Die Welle neuer Ideen, die im 18. Jahrhundert über Europa hinwegging und das Zeitalter der Aufklärung heraufführte, hatte ihren Ursprung in den naturwissenschaftlichen und rationalen Erkenntnissen des 17. Jahrhunderts. Der Geist vernunftbestimmter Forschung, der für die Schriftsteller und Denker des 18. Jahrhunderts kennzeichnend war, hatte auch politische Rückwirkungen. Radikale Kritik an bestehenden Institutionen, Wertmaßstäben und Gebräuchen war ein Zeichen der Zeit. In Europa wurden diese Ideen von Kaisern und Königen mehr oder weniger anerkannt - es entstand der sogenannte aufgeklärte Absolutismus.
Der Einfluss der Literatur Gemeinsam war den Denkern des 18. Jahrhunderts der Glaube an die Vernunft und die kritische Auseinandersetzung mit althergebrachten Einrichtungen und Praktiken ihres Zeitalters. Zu den einflussreichsten Mitgliedern dieses Kreises gehörten Voltaire (1694-1778), Charles Louis de Montesquieu (1689-1755), Denis Diderot (1713-84) und Jean Jacques Rousseau (1712-78). Sie erwarben sich große Anhängerschaft unter den Gebildeten Europas. Obwohl sie einer verfassungsmäßigen Regierung den Vorzug gegeben hätten, traten sie nicht selten als Ratgeber absolutistischer Herrscher wie Friedrichs des Großen (1712-86) und Katharina der Großen (1729-96) auf. In dieser Eigenschaft und durch ihre Schriften strebten sie eine Reihe von Reformen an. Hierzu gehörten die Gleichheit vor dem Gesetz, die Abschaffung der Leibeigenschaft, religiöse Toleranz und eine Beschneidung der Privilegien des Adels und der Geistlichkeit.
Die aufgeklärten Herrscher Europas bildeten jedoch keine zusammenhängende Gruppe Gleichgesinnter. Viele übernahmen die Ideale der Aufklärung nur deshalb, weil sie ihnen für politische Maßnahmen im Inneren als nützlich erschienen. So wirkte sich die Aufklärung auf die Gesetzgebung durchaus unterschiedlich aus. Für viele Monarchen war die Erhöhung der Steuereinnahmen ein besonders wichtiges Anliegen, deshalb unterstützten sie den Angriff auf die Vorrechte des Adels und der Geistlichkeit, zu denen auch die Steuerfreiheit gehörte. Außerdem hatten alle europäischen Herrscher ein Interesse an der größtmöglichen Nutzung des Wirtschaftspotentials der von ihnen regierten Länder. Deshalb lassen sich eine ganze Reihe politischer Maßnahmen der aufgeklärten Herrscher unter dem traditionellen Begriff der Staatsräson zusammenfassen.
Das Gedankengut der Aufklärung
Zu den Monarchen, die einen Teil der Ideen der Aufklärung verwirklichten, gehörte vor allem Joseph II (1741-90), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. In seiner zehnjährigen Regierungszeit als Alleinherrscher wurden viele Reformen eingeleitet.
Friedrich der Große, der 1740 den Thron bestieg, bekannte sich ebenfalls zu den Idealen der Aufklärung. In der Praxis hatten jedoch die Staatsinteressen meist Vorrang vor den Idealen der Aufklärung. Friedrich hob die Leibeigenschaft auf den Domänen, den Krongütern, auf (wenn auch nicht allein aus humanitären Gründen), im übrigen Preußen blieb die Leibeigenschaft bestehen, weil der König auf den Adel Rücksicht nehmen musste. Er reformierte indessen das Rechtswesen und führte humanere Formen des Strafvollzugs ein. Seine Wirtschaftspolitik war merkantilistisch, die Ideen der Physiokraten, einer vorwiegend in Frankreich entwickelten Schule der politischen Ökonomie, fand im friderizianischen Staat noch wenig Beachtung. Mit Hilfe von Staats Monopolen und Schutzzöllen suchte man hier die Staatseinnahmen zu erhöhen und die einheimische Industrie zu fördern.
In ähnlicher Weise war Katharina die Große von Russland eine Anhängerin der Ideen der Aufklärung, sie stand im Briefwechsel mit Voltaire und empfing Diderot bei Hofe. Sie war vor allem bestrebt, das russische Gesetzbuch zu reformieren, und erließ 1767 die sogenannte »Instruktion«. Zur Beratung berief die Monarchin eine »Gesetzgebende Kommission« ein. Die Reform kam jedoch aufgrund von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kommission und wegen des Krieges gegen die Türkei nicht zustande.
Trotz ihres zur Schau getragenen Interesses für bestimmte Grundsätze der Aufklärung, zum Beispiel Abschaffung der Leibeigenschaft, gab sie ihre Reformpläne wieder auf - vermutlich aus Angst vor dem Adel, von dem sie sich abhängig fühlte. Ihre »Charta des Adels« von 1785 zementierte sogar die Abhängigkeit der Leibeigenen von den Grundbesitzern und schuf eine Allianz zwischen dem Landadel und dem Thron, die beinahe bis zur Oktoberrevolution Bestand haben sollte.
Andere Einflüsse in Europa
Die Ideale der Aufklärung wurden in anderen Gebieten Europas sehr unterschiedlich übernommen. In Portugal setzte sich der Staatsminister Sebastiäo Jose de Pombal (1699 bis 1782) für die Stärkung des Staatswesens und der Volkswirtschaft ein, indem er die Jesuiten 1759 des Landes verwies und die Vorrechte des Adels beschnitt. Er trat für die Freihandelspolitik ein und gewährte den Juden das Bürgerrecht. Auf der anderen Seite versuchte er, Ruhe und Ordnung mit rein polizeistaatlichen Mitteln aufrechtzuerhalten.
Der Begriff »aufgeklärter Despotismus« hatte viele Erscheinungsformen und ist deshalb kein eindeutig fassbarer Maßstab für die Politik, wie sie im 18. Jahrhundert von den europäischen Herrschern betrieben wurde. Jedoch legte er die Grundlage für die Gesetzgebung liberaler Regierungen in dem Zeitalter nach der Französischen Revolution.
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