Konfuzius und der Konfuzianismus

Aus der Zeit der Schang-Dynastie (16. bis Mitte des 11. Jahrhunderts v. Chr.) sind zahlreiche Orakelknochen erhalten, die den Archäologen Hinweise auf die Religion des alten China geben. Die auf den Knochen eingeritzten Texte vermitteln das Bild einer Welt, die von den Geistern verstorbener Könige (ti), von Ahnen, Naturgöttern und Schutzgeistern beherrscht war. Im 11. Jahrhundert v. Chr. fielen die aus dem Westen kommenden Turkstämme, die Dschou (1050-256 v. Chr.), über die Schang-Dynastie her und zerstörten sie. Die Dschou hatten die Überzeugung, im Auftrag des »Himmels« das Land zu regieren. Man glaubte, dass der »Himmel« (t'ien) oder der »Herrscher in der Höhe« (Schangti) das Universum lenke, die Jahreszeiten festsetze, allen Menschen und Tieren Fruchtbarkeit schenke und den Kreislauf von Leben und Erneuerung reguliere.

Der politische Herrscher war zugleich auch Priester: Er vollzog die Riten zur Aufrechterhaltung der Naturordnung. Aus der frühen Dschou-Periode sind auch Urkunden erhalten, auf die sich Konfuzius beruft. Sie enthalten die Vorstellung von den polaren, aber sich ergänzenden (komplementären) Urkräften Jin und Jang sowie die Forderung nach Ehrfurcht gegenüber dem »Himmel« (t'ien) und den Ahnen.

Das Leben des Konfuzius
Konfuzius (latinisierte Form von Kung-fu-dse) wurde um 551 v. Chr. in Küfou in der Provinz Schantung geboren und starb um 479 v. Chr. Er war adeliger Abstammung, wuchs aber in kargen Verhältnissen auf. Enttäuscht von einer politischen Karriere, widmete er sich der Erziehung junger Leute für den Staatsdienst.

Er gründete eine eigene Schule, eine der ersten in China. Ohne Anspruch auf Originalität lehrte er das, was er für das Wertvollste der überkommenen Weisheiten hielt, und erörterte die Lebenskunst in einem Stadtstaat. Wenn Konfuzius die Tradition auch nur bewahren und wiederbeleben wollte, so deutete er doch die Quellen auf seine Weise und schuf ein Wertsystem, das seitdem China geprägt hat.

Mit 50 Jahren erhielt Konfuzius ein Amt in der Staatsregierung - einige behaupten, er sei Premierminister in Lu gewesen -, doch erfüllten sich seine Erwartungen nicht. Er ging daraufhin in die Nachbarstaaten. Dauerhafter Erfolg war ihm jedoch nicht beschieden. Enttäuscht kehrte er in sein Heimatland zurück und verbrachte dort seine letzten Jahre.

Die Lehren und Schriften des Konfuzius
Konfuzius gilt, wenn nicht als Autor, so doch zumindest als Herausgeber der fünf kanonischen Bücher des chinesischen Altertums. Diese sind: das »Buch der Lieder«, das Ritualgesänge früherer Dschou-Kaiser enthält, das »Buch der Urkunden«, das »Buch der Wandlungen«, die »Frühlings- und Herbstannalen« und die »Aufzeichnungen über die Riten«. Seine eigentlichen Lehren sind in den »Analekten« oder »Gesprächen« (Lun Yü) enthalten, einem kleinen Buch, in dem seine Schüler die Worte des Meisters verewigt haben. Die Gespräche lehren einen Weg der Tugend (jen), die Höflichkeit, Treue und Selbstlosigkeit einschließt. Die Herrscher sollten diese Tugend anstreben, doch sei sie fast eine Eigenschaft von Heiligen. Der vollkommene Fürst sollte tugendhaft regieren, sein Verhalten dem überlieferten Ritual entsprechen. Das Ritual, so Konfuzius, beschränkt sich nicht auf den Gottesdienst, sondern enthält auch Regeln für die rechte Kleidung, die guten Sitten und die persönliche Moral. Konfuzius beschrieb dies als den »Weg des wahren Edelmannes«. Die Ehrfurcht (hsiao) den Eltern und Vorfahren gegenüber verfocht er ebenso wie die Einhaltung einer Rangordnung in den Beziehungen zwischen Herrscher und Untergebenem, zwischen Vater und Sohn, älterem und jüngerem Bruder, Mann und Frau, von Freund zu Freund. Konfuzius glaubte an das Höchste Wesen, doch hielt er einen Kult, bei dem der Dienst am Menschen vernachlässigt wird, für sinnlos.

Konfuzius und Laodse (wahrscheinlich 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr., nach chinesischer Tradition 604 v. Chr.) waren eher Lehrer als Religionsstifter, auch wenn die ihnen zugesprochene Literatur den Rang von heiligen Schriften im Konfuzianismus bzw. Daoismus einnehmen und Teil der Gesamtkultur Chinas sind. Meng-dse (372-289 v. Chr.) und Hsün-dse (um 313 - um 238 v. Chr.) pflegten die Lehren des Konfuzius und entwickelten sie weiter. Seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. erkannte man diese Lehren als verbindliche Staatsdoktrin und ethische Richtlinien für die Oberschichten an.

Häufig wird versichert, der Konfuzianismus sei keine Religion, doch sollte man diese Feststellung modifizieren. Vor Beginn der christlichen Zeitrechnung pflegten die Herrscher am Grab des Konfuzius Opfer darzubringen - ein Brauch, der sich über mehrere Jahrhunderte erhielt. Doch damit galt Konfuzius nicht als Gott, sondern als ein großer Weiser, der als »Lehrer der Zehntausend Generationen« verehrt wurde. Die in der chinesischen Tradition bereits angelegte Verehrung der Vorfahren führte bei Konfuzius selbst zu einem Ahnenkult, der ein Bestandteil des Konfuzianismus ist. Die besondere Stellung des Herrschers und seine Ritualhandlungen zum Wohle des Volkes gehören ebenso zum Konfuzianismus wie die ethischen Lehren.

In jüngster Zeit hat man Konfuzius einerseits als Feudalaristokrat angegriffen, andererseits als größten Lehrer des alten China gepriesen. Trotz der Abkehr von der Tradition erweist sich auch das moderne China als tiefgreifend vom Konfuzianismus geprägt: Die Toten werden noch in Ehren gehalten, und viel Zeit und Geld wird zur Bewahrung von Tempeln und Gräbern verwandt.
 
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Referat: 1157 - Konfuzius und der Konfuzianismus
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