Die Blüte niederländischer Malerei im 17. Jahrhundert hat einen unvergleichlichen Stellenwert in der Geschichte der Kunst. In mancher Hinsicht mutet uns die niederländische Schule überraschend »modern« an: realistisch, von Regeln unbelastet, bürgerlich und - im Gegensatz zu kirchlicher und aristokratischer Auftragskunst - gegründet auf einen freien Kunsthandel. Diese Entwicklung war das Ergebnis einer Umformung alter Traditionen und neuer Kräfte.
Die neue Republik
Der holländische Realismus wurzelt in einer Haltung, die sich schon in der flämischen Malerei des 15. Jahrhunderts zeigt. Trotz der italianisierenden Renaissanceformen blieb auch im 16. Jahrhundert die Freude am erzählerischen Detail, am Volkstümlichen und Alltäglichen unterschwellig wirksam.
Die Niederlande einschließlich Flanderns standen im 16. Jahrhundert unter spanischer Herrschaft, die zahlreichen protestantischen Niederländer führten aber einen langen Krieg gegen die Truppen des spanischen Statthalters und gründeten am Ende des Jahrhunderts in den nördlichen Provinzen eine unabhängige Republik - die Vereinigten Niederlande. Diese Republik wurde bald eine der fortschrittlichsten Nationen Europas mit blühendem Handel, einer weitentwickelten Technik und beachtlicher politischer und sogar religiöser Toleranz. Zugleich war man konservativ genug, die individuellen Rechte der Provinzen, der Städte und Zünfte (Gilden) zu wahren.
Die städtischen Malergilden regelten die Berufsausbildung und die Praxis des Kunsthandels, der im Allgemeinen auf Auktionen und Messen stattfand. Sie sorgten für eine handwerklich orientierte Kunstausübung, die im Gegensatz zur Intellektuellenkunst aristokratischer Renaissancegesellschaften stand. Die Verbindung von Kunst und Handwerk förderte eine weite Verbreitung der Bilder zu günstigen, »bürgerlichen« Preisen.
Die gesellschaftliche Bindung hatte auch negative Folgen: Die protestantische Staatsreligion hemmte religiöse Malerei und kirchliche Plastik, deren Popularität ging zurück. Das Fehlen eines königlichen Hofs unterband schließlich die in anderen Ländern üblichen Großaufträge für barocke dekorative Malerei. Formal war damit - anders als in der Architektur - ein Rückgang klassischer Formgebung verbunden.
Realismus des Porträts und der Genremalerei
Diese gesellschaftlich bedingte Beschränkung förderte andererseits ein wachsendes Interesse an der realistischen Schilderung der eigenen Umwelt. Wie auch in anderen Kaufmannsgesellschaften blühte in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts die Kunst des Porträts, zu dessen hervorragendsten Beispielen das Gruppenbild gehört - etwa von Offizieren einer Schützengesellschaft oder den Zunftherren. Frans Hals (um 1580/84-1666) und Rembrandt Harmensz van Rijn (1606-69) haben
großartige Bilder dieser Art wie auch Einzelporträts geschaffen - Leinwand um Leinwand mit streng blickenden Männern und Frauen im Ernst ihrer schwarzen, nur durch weiße Halskrausen und Manschetten aufgehellten Kleidung.
Beliebt waren auch Bildnisse in häuslichem oder geselligem Rahmen, eher alltägliche Genreszenen als Porträts, in denen sich gerade deshalb jeder Holländer wiedererkennen konnte: Frauen in gepflegten Interieurs, allein oder in Unterhaltung, musizierend oder leichte Hausarbeit verrichtend wir finden sie bei Jan Vermeer (genannt Vermeer van Delft, 1632 bis 75) und Gerard Terborch (1617-81), in den Fest- und Trinkszenen Jan Steens (um 1626 bis 79), im Kneipenlärm der Bilder Adriaen Brouwers (um 1606-38) und Adriaen van Ostades (1610-85). Die eigentlich schwere, körperliche Arbeit oder überhaupt Arbeit im Sinne des Broterwerbs taucht als Gegenstand der Malerei kaum auf, eine Ausnahme bildet die Tätigkeit der Hirten und Fischer.
Materieller Besitz wird häufig in den Genreszenen, aber noch mehr in den oft pompös inszenierten Stillleben gezeigt: Gläser und Silberbecher, schöne Schüsseln und Krüge aus Ton, importierte orientalische Decken und Gobelins, die Buntheit der von den Holländern besonders geliebten Blumen, schließlich Früchte und Speisen aller Art. Dies alles bot Anlass für einen ruhig- sorgfältigen Realismus des Details, den die niederländischen Maler zu einer ungeahnten Höhe führten, virtuoses Können und letzte Beherrschung der technischen Mittel sind in diesem Genre entscheidend. Vor allem in der Darstellung von Wasser und Landschaft haben die Holländer einen eigenen Stil entwickelt, in dem die Natur in ihrem jahreszeitlichen Wechsel auch als eine vom Menschen unabhängige Größe zur Geltung kommt. Vorbei war es mit den ausgeklügelten Konventionen früherer Zeiten und Schulen.
See- und Landschaftsbilder
Gewiss gab es auch hier eine Methode, doch war die kreative Vorstellungsgabe der niederländischen Maler fast reicher und verführerischer als die Natur selbst. Jan van Goyens (1596-1656) und Jacob van Riedels Landschaftsbilder sind wie überraschend sich öffnende Fenster hinaus in eine schöpferisch verlebendigte Welt. Sie geben den Blick frei auf die oft dramatisch in Szene gesetzte Landschaft der Dünen, dunkler Wälder, der grauen Wasser und hoher, wolkenreicher Himmel über charakteristisch tief angesetzten Horizonten. Es sind Landschaften, wie man sie vielfach noch heute in den nichtindustrialisierten Teilen Hollands antreffen kann. Die dramatische Akzentuierung der Natur wird in der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts fortgesetzt.
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