen (dominanten) S und einem mutierten (rezessiven) HbS-Allel sind gesund und lassen sich nur bei einer elektrophoretischen Untersuchung des Blutes erkennen. Aufgrund des großen Nachteils der homozygoten HbS-Individuen sollte das mutierte Allel also in kürzester Zeit durch Selektion aus einer Population verschwinden. Bei Schwarzen West und Zentralafrikas kommt es jedoch sehr häufig vor. Es zeigt sich, dass hier auch die Malaria verbreitet auftritt. Malaria ist eine Blutkrankheit, deren Erreger (Plasmodium), ein einzelliges Tier, von der Anophelesmücke übertragen wird. Offenbar gedeiht Plasmodium im Blut von Menschen mit der Kombination normales S und imitiertes HbS nur sehr schlecht. Diese sind also wesentlich weniger gegen Malaria anfällig als Individuen mit zwei normalen Allelen. Sie besitzen gegenüber letzteren wie auch gegenüber Menschen mit zwei mutierten HbS-Allelen, die an Sichelzellenanämie leiden, einen Selektionsvorteil. Man nennt diesen Sachverhalt »balancierter Polymorphismus«.
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