Indien (300 bis 1200)

Nach Jahrhunderten politischer Zersplitterung und fremder Herrschaft wurde Indien unter der Gupta-Dynastie (320-480) wieder zu einer Einheit - Indiens klassische Zeit. Im Süden des Subkontinents formierte sich ein anderer großer Staat unter den Pallawa.

Die Gupta-Dynastie und ihr Imperium
Die Gupta-Könige, insbesondere Samudragupta (Regierungszeit 330-375), Tschandragupta II. (Regierungszeit 375-415) und Kumaragupta (Regierungszeit 415-455), errichteten sowohl durch Eroberungen als auch durch diplomatische Aktivitäten ein großes Reich, das sich beinahe über das ganze nördliche Indien erstreckte.

Gute Verkehrsverbindungen, Sicherheit im Inneren und ein verhältnismäßig hoher Wohlstand schufen eine Atmosphäre, in der die indische Kultur eine unübertroffene Blüte erreichte: Die Werke des Dichters Kalidasa (4./5. Jahrhundert) bestechen durch eine oft nachgeahmte, aber nie übertroffene sprachliche Meisterschaft. Der sich durch Anmut und Disziplin auszeichnende Stil der Gupta-Zeit war ein Höhepunkt der indischen Kunst im Tempelbau, in der Plastik und Malerei, es fehlte jedoch noch der alles überwuchernde plastische Schmuck, der nach dem 7. Jahrhundert bezeichnend für indische Kunst ist.

Fa-hsien, ein buddhistischer Pilger, der zwischen 399 und 414 auf der Höhe seines Ruhmes stand, besuchte Indien am Anfang des 5. Jahrhunderts. Er berichtete von dem Reichtum, dem er bei seiner Reise überall in Indien begegnete. Dieser Bericht wird auch durch die Funde vieler Goldmünzen des Gupta-Reiches bestätigt.

Zu Beginn des 6. Jahrhunderts drang der Nomadenverband der Hephthaliten, der Weißen Hunnen, aus dem Nordwesten in Indien ein, sie rückten bis Zentralindien vor. Diese Invasion halten viele Fachleute für die Hauptursache des Niedergangs des Gupta-Reiches. Die Hunnen hätten aber wohl niemals Erfolg gehabt, wäre das Gupta-Reich im Inneren noch gefestigt gewesen.

Die Vertreibung der Hunnen aus Indien
Obwohl die Hunnen nach 30 Jahren weichen mussten, blieb Nordindien nicht geeint, sondern wurde unter den rivalisierenden Mächten Suraschtra, Uttar Pradesch und Bengalen aufgeteilt.

Auch im südlichen Indien - in den heutigen Staaten Madras und Kerala - gab es wichtige Veränderungen. Eine wohlhabende und gebildete Gesellschaft (die in der klassischen Tamil-Literatur beschrieben wird) lebte in diesem Gebiet mindestens seit Beginn der christlichen Zeitrechnung. Im 4. Jahrhundert n. Chr. machte die Pallawa-Dynastie Kantschi (früher Conjeeveram) zum Mittelpunkt eines großen Königreiches. Obwohl viel kleiner als das Gupta-Reich im Norden, war es doch von großer Bedeutung. Die Pallawa errichteten eine Art föderativer Regierungsform, in der die Macht zwischen der zentralen und der Provinzialregierung geteilt war - eine Form, die zu einer gewissen politischen Stabilität führte. Die südindische Ostküste blieb bis 880 unter der Pallawa-Herrschaft, anschließend kam sie bis 1200 unter die Regierung der Tschola.

Die Pallawa begünstigten die Brahmanen, diese wiederum schufen hervorragende Erziehungseinrichtungen. In Kunst und Architektur entwickelte sich ein selbstständiger drawidischer Stil (genannt nach der in Mittel- und Südindien vorherrschenden Sprache), der in den monolithischen Heiligtümern und Felsreliefs von Mamallapuram (»Sieben Pagoden«) seinen Höhepunkt erreichte. Die Pallawa trugen mehr als andere Inder zur Verbreitung der indischen Kultur in Südostasien bei.

Der Einfluss von Harscha von Kanaudsch
Der größte Teil Nordindiens wurde vorübergehend durch Harscha von Kanaudsch (606-647) geeint. Bana, ein Hofdichter, der in Sanskrit schrieb, und ein chinesischer Pilger (Hsüan-tsang, 596-664) haben voller Bewunderung über Harschas Laufbahn geschrieben, dem sie sowohl hohe Staatskunst wie auch angemessene Sorge für das Wohlergehen seiner Untertanen attestierten.

Nach Harscha setzte in Nordindien eine fortschreitende politische Zersplitterung ein. Der Staat zerfiel in kleinere Einheiten, die zunächst noch von der Zentralregierung abhängig waren, dann aber allmählich Unabhängigkeit erlangten. Harschas Hauptstadt Kanaudsch wurde 750 zum machtpolitischen Zentrum der Pratihara-Dynastie. Diese Dynastie beherrschte das Gebiet der jetzigen Staaten Uttar Pradesch, Pandschab und Radschasthan. Jedoch noch vor dem Ende des 9. Jahrhunderts war die Autorität der Pratihara-Dynastie wieder eingeschränkt, und zwar auf Teile des Pandschabs und Uttar Pradeschs, während verschiedene Radschput-Dynastien in Radschasthan regierten. Binar und Bengalen standen unter der Herrschaft der buddhistischen Pala-Dynastie (um 750-1150).

Während dieses politischen Verfalls unternahm der muslimische Mahmud von Ghasni, Sultan von Ghasni und Khorasan (Regierungszeit um 998-1030), zwischen 1000 und 1026 einige Angriffe gegen Nordindien. Obgleich sich die indischen Armeen tapfer schlugen, waren sie dem Gegner unterlegen.

In Südindien gab es zu dieser Zeit keine Verfallserscheinungen. Die Tschola regierten eines der größten indischen Reiche. Ihre Könige fielen im Gebiet des heutigen Sri Lanka und Bengalen ein. Sie unternahmen sogar eine groß angelegte Marineoperation in Südostasien. Während Nordindien unter politischer Zersplitterung und muslimischen Einfällen zu leiden hatte, schuf das Tschola-Königreich Bedingungen, in denen der Hinduismus aufblühte.
 
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