Das Zusammenspiel psychischer und Körperlicher Prozesse

Der menschliche Organismus ist - schon wenige Wochen nach der Empfängnis - ein hochkompliziertes Gebilde mit vielen voneinander abhängigen Systemen und verwickelten, millionenfach ablaufenden Lebensvorgängen. Bei aller Komplexität spielen sich die Prozesse mit größter Präzision ab. Im Übrigen lassen sie sich auf eine begrenzte Zahl chemischer Reaktionsformen zurückführen.

Das Leib-, Seele-Problem
Während die physiologischen Vorgänge, die in unserem Körper und speziell im Gehirn ablaufen, schon weitgehend bekannt sind, ist die Frage des Zusammenwirkens körperlicher (physiologischer) und psychischer Prozesse und damit auch das der »Person« als ihrer Einheit noch völlig offen. Das körperliche und psychische Vorgänge nicht unabhängig voneinander sind, sondern in enger Beziehung stehen, wird z. B. an den psychosomatischen Erkrankungen sichtbar, körperlichen Störungen, die durch psychische Faktoren mit verursacht sind (z. B. Bluthochdruck und Magengeschwüre). Wir wissen auch, dass psychische Zustände die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten beeinflussen. Ausmaß und Einzelheiten des Verhältnisses zwischen physiologischen und psychischen Vorgängen sind aber noch weitgehend unbekannt. Offenbar besteht zwischen beiden keine unmittelbare Kausalbeziehung, sondern ein mittelbarer wechselseitiger Einfluss.

Besser bekannt sind die Vorgänge bei der zentralen Kontrolle körperlicher Vorgänge. Alle Steuerungsprozesse dienen der Erhaltung eines maximalen Wirkungsgrades der Funktionen des Organismus. Wie die meisten höheren Tiere verfügt der menschliche Organismus über zwei Steuerungssysteme für die unwillkürlich arbeitenden Organe. Das eine besteht aus Nervenbahnen, die Impulse vom Gehirn an die Organe leiten (und umgekehrt), es reguliert unter anderem Atmung und Herzfrequenz. Bestimmte Hirnzentren ermitteln z. B. ständig die verschiedensten (Blut-)Größen und stellen Atmung und Förderleistung des Herzens auf den Bedarf des Organismus ein. Das zweite Steuerungssystem, das endokrine System, wirkt durch chemische Steuerstoffe (Hormone). Es gibt mehrere Drüsen (z. B. Nebennieren, Schilddrüsen, Keimdrüsen, Hypophyse), die ihre Hormone ins Blut abgeben. Die Hormone verteilen sich im Organismus und lösen Reaktionen der Organe aus. Einige dieser Reaktionen sind lebenswichtig, z. B. die Regulation der Urinausscheidung, der Verdauung und des Stoffwechsels und die Hormonausscheidung der Nebennierenrinde in Stresssituationen. Die Hypophyse, die am unteren Rand des Zwischenhirns liegt, koordiniert die Tätigkeit der übrigen Hormondrüsen und verbindet zugleich das endokrine Steuerungssystem mit dem nervösen. Sie reagiert auf Impulse aus dem Gehirn oder auf chemische Informationen aus dem Organismus.

Hippokrates' Auffassung des Gehirns
Das Problem des Zusammenspiels von Gehirn und Organismus beschäftigte schon Hippokrates (um 460-377 v. Chr.), den bekanntesten Arzt der Antike. Seine Ansichten über die Gehirntätigkeit sind erstaunlich. Er schreibt: »Nach meiner Auffassung ist das Gehirn das wichtigste Organ des menschlichen Körpers ... Augen, Ohren, Zunge, Hände und Füße hängen in ihrer Tätigkeit von der Erkenntniskraft des Gehirns ab... Ich behaupte, dass das Gehirn der Übermittler der Vorgänge unseres Bewusstseins ist.« Bis ins vorige Jahrhundert blieb diese richtige Einsicht unbeachtet. Der bedeutendste griechische Mediziner nach Hippokrates war Galen (129-199 n. Chr.).

Während des Mittelalters traten verschiedene Spekulationen an die Stelle von genauen Beobachtungen. So glaubte man, das Gehirn sei eine Art Pumpe, die das »Pneuma« (die Gehirnflüssigkeit als Sitz der Seele) hin und her bewege.

Die Vorstellung, dass Befehle des Gehirns durch Flüssigkeiten übermittelt würden, die aus den Hirnwindungen durch die Nerven an die Muskeln wanderten, hielt sich bis ins späte 18. Jahrhundert. Damals entdeckte der Italiener Luigi Galvani (1737-98), dass sich mit elektrischem Strom an einem Froschbein Muskelzuckungen hervorrufen ließen.

Neue Theorien über das Gehirn
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt das Wissen über die Funktion des Organismus rasch zu. Die Vorgänge bei Atmung und Ernährung sowie anatomische und histologische (die Struktur der Gewebe betreffende) Zusammenhänge wurden aufgeklärt. Man stellte fest, wie nervöse Reize zum Gehirn gelangen und von ihm ausgesandt werden, und entdeckte aufgrund von Beobachtungen an Patienten mit Hirnverletzungen die Lokalisation der verschiedenen Funktionen in der Hirnrinde.

Die Erfindung der Radioröhre und des Transistors ermöglichte genaue Untersuchungen der Tätigkeit von Nervenzellen im Tier- und Menschenhirn. Die Biochemie klärte die Stoffwechselvorgänge in der Zelle auf. Die gegenwärtigen Auffassungen über die Funktion des Nervensystems orientieren sich weitgehend an Analogien aus der Computertechnik. Man fasst heute das Gehirn als ein Organ auf, das die von den Sinnesorganen gelieferten Informationen verarbeitet. Zugleich liefert es eine Vorstellung der Außenwelt. Diese Vorstellung wird ständig durch neue Informationen verändert. Höchstwahrscheinlich ist allerdings die Wahrnehmung nicht nur von den Sinneseindrücken abhängig, sondern ebenso sehr von deren subjektiver Verwertung, d. h. von der Interpretation der Erfahrung. Zwar stimmen die Menschen in der Wahrnehmung der Außenwelt weitgehend überein, doch hat jedes Individuum zusätzlich seine eigene »Wirklichkeit«.
 
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