Die Ausgrabung von Knossos auf der Insel Kreta beschäftigte den britischen Archäologen Sir Arthur Evans (1851-1941) 36 Jahre lang: Dieser reich dekorierte Palast war Zeugnis einer frühen Kultur, die sich von jeder anderen, bis dahin entdeckten europäischen Kultur unterschied. Inzwischen hat man weitere ähnliche Paläste ausgegraben: Phaistos durch Italiener, Mallia durch Franzosen und letztens Kato Zakros durch Griechen. Allmählich zeichnet sich ein halbwegs gesichertes Bild dieser Kultur ab.
Die Anfänge der minoischen Kultur
Die Minoer, ein von Evans nach dem legendären König Minos von Knossos geprägter Name, erschienen auf Kreta zu Beginn der Bronzezeit (um 3000 v. Chr.). Möglicherweise waren sie Einwanderer aus Anatolien oder aus Palästina. Funde aus ihren Rundgräbern (sie sind am häufigsten in der Mesara-Ebene) belegen vielfältige Handelsverbindungen, die nach und nach ausgebaut wurden und bis zum östlichen Mittelmeer reichten.
Um 2000 v. Chr. hatte Kreta große wirtschaftliche und soziale Fortschritte gemacht. Das belegen großartige architektonische Leistungen wie die alten Paläste. Durch spätere Anbauten und Änderungen sind ihre einzelnen Bauperioden nicht mehr scharf zu trennen. Aber in Knossos, in Mallia und insbesondere unter dem Westhoff in Phaistos ist genügend erhalten geblieben, aus dem man schließen kann, wie großzügig und weitläufig man damals bereits gebaut hat. Voraussetzung für solche Bauten waren die technischen Fähigkeiten der Baumeister und fast mehr noch eine entsprechende Organisation der Gesellschaft.
Merkmal dieser Entwicklung ist der Gebrauch der Schrift. Die frühesten kurzen Inschriften hat man auf Siegeln gefunden, deren Bildsymbole offenbar zu einer Hieroglyphenschrift gehören. Tontafeln aus dem alten Palast von Phaistos lassen erkennen, dass damals für den allgemeinen Gebrauch eine einfache Silbenschrift entwickelt worden war. Man hat sie wahrscheinlich zum Schreiben auf einer Art Papier oder Pergament benutzt, das aber nicht erhalten geblieben ist. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, diese Schrift, Linear A genannt, zu entziffern, deshalb ist ungewiss, in welcher Sprache die Minoer geschrieben haben.
Auch über die politische Organisation des Landes und das Regierungssystem weiß man nur wenig. Die riesigen Vorratsräume der Paläste für Olivenöl, Getreide und Wein lassen darauf schließen, dass sie sowohl Wirtschafts - wie Verwaltungszentren der von den Minoern beherrschten Territorien der Insel waren. Die einzelnen Bevölkerungsteile lebten offenbar friedlich nebeneinander. Wenigstens gibt es keine Verteidigungsanlagen, auch kaum Hinweise auf Militär oder Waffen - eine immerhin beachtliche Tatsache. Knossos nahm - als Zentrum des Handels über das Mittelmeer - eine führende Stellung ein.
Blütezeit und Ende der minoischen Kultur
Funde minoischer Keramik im weit entfernten Ägypten, Kolonien auf verschiedenen ägäischen Inseln und die kulturelle Beeinflussung des griechischen Festlandes zeigen, dass der Wohlstand Kretas in dieser Zeit wohl auf dem Handel mit den an das Mittelmeer grenzenden Ländern beruhte. Aber sicher ist die minoische Kultur nicht einfach nur importiert worden, dieser Annahme steht ihre sehr ausgeprägte Eigenart entgegen.
Man vermutet, dass die Paläste nach furchtbaren Naturkatastrophen um 1700 v. Chr. großzügig wiederaufgebaut worden sind. Diese Ruinen kennen wir heute. Als Baustoff dienten Ziegel und Holz. Eine Reihe von Räumen öffneten sich zum großen Innenhof. Gut geplante Lichtschächte erhellten die inneren Zimmerfluchten. Die Innenwände waren verputzt und oft mit hervorragend ausgeführten und farbenfreudigen Fresken dekoriert. Die Fußböden hatte man häufig mit Alabasterplatten ausgelegt. Aber am meisten überraschen die sanitären Anlagen, die dem technischen Stand des 18. Jahrhunderts n. Chr. in Europa entsprechen. Licht, Luft und freie Raumgestaltung imponieren.
Diese Kultur ist anders als die Kulturen am Ostrand des Mittelmeeres der gleichen Zeit, sie steht unseren heutigen Idealen in vielem nahe. Diesen Eindruck vermittelt auch die Kunst. Die Darstellung einer menschlichen Figur in Fresken, auf der hervorragenden Keramik oder in einem winzigen Relief auf den geschnittenen Siegelsteinen entspricht in Farbe und realistischer Wiedergabe durchaus den Vorstellungen unserer Zeit.
Das Ende dieser Kultur ist noch umstrittener als ihr Beginn. Eine weitgehend anerkannte Version (neben der es noch etliche andere gibt) besagt, dass ein verheerender Vulkanausbruch um 1450 v. Chr. auf der etwa 100 km nördlich der kretischen Küste gelegenen Insel Thera die minoische Kultur zerstört habe. Es wird vermutet, ein großer Teil Kretas sei in der Folge mit Asche bedeckt, durch Erdbeben verheert und von Flutwellen überschwemmt worden.
Nach dieser Zerstörung wurde offenbar nur Knossos wieder aufgebaut. Aber das neue Knossos ist anders als das alte. Die neuen Herrscher benützten die Linear B-Schrift, sie waren Krieger. Linear B gilt heute als Ableitung von Linear A. Die Sprache von Linear B ist jedoch eine Frühform des Griechischen. Das könnte ein Hinweis auf die Eroberung der Insel durch griechisch sprechende Mykener vom Festland aus sein. Sie nutzten nach dem Vulkanausbruch auf Thera die Zeitspanne, in der alles darniederlag, und verdrängten die Minoer aus ihrer Stellung als Beherrscher der Handelsrouten. Das urbane Minoische wurde verdrängt durch das provinzielle Mykenische, die Paläste schwanden aus dem Bewusstsein.
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