Das Gehirn besteht aus zwei Hälften, der linken und der rechten Hemisphäre. Schon seit längerer Zeit weiß man, dass die linke Hemisphäre die rechte Körperhälfte kontrolliert, während die rechte Gehirnhälfte für Aktivitäten der linken Seite zuständig ist. Als man jedoch elektromagnetische Gehirnwellen, wie sie bei bestimmten Denkvorgängen entstehen, zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgte, zeigte sich, dass darüber hinaus jeder Hemisphäre eine Reihe unterschiedlicher geistiger Aktivitäten zugeordnet ist. Die linke Hemisphäre ist besonders für Sprache, Rechnen, Logik, Kritik und andere intellektuelle Denkprozesse verantwortlich, die rechte mehr für intuitive und kreative Vorgänge, für Phantasie, Formgefühl, Musikalität. Humor scheint aus dem Zusammenwirken beider Gehirnhälften zu entstehen.
Durch ein Erziehungssystem, das sich hauptsächlich auf Lesen, Schreiben und Rechnen gründet, wird in praktisch allen Zivilisationen vorwiegend die linke Hemisphäre geschult. Die mehr kreative Seite des Menschen wird hier vernachlässigt und der Mensch somit daran gehindert, alle seine Begabungen voll zu entfalten. Es scheint, dass Kreativität, Produktivität und allgemeine Intelligenz gesteigert werden können, wenn man beide Gehirnhälften zur Zusammenarbeit anregt. Nebenbei ergaben diesbezügliche Forschungen auch, dass der Mensch physisch gesünder ist, wenn die rechte und linke Hemisphäre harmonisch zusammenwirken. Stress-bedingte Krankheiten wie Magengeschwüre, Rückenschmerzen oder bestimmte Formen des Bluthochdrucks können so gelindert werden. Bei manchen Kindern lassen die intellektueller Leistungen wegen der Verkrampftheit, mit der sie sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren suchen, zu wünschen übrig. Diesen Kindern kann man helfen, indem man sie zeitweise mit Farben und Malen beschäftigt.
Was die geistigen Fähigkeiten des Menschen eigentlich ausmacht, darüber haben sich weder Psychologen noch Erzieher oder Philosophen bisher einigen können. Je mehr man aber über die Funktionen des menschlichen Gehirns in Erfahrung bringt, desto wunderbarer scheint es zu sein. Dazu ein Beispiel: Ein Computer mit der Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns müsste so groß sein wie unser Mond, und selbst unter Aufbietung allen derzeitigen Wissens könnte ihn kein Mensch zum Funktionieren bringen.
Geist und Materie
Früher glaubte man, dass der Mensch aus Geist und Materie geschaffen sei. Die Materie kann man sehen und fühlen, sie nimmt einen bestimmten Raum ein und hat ein bestimmtes Gewicht. Auch Geistiges ist wahrnehmbar, doch kann man es weder sehen noch berühren. Während der letzten 200 Jahre wurde dieses Thema viel diskutiert. Die radikalen Materialisten leugneten die Existenz des Geistigen überhaupt und glaubten, alles habe seinen Ursprung im Körperlichen. Andere wieder hielten alles Körperliche für eine Illusion.
Noch bis vor kurzem war man überzeugt, dass der Verstand eines Menschen von der Größe seines Gehirns abhinge. Doch dann wog man Gehirne Verstorbener und sah, dass geistige Fähigkeiten mit Größe und Gewicht des Gehirns nicht ausreichend übereinstimmen. Später nahm man an, dass die Zahl der vorhandenen Zellen den Intelligenzgrad bestimmte. Aber auch diese Hypothese musste bei genauerer Prüfung wieder verworfen werden.
Jede Nervenzelle im Gehirn hat fadenförmige Fortsätze, sogenannte Dendriten, die sie mit anderen Zellen verbinden. Individuelle Variationen und Kombinationen in dem Netzwerk dieser Verbindungen sind vielleicht für die geistigen Fähigkeiten des einzelnen verantwortlich. Jedenfalls gibt es in jedem menschlichen Gehirn unvorstellbar viele davon Stein, kam kürzlich auf die Idee, dass die beiden Hälften des Gehirns (die linke und die rechte Hemisphäre) ganz verschiedene Funktionen erfüllen könnten. Die linke Hälfte ist mehr für intellektuelle, die rechte für schöpferisch künstlerische Vorgänge zuständig. Mit verstärktem Interesse hat man sich der Tätigkeit der rechten Gehirnhälfte und damit der Erforschung der mehr schöpferischen und intuitiven Seite des menschlichen Geistes zugewandt.
Unter den wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema gibt es viele, die sich mit dem Schlaf befassen. Versuche über Schlafentzug von John Lilly und Mitarbeitern ergaben - sehr zur Überraschung der Forscher - folgendes: Menschen können anscheinend mit sehr wenig Schlaf auskommen, vorausgesetzt, man gestattet ihnen zu träumen. Versuchspersonen, die zwar wenig schlafen, dabei aber träumen durften, waren lediglich etwas reizbarer als sonst. Solche, die nicht träumen durften, entwickelten binnen kurzem schwere Störungen, wobei einige am helllichten Tage zu halluzinieren begannen. Anders ausgedrückt: Der Mensch muss träumen können, und wenn man ihn zur Schlafenszeit daran hindert, so gleicht er das tagsüber aus.
So kamen die Forscher zu dem Schluss, dass zwar das Schlafbedürfnis individuell sehr stark variiert, dass jedoch die wenigsten Menschen darauf verzichten können, ihren schöpferischen Fähigkeiten und ihrer Phantasie im Traum freien Lauf zu lassen. Allerdings gibt es auch einige, die kaum Schlaf brauchen und trotzdem wenig träumen.
Weitere Arbeiten über Traum und Phantasie haben gezeigt: Es kann nicht der Sinn des Träumens sein, Angst und Schuldgefühle zu wecken. Vielmehr sind Träume so etwas wie ein Spielplatz der Seele. Hier darf sie sich an Phantasiegeschichten, -spielen und -bildern erfreuen, die natürlich auch eine beratende oder warnende Funktion haben können. Der Mensch, der sich zu seinen Träumen bekennt und aufhört, sie als unbedeutend oder gar peinlich zu betrachten, wird entspannter und produktiver, ja ?vollkommener? sein. Schon viele Kunstwerke wurden durch Träume inspiriert, so das Gedicht ?Kubla Khan? des bedeutenden englischen Romantikers Samuel Taylor Coleridge (1772-1834) und einige Erzählungen Edgar Allan Poes (1809-49), basieren auf seinen Alpträumen. Der deutsche Chemiker August Kekul (1829-96) erkannte die Ringstruktur des Benzols im Traum.
Die Macht des Geistes
Die neuesten Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass der Mensch bisher nur einen kleinen Teil seiner geistigen Fähigkeiten nutzt. Doch könnten uns ein besseres Verständnis der Hirnfunktionen und ein genaueres Wissen um Erinnerungsvermögen, Merk- und Lernfähigkeit, schöpferische Prozesse und Körper-Geist-Beziehung unerhörte neue Möglichkeiten eröffnen. Nach bisherigen Erkenntnissen scheint das menschliche Gehirn die subtilste Konstruktion überhaupt zu sein. Erst allmählich fällt etwas Licht auf die komplizierten Zusammenhänge.
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