Im 20. Jahrhundert wurde die populäre Musik des Westens entscheidend von den USA bestimmt, besonders da, wo neue Formen sichtbar wurden. Diese waren das Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen der afrikanischen und der europäischen Musiktradition, was Melodie, Harmonie, Rhythmus und Instrumentalbesetzung betrifft. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten schwarze Künstler eine entscheidende Rolle. Die Volksmusik der Sklaven, die von Westafrika in die Südstaaten verschleppt worden waren, hatte sich um 1900 zu einem neuen Stil entwickelt: dem Jazz. Die neue Musik war rhythmisch, emotional und vital. Sie konnte fröhlich klingen oder traurig und wurde von einer Band, aber auch als Klavier- oder Gitarrensolo vorgetragen.
Die Stile des Jazz
Es gibt vier wichtige Perioden in der Entwicklung des Jazz. In der Zeit von 1890 bis 1917 wurde Jazz vor allem bei schwarzen Amerikanern populär. Der erste Jazz-Stil, Ragtime genannt (er wurde auf dem Klavier gespielt), ging von St. Louis aus. Sein Hauptvertreter war Scott Joplin (1868-1917). Es folgte der zweite, unabhängige Jazz-Stil: der klassische Blues. Er wurde von professionellen Unterhaltern wie der Sängerin »Ma« Rainey (Gertrude Pridgett Rainey, 1886-1939) in Music Halls gesungen.
New Orleans gilt für die Jazzentwicklung als wichtigste Stadt Amerikas. Um 1910 hatte diese Stadt mit ihren 89 000 Schwarzen mindestens 30 Bands.
In den dreißiger Jahren gingen viele Musiker nach Europa, wo das Interesse am Jazz gestiegen war. Aber um 1935 kam der Jazz plötzlich wieder nach Amerika zurück, diesmal als Swing. Charakteristisch für den Swing-Stil war die Ausbildung großer Orchester (Big Bands) mit starker Blechbläserbesetzung (Trompete, Posaune, Saxofon), gleichzeitig gewann aber auch der Solist größere Bedeutung. Der Swing wandte sich vor allem an jugendliche Hörer, Bandleader der Weißen, Benny Goodman (1909-86) und Glenn Miller (1904-44), wurden ebenso berühmt wie der große schwarze Big-Band-Leader Duke Ellington (1899-1974).
Das breite Publikum wollte nur noch Swing hören. Aber viele der jungen schwarzen Musiker wehrten sich gegen diese Entwicklung und kehrten in ihre kleinen Bands zurück, die mehr Gelegenheit zur Improvisation boten.
Die Entwicklung des Blues
So entstand in den vierziger Jahren der Bebop, ein verfeinertes Produkt junger schwarzer Musiker wie des Trompeters Dizzi Gillespie (1917-93) und des Saxofonisten Charlie »Bird« Parker (1920-55). Daneben entwickelte sich der Blues, dessen Melodien und Improvisationen auf einem Akkordgerüst und zwölf Takten aufbauen. Er bildete nicht nur das Fundament für zahlreiche neue Bands im New-Orleans-Stil, sondern wurde vor allem von Gitarre-Solisten in ihren Songs über das Leben und seine Probleme verwendet (Folk Blues und Country Blues).
Als aber die schwarzen Arbeiter in die Industriestädte des amerikanischen Nordens zogen, veränderte sich der Blues mit der neuen Umgebung. In den Großstädten, vor allem in Chicago, wurde der Blues jetzt mit elektronisch verstärkten Gitarren gespielt, begleitet von Bassinstrumenten und Schlagzeug. Die Musik wurde härter und gehetzter.
Nur ein Stil der weißen Amerikaner konnte sich gegen die Schwarzen erfolgreich durchsetzen: die Country Music mit Nashville in Tennessee als Zentrum. Woodie Guthrie (1912-67) war der bedeutendste von ihnen.
Um 1950 war die große Zeit des Jazz vorbei, übrig blieben nur Balladen- und Schlagersänger wie Frank Sinatra (1915-98) und Bing Crosby (1904-77). Der Modern Jazz war nur bei einer Minderheit von schwarzen und weißen Intellektuellen beliebt. Der neu gewonnene Lebenswille der Nachkriegsgeneration bedurfte eines neuen Stils. Man fand ihn in einer Mischung der ruhigen Country Music der Weißen mit der energiegeladenen und aggressiven Rhythmik und Melodik des Blues. Als 1954 der weiße Sänger Bill Haley sein »Shake, Rattle and Roll« mit einem der Musik der Schwarzen verwandten Schlagrhythmus versah, war der Rock 'n' Roll geboren. Er war rüde, laut und sexy. Seine populärsten Vertreter waren am Anfang Weiße. Elvis Presley galt als sein größter Sänger, obwohl der schwarze Gitarrist Chuck Berry (geb. 1926) die besten Rock 'n' Roll-Songs geschrieben hat. In den späten fünfziger Jahren hatte sich der Rock 'n' Roll allgemein durchgesetzt. Bob Dylan (geb. 1941) verlieh dieser Musik mit geistreichen lyrischen Texten neues Ansehen.
Rockmusik der Gegenwart
Die Experimente der sechziger Jahre begannen mit dem Blues Boom, einer Mischung von Rock 'n' Roll mit authentischen Rhythmen der schwarzen Bluesgruppen und anderen Stilelementen des Blues. Meistergitarristen wie Eric Clapton und James (»Jimi«) Hendrix (1942-70) begannen, die Stücke durch ausgedehnte, halb improvisierte Zugaben zu verlängern. Auch die Underground-Bewegung änderte die Musik. Der »Acid Rock« versuchte, musikalisch die Erlebnisse mit Drogen durch langatmiges Spiel und kunstvolle Beleuchtungseffekte widerzuspiegeln. Diese Stilrichtung kam aus San Francisco, mit Bands wie Grateful Dead und Jefferson Airplane. Selbst Englands beste Popsänger der sechziger Jahre, Paul McCartney (geb. 1942) und John Lennon (1940-80) von den Beatles, gerieten unter diesen Einfluss, als sie von ihren kurzen, aber unkomplizierten Songs zu den vielschichtigen von »Sergeant-Pepper« überwechselten.
Duke Ellington [links im Vordergrund], das vielleicht bedeutendste Einzeltalent, das der Jazz hervorgebracht hat, war Komponist, Textdichter, Arrangeur und Pianist. Als meisterhafter Vertreter des Big-Band-Jazz entwickelte er einen einmaligen Stil, indem er mit erstklassigen Instrumentalisten individuelle Klangfolgen schuf. Er gab dem Blues die vollkommenste orchestrale Form und räumte im »Composed Jazz« immer auch Platz für Improvisationen ein. Seine Orchesterbesetzung verstand es, sich spontan aufeinander abzustimmen.
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