Keltische Mythologie

Auf Spuren der Kelten stoßen wir immer wieder. Ihre Kultur begegnet uns in der Folklore Irlands, Schottlands, Wales oder der Bretagne. Ihre Sagen, wie das walisische Mabinogion oder die
Geschichten um König Arthus und seine Tafelrunde, sind in Literatur, Film und Fernsehen gegenwärtig.

Man denke nur an den Bestseller-Erfolg von Marion Zimmer Bradleys Roman »Die Nebel von Avalon« oder an das Leinwand-Epos »Excalibur«.

Wer waren die Kelten?
Die archäologische Forschung und die historisch überlieferten Zeugnisse der Kelten deuten darauf hin, dass man sich unter dem Begriff Kelten kein bestimmtes Volk, sondern die Angehörigen einer bestimmten Kultur vorzustellen hat. Wahrscheinlich entwickelte sich diese Kultur gegen Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends zunächst unter indogermanischen Stämmen des südeuropäischen Raumes und breitete sich in mehreren Völkerwanderungen über Mitteleuropa bis zu den britischen Inseln aus. Seinen ersten künstlerischen und sozialen Höhepunkt erreichte das Keltentum 500 vor Christi in der sogenannten Latene-Kultur, die nach einer Ausgrabungsstätte am Genfer See in der Schweiz benannt wurde. Etwa um diese Zeit erscheint auch zum ersten Mal der Begriff »Kelten« und zwar in den Schriften de s Historikers Hecateus. In der Forschung zeichnet sich ab, dass es unter den keltischen Völkern zwei Hauptgruppen gegeben hat, von denen nicht klar ist, ob sie tatsächlich unterschiedliche Völker darstellten oder einfach aus einer unterschiedlichen Lebensweise entstanden.

Eine bäuerliche, in der Metallbearbeitung sehr bewanderte keltische Kultur breitete sich seit 1200 v. Christi durch ganz Europa aus und vereinigte sich friedlich mit den existierenden lokalen Megalith Kulturen. Diese keltische »Welle« erreichte bereits früh auch die westlichen Inseln Europas. Ihnen folgten ab dem 6. Jahr v. Christi Kelten aus dem Balkan und den Karpaten, die von einer kriegerischen Militäraristokratie beherrscht wurden und regelrechte Raubund Eroberungszüge veranstalteten. Historisch überliefert ist ihr Überfall auf Rom im 4. Jahrhundert vor Christi. Im Westen Europas bestand bereits lange eine fortschrittliche keltische Kultur, die von den kriegerischen »Festlandskelten« der zweiten Wanderungswelle überrannt und erobert wurde. Viele keltische Sagen spiegeln diese verschiedenen Einwanderungs - und Eroberungswellen wider, die besonders deutlich in den Mythen des Inselreiches Irland zu erkennen sind. Das Keltentum des Westens entwickelte sich in seiner Randlage zu besonderer Eigenständigkeit und blieb am längsten als eigenständige Kultur erhalten, nachdem die kontinentalen Kelten von der Militärmaschine des römischen Imperiums besiegt worden waren und ihre Kultur ab dem 1. vorchristlichen Jahrhundert von der griechisch-römischen Zivilisation des Mittelmeerraumes verdrängt, überlagert und aufgesaugt wurde.

Druiden und Mönche
Im Mittelpunkt des keltischen Geisteslebens stand die Priesterschaft der Druiden, die ihr Wissen und ihre Überlieferungen nur mündlich weitergegeben zu haben scheint. Schon zur Zeit Cäsars war Britannien das Zentrum der von den Druiden gelehrten und praktizierten Religion der Kelten, und die römische Verfolgung der Druiden scheint eine der Hauptursachen für den Niedergang der keltischen Kulturen nach Christi Geburt gewesen zu sein. Auf den schwer zugänglichen Inseln des Westens gelang es aber trotzdem, viele der druidischen Überlieferungen zu bewahren und aufzuzeichnen. Denn hier gingen Barden und Druiden eine einmaligen Symbiose mit den ab dem 2. Jahr nach Christi auftauchenden christlichen Missionaren ein. Es entstand eine keltische Kirche mit einer von Rom völlig unabhängigen christlichen Tradition, die erst im 8. Jahrhundert endgültig durch das Papsttum vernichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Mönche vieler christlicher Klöster bereits begonnen, die keltischen Überlieferungen ihrer Väter aufzuzeichnen und konnten sie auch über die folgenden Jahrhunderte retten.

