Europas Wirtschaft (1500 bis 1700)

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde das Wirtschaftsleben durch anhaltende Preissteigerungen bestimmt, in der zweiten Hälfte durch eine noch nie dagewesene regelrechte Inflation. Die Preissteigerungen machten sich zuerst in Spanien bemerkbar, sie beruhten auf den angestiegenen Importen von Gold und Silber aus Mexiko und Peru. Die Folgen dieser massiven Edelmetalleinfuhren wurden später in andere Teile Europas übertragen. Spanien besserte seine schlechte Handelsbilanz auf, indem es seine Armee in den Niederlanden mit Gold bezahlte und Gold nach Frankreich schmuggelte. Vor diesen Edelmetallbewegungen waren die Preissteigerungen auf der Iberischen Halbinsel erheblich höher gewesen als im übrigen Europa.

Aufschwung des internationalen Handels
Die unterschiedlichen Inflationsraten der europäischen Länder wirkten als weiteres Stimulans für die Erweiterung des internationalen Handels, dieser hatte bereits nach der Entdeckung der Neuen Welt einen Aufschwung genommen. Der Getreidehandel aus dem Ostseeraum mit den Ländern Südeuropas geriet bald unter die Kontrolle der Holländer und erhielt durch die steigenden Nahrungsmittelpreise Auftrieb. Da die europäische Bevölkerung von 50 bis 60 Millionen um das Jahr 1450 auf nahezu 100 Millionen um 1600 angestiegen war, hatte sich auch der Bedarf an Lebensmitteln stark vergrößert, gleichzeitig stockte die Versorgung infolge schlechter Ernten, besonders im Osten Europas.

Obwohl die Industrie zur damaligen Zeit noch keine Finanzierungshilfen benötigte, wurde der Kreditbedarf durch die Expansion des Handels größer. Eine Ausweitung der Bankgeschäfte war die Folge. Das machte sich besonders in Italien bemerkbar, wo die Genueser aktiv waren und den Transfer zwischen Spanien und den Niederlanden abwickelten.

Das holländische »Wirtschaftswunder« Im 17. Jahrhundert kehrten sich viele dieser Trends um. Im zweiten Jahrzehnt sanken die Edelmetallimporte aus der Neuen Welt, die Inflation kam zum Stillstand. Der internationale Handel, der anfangs noch durch den Bedarf der kriegführenden Länder im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) gestützt worden war, erlitt einen Rückschlag und stagnierte schließlich. Der Wettbewerb der Staaten um einen wesentlichen Anteil am Welthandel führte zum Merkantilismus und zu einer protektionistischen Handelspolitik, an der sich lediglich Holland nicht beteiligte.

Der Schwerpunkt des Handels verlagerte sich weiterhin vom Mittelmeer an die Atlantikküste. Die Hauptnutznießer dieser Entwicklung waren neben England die Niederlande, die durch ihre wirtschaftliche Überlegenheit tatsächlich den Status einer Großmacht erreichten. Dieses »Wirtschaftswunder« in einer Zeit ökonomischen Rückschritts stützte sich u. a. auf den Fischfang und die fortgeschrittene Schiffsbautechnik. Ferner hatte Holland die Portugiesen aus dem fernöstlichen Gewürzhandel verdrängt und das spanische Handelsmonopol in Südamerika gebrochen. Die Holländer waren auf dem internationalen Finanzmarkt mit Wechsel- und Kreditgeschäften durch die 1609 gegründete Bank von Amsterdam führend. Die Politik der Toleranz der Niederlande veranlasste die Opfer religiöser Verfolgungen in Spanien und Frankreich, die in ihrer Heimat wirtschaftlich erfolgreich gewesen waren - sephardische (spanische und portugiesische) Juden und Hugenotten -, sich in Amsterdam niederzulassen.

Der Wirtschafts- und Seekrieg zwischen der Holländischen Republik (den Vereinigten Provinzen der Nördlichen Niederlande) und den Hauptrivalen Frankreich und England beeinträchtigte die wirtschaftliche Überlegenheit der Holländer in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, der spanische Erbfolgekrieg (1701 bis 1713/14) untergrub sie endgültig.

Die europäische Gesellschaft zwischen 1500 und 1700
Das Leben in Europa war zwischen Mittelalter und Neuzeit überwiegend von der Landwirtschaft bestimmt, von der über 90% der Bevölkerung unmittelbar lebten. Die Bauern standen im Allgemeinen unter der Jurisdiktion des jeweiligen Grundherrn, daneben bestanden weitere örtliche Rechtsordnungen. Die Inflation lockerte im 16. Jahrhundert jedoch die starren sozialen Bindungen. Das mittelalterliche Konzept eines »gerechten Preises« und einer kontrollierten Wirtschaft verlor an Bedeutung. Bis Ende des 16. Jahrhunderts führte der Bevölkerungsdruck zu einem Absinken des Lebensstandards und zu sinkenden Realeinkommen.

Die stabilere Situation im 17. Jahrhundert ermöglichte es dem entstehenden Mittelstand, Wohlstand zu erwerben und seinen sozialen Status zu festigen. Im Allgemeinen profitierten diejenigen am meisten, die für Waren und Leistungen hohe Preise verlangen konnten, selbst aber nur niedrige zahlen mussten. Das waren vor allem Bauern mit sicheren Lehen, oder Grundherren, die ihre Pächter vom Hof jagen und das Land selbst bewirtschaften konnten. Für die Landlosen und die, deren Lehen nicht gesichert waren, bedeutete der Preisanstieg Vertreibung, Wanderleben als Bettler und nicht selten Hungertod.

Im 17. Jahrhundert gewann der Bergbau an Bedeutung, ebenso die weiterverarbeitende Industrie, z. B. Färbereien, aber auch der Tabak-, Obst- und Gemüseanbau. Güter stellte man zu dieser Zeit noch nicht in der Fabrik her, sondern in Manufakturen oder im Verlagssystem: Tuche etwa wurden in Heimarbeit aus Material hergestellt, das der Verleger zur Verfügung stellte, der die Produktion organisierte, finanzierte und das Endprodukt dann vertrieb.
 
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