Forschung und Wissenschaft (1750 und 1850)

Die Fortschritte des 18. Jahrhunderts in Forschung und Wissenschaft beruhten auf wichtigen neuen Erkenntnissen sowie den europäischen Unternehmungen in Übersee in den Jahren vor 1700. Die Pionierleistungen großer Wissenschaftler wie z. B. Ren6 Descartes (1596-1650) sowie Sir Isaac Newton (1643 - 1727) wurden fortgeführt. Mit zunehmender Kunde aus der nichteuropäischen Welt wuchs das Interesse an exotischer Flora, Fauna und den entsprechenden geographischen Bedingungen. Gängige Meinungen über das physische Universum und seine Entstehung wurden in Frage gestellt. Forscher wie Alexander von Humboldt (1769-1859) und Charles Robert Darwin (1809-82) widmete sich genauer Beobachtung und der Sammlung von Daten.

Die Zunahme technischen Wissens
Zum Teil hing der Wissenszuwachs von technischen Neuerungen ab. Verbesserte Navigationsinstrumente, wie der Sextant und das Schiffschronometer, erleichterten Forschungsfahrten nach Übersee. Kapitän James Cook (1728-79) leitete drei Fahrten zwischen 1768 und 1779. Dabei nahm er große Teile des Pazifiks kartographisch auf, einschließlich Neuseelands, und bestimmte die geographische Lage von Tahiti und Samoa genau.

Auch für wissenschaftliche Entdeckungen bedurfte es besserer Geräte. Mittels eines leistungsfähigeren Teleskops entdeckte Sir Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822) 1781 den Planeten Uranus. Empfindlichere Waagen halfen bei chemischen Arbeiten, die Phlogiston Theorie der Verbrennung zu überwinden. In der Mathematik wurden Trigonometrie und Infinitesimalrechnung durch hervorragende Männer wie Johann Bernoulli (1667-1748), Joseph Louis de Lagrange (1736-1813) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855) erheblich gefördert. Joseph Black (1728-99) beschäftigte sich in Glasgow mit der Wärmelehre, er trat auch mit James Watt (1736-1819), dem Erfinder der ersten leistungsfähigen Dampfmaschine, in Verbindung.

Zu den Gebieten der Physik, mit denen man sich besonders beschäftigte, gehörte die Elektrizitätslehre. Luigi Galvani (1737-98) entdeckte die »galvanische« (strömende) Elektrizität, und Alessandro Volta (1745-1827) konstruierte die nach ihm benannte Voltasche Säule. Letztere bestand aus hintereinandergeschalteten Voltaischen Elementen und war die erste Stromquelle mit höherer Spannung.

In der Chemie wurden zum ersten Mal viele natürliche Elemente isoliert dargestellt. Joseph Priestley (1733-1804) wird gewöhnlich die Entdeckung des Sauerstoffs zugeschrieben, während Antoine Laurent de Lavoisier (1743-94) die Grundlagen für die neuzeitliche Auffassung chemischer Reaktionen legte. Die Standardklassifikation der Pflanzen entwarf der schwedische Botaniker Carl von Linne (1707 bis 78). Der Franzose Georges de Buffon (1707-88) behauptete in seiner »Historie Naturelle, Generale et particuliere«, dass die Entwicklung der Erde viel länger gedauert haben müsse als die 6000 Jahre, die man aus der Bibel herauszulesen glaubte. Sir Charles Lyell (1797-1875) vertrat die Ansicht, dass die geologischen Prozesse langsam und gleichförmig abgelaufen seien. Phantasievolle, aber durchaus sachkundige Naturforscher wie Erasmus Darwin (1731 -1802), der Großvater von Charles Darwin, und Jean Baptiste Lamarck (1744-1829) behandelten bereits den Gedanken der Evolution, wonach die heutigen Arten der Tiere und Pflanzen von früheren, ihnen unähnlichen Formen abstammen sollen.

Wirtschaft, Handel und Industrie waren vielfach Nutznießer und Anreger naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritts. Die industrielle Revolution beruhte weitgehend auf der Nutzung der Dampfkraft. Entdeckungen in Geologie, Botanik und Biologie hatten großen Einfluss auf die Vorstellungen von der Entstehung des Weltalls.

Das Zeitalter der Aufklärung wirkte sich auch in der Politik aus. Den Rationalisten des 18. Jahrhunderts gesellten sich Autoren und Denker zu, die »Gesetze der politischen Ökonomie« zu finden suchten. Thomas Robert Malthus (1766-1834) stellte 1798 eine Bevölkerungslehre auf, die auf ein drohendes Missverhältnis zwischen Bevölkerungsvermehrung und Nahrungsspielraum hinwies. Ähnliche Lehren wurden von den Nationalökonomen Adam Smith (1723-90) und David Ricardo (1772-1823) vertreten. Utilitaristische Denker wie Jeremy Bentham (1748-1832) und James Mill (1773-1836) nahmen an, dass unabänderliche Gesetze das politische Verhalten bestimmten. In ähnlicher Weise ergriff der Rationalismus auch die Humanwissenschaften und zeitigte im frühen 19. Jahrhundert die ersten Arbeiten in der Soziologie und der vergleichenden Rechtswissenschaft.

Wissenschaft und Religion
Am stärksten wirkte sich die wissenschaftliche Bewegung zweifellos auf die konventionellen religiösen Ansichten aus. Der Schöpfungsbericht des Alten Testaments geriet immer mehr in den Mittelpunkt von Diskussionen: Versteinerungen bewiesen eindeutig, dass es in bis dahin unvorstellbar frühen Zeiten Leben auf der Erde gegeben hatte, zugleich widerlegten Geologie und Paläontologie die alttestamentliche Vorstellung von einer gleichzeitigen Erschaffung aller Lebewesen. Die wissenschaftlichen Argumente ließen trotz anfänglicher Ablehnung häufiger die Frage nach der Stellung der Religion im Zeitalter der Naturwissenschaften aufkommen. Das Buch »Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« (1859) von Charles Darwin löste eine Flut von Ideen aus, die sich im 18. und 19. Jahrhundert angesammelt hatten.
 
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