Die schriftlichen Zeugnisse keltischer Kultur, die uns bis heute erhalten sind, gehen weitgehend auf diese Aufzeichnungen in den Klöstern von Irland und Wales zurück. Als die Mönche das keltische Kulturerbe aufzuzeichnen begannen, waren auch die Inselkelten lange vielfältigen Einflüssen anderer Kulturen ausgesetzt gewesen, sodass sich in der Mythologie urkeltische, nordische, christliche und auch griechisch-römische Einflüsse linden lassen. So umfasst die keltische Mythologie, wie sie von diesem Lexikon präsentiert wird, Sagenfiguren und Überlieferungen keltischen Ursprungs aus der Inselwelt Britanniens, in denen sich auch solche nicht-keltischen Einflüsse spiegeln. Eine »reine« keltische Mythologie ist nirgendwo aufgezeichnet worden. Aber die Sagenwelt der westlichen Inseln Europas ist keltischen Ursprungs, und wenn man überhaupt von einer erhaltenen keltischen Mythologie sprechen kann, so findet sie sich in den diesem Buch zugrunde liegenden Sagen und Legenden Irlands und Großbritanniens.

Die Sage vom König Arthus
Keine Sagengestalt, deren Ursprung in den Überlieferungen der keltischen Mythologie zu finden ist, besitzt auch außerhalb der ehemaligen keltischen Siedlungsräume bis auf den heutigen Tag solche Popularität wie der legendäre König Britanniens mit seinem Schwert Excalibur, seinem Hofzauberer Merlin und den Rittern seiner Tafelrunde. An der Arthus-Sage zeigt sich besonders, wie ursprünglich keltische Elemente eines Sagenkreises über die Jahrhunderte hinweg durch andere Kultureinflüsse verfärbt und weiterentwickelt wurden.

Ob Arthus tatsächlich ein historischer Herrscher Britanniens aus dem 6. oder 7. Jahrhundert nach Christi war, wird sich wohl niemals mit Sicherheit sagen lassen. Erste Erwähnung findet er bei englischen Chronisten des 10. Jahrhunderts, die sich bereits auf ältere Aufzeichnungen berufen. Von da an wird seine Figur immer populärer und findet zwei Jahrhunderte später in der Dichtung höfischer Minnesänger Verbreitung in ganz Europa. Die keltischen Elemente der Sage sind es, die ihr bis heute ihre Eigenart geben: der Druide Merlin, der Feen und Zauberinnen der keltischen Anderswelt, die magischen Zaubermittel Schwert und Kelch - all das sind Bilder aus der keltischen Geisteswelt. Über die Geschichten von Arthus sind sie uns bis heute erhalten geblieben. Und oft begegnet uns in literarischen oder unterhaltenden Nacherzählungen der Arthus -Sagen das Keltentum zum ersten Mal.
Merlins Zauberei, Arthus Ritterlichkeit und Königtum und die Taten seiner Ritter spiegeln das letzte Aufleuchten der untergehenden keltischen Kultur wider, die langsam, aber unaufhaltsam von christlichen und nordischen Einflüssen verdrängt und überlagert wird. Nicht zufällig besiegt Arthus zum letzten Mal die angelsächsischen Eroberer, die bald nach seinem Tod zu den Herren Britanniens werden, nur um dann Jahrhunderte später selbst den normannischen Invasoren zu erliegen. Aber wenn auch von der materiellen und sozialen Kultur der Kelten nichts geblieben ist, zeigen sich ihre Mythen in der Gestalt des Arthus äußerst lebendig. Sie gehören zum kulturellen Erbe Europas, und sie nicht zu kennen bedeutet, einen bestimmten geistigen Bereich unserer Welt noch nicht entdeckt zu haben.
 
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