Im 17. und 18. Jahrhundert verwandelte sich Russland aus einer mittelalterlichen Monarchie in eine moderne Großmacht. Seine Bevölkerung wuchs von 15 auf 35 Millionen, es nahm Schweden, Polen, Litauen und der Türkei große Gebiete ab. Russland war um 1700 die größte Territorialmacht Europas, mit moderner Armee und Marine und einem zentralisierten Verwaltungssystem. Die beiden Herrscher, denen diese Veränderungen hauptsächlich zu verdanken sind, waren Peter I., der Große (1672-1725) und Katharina IL, die Große (1729-96).
Militärische und wirtschaftliche Expansion
Ende des 17. Jahrhunderts besaß Russland die größte Armee in Europa, die zunehmenden Kosten für den Unterhalt und die Ausrüstung der Streitkräfte - besonders mit Artillerie - beanspruchten Wirtschaft und Verwaltung (die im wesentlichen noch die gleiche Struktur hatte wie unter den Rurikiden) in hohem Maße. Neue Einnahmequellen mussten erschlossen werden, wiederholt versuchte die Verwaltung, das System der Steuereinziehung auszubauen und zu verbessern.
Um die Bedürfnisse der Streitkräfte zu befriedigen, mussten besteuerbare Vermögen und Einkünfte, kurz die Erwerbsquellen des Landes erhöht werden, konsequent und aktiv förderten deshalb die Zaren Handel und Industrie. Die Handelsschranken im Inneren wurden aufgehoben. Der Außenhandel besonders mit Großbritannien und Holland stieg dank der Erwerbung eisfreier Häfen an der Ostsee und am Schwarzen Meer während der Regierungszeit Katharinas der Großen von 21 Millionen Rubel auf 71,3 Millionen. Eisen und Hanf aus Russland fanden in England einen aufnahmefähigen Markt, Hanf wurde außerdem in die jungen Vereinigten Staaten verkauft. Hohe Einfuhrzölle und aus Frankreich übernommene merkantilistische Praktiken sorgten für den Ausgleich der russischen Handelsbilanz, die Einfuhren gingen zurück. Mit europäischem Kapital und technischem Wissen wurde Russland nahezu autark.
Die neue Aristokratie
Die an Umfang und Kompliziertheit zunehmenden Staatsgeschäfte verlangten die Schaffung eines modernen Beamtenapparates. FjoAus dem neuen Beamtenadel wurde allmählich eine privilegierte Klasse (dworjanstwo), deren Söhne leichter als andere die obersten Stufen der bürokratischen Leiter zu erreichen vermochten. Katharina die Große bestätigte diesem neuen Adel nicht nur das Recht, Leibeigene auf seinen Gütern zu halten, sondern gewährte ihm auch Steuerfreiheit und Befreiung vom Militärdienst. Auf diese Weise mussten die Bauern, die 90% der Bevölkerung ausmachten, die Steuerlast fast allein tragen. Die Leibeigenschaft, die aus den Bauern eine Art Inventar der Gutsbesitzer machte, wurde 1649 vom Gesetz formell anerkannt. Im 18. Jahrhundert wuchs die Macht der Landbesitzer, sie hatten das Recht, Leibeigene durch Einziehung zum Militär oder durch Verbannung nach Sibirien zu bestrafen. Die Gesetze gegen flüchtige Leibeigene wurden verschärft.
Es lag nicht im Interesse des Adels, den Einfluss der Krone in irgendeiner Weise zu beschränken. Im Gegenteil, nur der Zar gewährleisteten die Privilegien des Adels als Offiziere und Beamte und als Nutznießer der Leibeigenschaft. Es gab auch keine andere Klasse, die dem Zar seine Machtfülle hätte streitig machen können.
Der Einfluss der alten russischen Aristokratie war gering geworden, die städtische Mittelklasse blieb klein und vom Hof abhängig, das Gewicht der Geistlichkeit nahm in dem Maße ab, wie sich Russland dem Westen zuwandte.
Der Einfluss der Kirche
Das russisch orthodoxe Patriarchat erlebte eine kurze Blütezeit unter dem ersten Romanow, Zar Michail (1596-1645), als Patriarch Philaret, Michails Vater, in Russland die eigentliche Herrschaft neben seinem schwachen Sohn ausübte. Als aber Patriarch Nikon versuchte, gegenüber dem Zaren Alexej (1629-76) eine gewisse Unabhängigkeit zu behaupten, wurde er 1666 abgesetzt. Peter I. schaffte 1721 das Patriarchat ab, weil es seine Reformen bekämpfte, und ersetzte es durch den Heiligen Synod unter einem vom Staat ernannten Laien.
Die politische Demütigung der Kirche verringerte nicht ihren kulturellen Einfluss, besonders auf dem Lande. Der Adel wurde jedoch in zunehmendem Maße empfänglicher für die aus dem Westen kommende weltlich orientierte Kultur.
Dor III(1656-82) schaffte das Moskauer System ab, wonach Offiziere und Beamte lediglich nach der Stellung ihrer Väter ernannt wurden. Unter Peter dem Großen verlor der höhere Adel (die Bojaren) erneut an Einfluss, das Berufsbeamtentum wurde vom Zaren aus dem niederen Adel rekrutiert. Beförderungen im militärischen und zivilen Bereich erfolgten nach Leistung. Wer etwa die erste Hälfte von vierzehn Rangstufen erklommen hatte, wurde automatisch in den Adelsstand erhoben. Auf diese Weise wurde die Zugehörigkeit zum Adel Ausdruck für den Dienst des Beamten am Staat.
Peter der Große schuf nach schwedischem Vorbild voneinander unabhängige Kollegien mit scharf umrissenen Aufgabengebieten. Die einflussreichsten befassten sich mit den Streitkräften, der Außenpolitik und dem Finanzwesen, die Reihenfolge zeigt die vom Zar gesetzten Prioritäten. Alexander I. (1777-1825) entwickelte dieses System durch die Schaffung von Ministerien weiter. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts gab es mehr als 18 000 Beamte, deren Gehälter 10% der gesamten Staatseinnahmen verschlangen.
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