Die Entstehung der Alphabete

Die Schrift ist wesentlicher Bestandteil jeder voll entwickelten Kultur. Sie ist eines der wichtigsten Kommunikationsmittel, das Vorliegen schriftlicher Zeugnisse markiert die Scheide zwischen Geschichte und Vorgeschichte.

Die frühesten bekannten Schriftsysteme
Die Höhlenmalereien des Steinzeitmenschen mögen ein Versuch gewesen sein, seine Vorstellungen auszudrücken. Von da ist es nur ein kurzer Schritt zur abstrahierenden Bilderschrift. Eine natürliche Weiterentwicklung der Bilderschrift sind Begriffszeichen (Ideogramme): So kann der »Sonne« bedeutende Kreis dann auch auf abgeleitete Begriffe wie »Hitze«, »Licht« oder »Tag« verweisen. Begriffszeichen bilden ein Merkmal selbst so verschiedener Schriften wie der Maya-Hieroglyphen und der geheimnisvollen Schrift der Osterinsel im Stillen Ozean. Auch noch in den intellektuell weiterentwickelten Schriftsystemen wie den ägyptischen Hieroglyphen sind sie deutlich. Unter ihren annähernd 600 Zeichen finden sich Wörter (»Mensch«, »Gesicht«), erklärende Zusätze, die anzeigen, wie das vorangehende Zeichen zu verstehen ist (etwa als abstrakter Begriff), und solche Zeichen, die Silben und - in Vorwegnahme eines wirklichen Alphabets - auch schon Mitlaute kenntlich machen.

Das erste bekannte Schriftsystem, das im eigentlichen Sinn die Bezeichnung Schrift verdient, wurde im 4. Jahrtausend v. Chr. von den Sumerern ersonnen. Ihre Keilschrift leitet sich letztlich von Ideogrammen ab, wurde aber bald zu einem System formalisierter Schriftzeichen mit unmissverständlichen Lautwerten.

Die bedeutendste der nichtalphabetischen Schriften ist die chinesische. Ihre von bildlichen Begriffszeichen abgeleiteten Schriftzeichen stellen ganze Wörter dar, der gelehrte Kenner des Chinesischen muss mit mindestens 9000 Bildern und Symbolen vertraut sein, während die Alltagssprache mit 1500-2000 Schriftzeichen auskommt. Die meisten (sekundären) Zeichen sind aus sinntragenden Wurzelelementen und den die Aussprache anzeigenden differenzierenden Lautzeichen zusammengesetzt.

Die Entwicklung der Alphabete
Bilder- und Begriffsschriften (Ganzwortschriften) sind unabhängig voneinander in verschiedenen Teilen der Welt entstanden. Im Gegensatz dazu ist das Alphabet (Buchstabenschrift) nur einmal erdacht worden, und zwar in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. durch die im syrisch-palästinensischen Gebiet ansässigen Semiten. Dieses erste (nordsemitische) Alphabet bestand aus 22 Mitlautzeichen, die Schrift verlief von rechts nach links. Es spaltete sich in zwei Hauptzweige, von denen einer direkt zum alten Hebräischen und Aramäischen sowie indirekt zum Arabischen führte. In seiner heutigen Form besteht das weitverbreitete arabische Alphabet aus 28 Zeichen, es hat konsonantischen Charakter und wird wie seine Vorläufer von rechts nach links geschrieben.

Bei der Ausbreitung des Alphabets nach Osten spielte das Aramäische eine entscheidende Rolle. Von ihm leiten sich letztlich die vielen in Indien und Südostasien gebräuchlichen Alphabete ab, sowohl die eckigen Formen etwa der Dewanagari (der Schrift des Sanskrit) als auch die runden des Birmanischen und südindischer Schriften.

Der andere Hauptzweig des Alphabets wurde durch die Phönizier dem Abendland vermittelt. Er erreichte die Griechen um das 9. Jahrhundert v. Chr. Im semitischen Alphabet trug jeder Buchstabe einen Namen: aleph »Rind«, beth »Haus« usw., diese Namen wurden von den Griechen - allerdings ohne ihre Bedeutung - als Alpha, Beta usw. übernommen und bilden so unser Wort »Alphabet«. Als grundlegende Neuerung verdanken wir den Griechen die Einführung von Vokalzeichen: Ihr Alphabet bestand schließlich aus 17 Konsonanten (Mitlauten) und 7 Vokalen (Selbstlauten).

Das klassische lateinische Alphabet
Das griechische Alphabet gelangte über die Etrusker zu den Römern und entwickelte sich zu dem 23 Buchstaben umfassenden klassischen lateinischen Alphabet, dem Vorfahren des heute in der westlichen Welt gebräuchlichen Alphabets. Spätere Wandlungen bleiben auf die Einführung des W und die Differenzierung von I und J, U und V beschränkt. Der wichtige Anteil, den die katholische Kirche an der Verbreitung dieses Alphabets hatte, erweist sich an den Schriften der slawischen Völker: Die Völker, die sich zum römischen Katholizismus bekannten (Polen), benutzten das lateinische, die griechisch-orthodoxen (Russland) dagegen das kyrillische Alphabet. Letzteres beruht auf der kirchlichen Kyrilliza, die im 9. Jahrhundert n. Chr. entstanden ist und fälschlich nach dem Slawenapostel Kyrill (Konstantin, 826/7-869) benannt wurde, sie setzt sich aus 24 der spätgriechischen Unziale (einer abgerundeten Majuskelschrift) entlehnten Buchstaben zusammen, denen 19 neue hinzugefügt wurden. In der UdSSR ist diese Schrift heute noch gebräuchlich.

Ein ideales Alphabet sollte aus unmissverständlichen und einprägsamen Zeichen bestehen, aber zugleich alle Bedeutung tragenden Sprechlautungen wiedergeben können. Unsere heutigen Schriftsysteme erfüllen zwar zumeist die erste, nicht aber in jedem Fall die zweite Anforderung. Im Englischen müssen beispielsweise fünf Vokalzeichen für zwölf Vokallaute und acht Diphthonge (Doppellaute wie »au«, »ou« usw.) einstehen. Einige moderne Sprachen gleichen diesen Mangel durch zusätzliche Unterscheidungsmerkmale aus: die französische Schrift z. B. durch Akzente, die deutsche Schrift durch Umlaute.
 
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