Bis vor einigen Jahrzehnten hat man die römische Kunst nur als Übergangsstufe von der Kunst Griechenlands zu der des Mittelalters betrachtet. Allgemein war die Auffassung verbreitet, die römische Kunst sei ausschließlich an griechischen Vorbildern orientiert und böte nur wenig Eigenständiges. Inzwischen hat sich diese Ansicht überlebt, die Eigenständigkeit der römischen Kunst ist überall anerkannt.
Bis gegen Ende der republikanischen Zeit unterscheiden sich die Kunstwerke von der italischen Kunst und der der Etrusker nicht. Dann erst, besonders aber im 1. Jahrhundert v. Chr., wird ein eigener Charakter sichtbar, der zur römischen Kunst der Kaiserzeit und der Spätantike führt.
Die Baukunst
Die Kunst der Republik ist durch die italisch-etruskische Tradition und die griechische Form bestimmt. Letzteres zeigt sich in der Verwendung des Materials. Statt Holz benutzt man für den Tempeloberbau Stein. Ton und Kalkstein werden durch Marmor verdrängt, der in Italien immer vorhanden war, früher aber bewusst verschmäht wurde.
Die Technik hat auf die römische Baukunst weit mehr Einfluss gehabt als auf die griechische. Ziegelbau und Gussmörteltechnik werden eingeführt. Imposante Ingenieur-Bauten wie Brücken und Aquädukte entstehen sowie die großen Straßen, die das Reich durchziehen. Das Gewölbe, bereits in Mesopotamien angewandt, haben sie für ihre Bauten verwendet - es war die Voraussetzung für ihre Bautechnik (z. B. bei dem Aquädukt Pont du Gard).
Bei den Griechen waren Dekoration und Konstruktion identisch. Die Römer trennten beide Elemente: Säule und Gebälk wurden Dekoration, allein der Bogen, das Gewölbe, blieb Konstruktionselement.
Aus der hellenistischen Baukunst übernahmen die Römer die Basilika und behielten sie, umgeformt und den eigenen Vorstellungen angepasst, als wichtigsten Bestandteil ihrer Baukunst bis zum Ende ihres Schaffens bei. Die Basilika bestimmte den europäischen Kirchenbau sogar bis ins Barock, etwa die Basilika Julia in Rom, 54 v. Chr. von Cäsar begonnen, sowie die Basilika am Forum in Pompeji, Baubeginn etwa um das Jahr der Geburt Christi.
Das Theater wurde in Rom ein freistehender Steinbau, der eine Fassade brauchte und riesige Ausmaße erreichen konnte wie das Marcellus-Theater in Rom, 13 v. Chr. vollendet. Allein durch die zielbewusst angewandte Gewölbetechnik konnten so großartige Bauwerke entstehen. In der römischen Sakralarchitektur, für die der Architrav kennzeichnend ist, hat man diese technischen Möglichkeiten kaum genutzt, vielmehr übernahm man die griechischen Säulenordnungen, vor allem die korinthische.
Im Wohnhausbau überwog das Atrium-Haus, das von dem Peristyl-Haus im 1. Jahrhundert n. Chr. dann verdrängt wurde. Einzigartig in der Größe war das Mausoleum, das Augustus für sich und seine Familie bauen ließ. Er griff auf die Rundform der italisch-etruskischen Tradition zurück, ähnlich wie später Kaiser Hadrian beim Bau der Engelsburg.
Unter den Flaviern erreichte die römische Baukunst ihre Blütezeit, die auch ihren eigentlichen Ruhm erst begründete. Das Amphitheatrum Flavium (Kolosseum) wurde der Typ des Amphitheaters schlechthin, die einheitliche Komposition der Titus-Thermen bestimmte von nun an den Thermenbau.
Die Malerei
Die Wände von römischen Gebäuden schmückten Malereien und Stuck. Nachdem man Pompeji ausgegraben hatte, wurde die römische Malerei in vier Stilepochen eingeteilt: Der I. Stil (republikanische Zeit) ist hellenistisch, vornehmlich handelt es sich um Architekturmalerei und Fußbodenmosaiken. Im II. Stil (späte republikanische Zeit) entstehen eigene Ausdrucksformen wie die Illusionsmalerei, die den Raum weitet und barocke Grenzenlosigkeit anstrebt wie beispielsweise in der Villa ad Gallinas der Livia bei Primaporta.
In der Epoche des III. Stils (augusteische Kaiserzeit) dominieren ägyptische Motive: Man verzichtet darauf, Illusionen zu schaffen, etwa den Raum auszuweiten. Die Malerei bleibt der Fläche verhaftet. Der IV. (der pompejanische Dekorations-) Stil erzeugt mit seiner Fülle von Architekturdetails übernatürliche Vorstellungen, die mehr erschüttern als erfreuen. Das 2. und 3. Jahrhundert bringen eine gewisse Erstarrung der Malerei, später belegen die Fresken der Katakomben dann eine Hinwendung zu bedeutungshaltigen Bildmotiven, häufig mit christlicher Symbolik.
Die Plastik
Der Bedarf an Statuen für öffentliche Plätze, Tempel und private Gebäude war sehr groß. Für die Beschaffung sorgten die römischen Legionäre, die sich bei ihren Feldzügen zu eifrigen Kunsträubern entwickelt hatten. Im übrigen fertigten griechische Künstler genügend Kopien klassischer Werke an. Als Neuschöpfungen auf griechischer Grundlage entstanden Toga- und Panzerstatuen. Diese sollten wohl mehr die auf dem besonderen Geschichtsbewusstsein des Römers beruhenden Bedürfnisse befriedigen. In der römischen Skulptur dominierten das Relief und die Porträtplastik. Neben das ornamentale trat das historische Relief, das die plastische Kunst der Römer bis zur Spätantike repräsentierte (Arapacis, Titusbogen, Trajanssäule).
Die Bildnisse gaben den individuellen Charakter eines Menschen wieder. Die römische Porträtkunst erreichte im 3. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Unter Augustus erfuhr die Steinschneidekunst eine neue Blütezeit, in der ebenso wie auf Sarkophagen die stark verwurzelte Neigung zu »barocker« Haltung deutlich wurde.
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