Das Rokoko war wohl der erste Stil in der Kunstgeschichte, dessen einziger Zweck darin bestand, den Menschen zu gefallen, ihnen Freude zu bringen, er sollte nicht Dank an Gott oder an die Götter ausdrücken, er war auch nicht geeignet, Geschichten zu erzählen oder ein Abbild der sichtbaren Welt zu geben.
Der Geist des Rokoko
Damit soll nicht behauptet werden, das Rokoko habe niemals ernsthafte Gefühle vermittelt - die Gemälde eines Antoine Watteau (1684-1721) beweisen das Gegenteil (wenn sie auch in ihrer Art einzigartig sind). Das Rokoko war auch nicht gänzlich realitätsfremd, im Gegenteil, die Rokokokünstler fanden die Natur bezaubernd, insbesondere Pflanzen, kleine Tiere und Vögel, zumindest ein Maler, Jean Baptiste Simeon Chardin (1699-1779), war ein vorzüglicher Naturbeobachter. Aber abgesehen von dieser Naturbetrachtung war das Rokoko im Wesentlichen verspielt, galant, dekorativ und witzig, ein Stil, für den Geschmack und Einfall Selbstzwecke darstellten. Es überrascht nicht, dass es keine Kunst für das breite Publikum oder für repräsentative öffentliche Bauten war. Die Sphäre des Rokoko waren eher die Salons und Lustgärten einer kleinen, hochkultivierten Oberschicht.
Damit stimmt überein, dass das Rokoko in der angewandten Kunst, bei Möbeln, Porzellan, Tafelsilber und in der Innendekoration, mindestens so perfekte Leistungen hinterlassen hat wie in Malerei, Plastik und Architektur. Da das Rokoko in der Baukunst, abgesehen von der Dekoration der Oberflächen, keine Rolle spielte, ist dieser Stilbegriff auf die Architektur nur mit Einschränkungen anwendbar.
Historisch gesehen ist das Rokoko eine Fortsetzung des Barock, es wird aber gleichzeitig als Revolution gegen barocke Pracht und Feierlichkeit angesehen. Die Blüte des Rokoko fällt zeitlich in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es verbreitete sich zunächst hauptsächlich in Frankreich, dann in Deutschland und, bis zu einem gewissen Grad, auch in anderen westeuropäischen Ländern. Der Ausdruck »Rokoko« wird auf das französische Wort Rocaille (»Muschelwerk«) zurückgeführt und damit auf den Gebrauch von Muscheln und kleinen Steinchen in den Innenausstattungen des 16. Jahrhunderts. Der Ausdruck ist sicher gerechtfertigt, da sich viele Stilmerkmale wie der unregelmäßige S-Schnörkel, die wellig auslaufenden Spitzen und die asymmetrische Form bei bestimmten Muschelarten finden.
Die Innen räume des Rokoko
Die ersten Rokokoräume entstanden etwa 1700 in der Hochburg des französischen Barocks: in Versailles und den dazugehörenden kleineren Schlössern. Als Dekoration in den Privatgemächern der königlichen Familie verwendete man statt schwerer architektonischer Formen eine Reihe hoher, elfenbeinweißer Holztäfelungen und verzierte diese mit vergoldeten Flachreliefschnitzereien. Spiegel, besonders über den Kaminsimsen, bildeten einen wichtigen Teil der Ausstattung. Dieselben Stilformen erschienen auch auf Möbeln und Stoffen. Diese stilistische Einheit wirkte kostbar und beschwingt und gewissermaßen intim. Damit war auch der Rahmen für eine »private«, weniger für eine »formelle« Lebensweise gegeben.
Von Versailles aus fand dieser Stil bald Eingang in die eleganten Häuser von Paris, wo er sogar noch üppiger wurde. Von hier gelangte er in die frankophilen deutschen Residenzen. Die Künstler stammten oft aus der nordeuropäischen Provinz, wo es eine lange Handwerkstradition gab. Sie lernten in Paris und kamen von dort auch an die deutschen Fürstenhöfe. Einer dieser Künstler war der in Soignies, Hennegau, geborene Francois de Cuvillies d. Ä. (1695-1768). Nach einer Lehre in Paris wurde er Hofbaumeister des bayerischen Kurfürsten. Sein Meisterwerk ist der Spiegelsaal in der Amalienburg, einem Jagdschlösschen im Nymphenburger Park in München. Der Außenbau ist hier gegenüber dem pathetisch plastischen Sich wölben des Barock von größter Eleganz, die Gliederung flacher und zarter, die Stukkatur der Innenräume leichter, ornamentaler und malerischer, die Farben werden heller.
Außer diesem höfisch französisch beeinflussten Rokoko gab es in Deutschland, insbesondere in den Kirchen, eine auf einheimischem Boden gewachsene Spielart des Rokoko. Sie war - im Gegensatz zum französischen Rokoko - natürlich aus dem Barock entwickelt, der im Deutschland des 18. Jahrhunderts noch weithin Kunstleben und Kunstgeschmack beherrschte. Oft hatte eine Barockkirche wie z. B. Ottobeuren im Inneren eine Rokokodekoration, die mehr eine Umwandlung der mächtigen, dynamischen Formen des Barock in beweglichere, verspieltere und geschmeidigere Formen des Rokoko darstellen (ohne die Formen selbst zu ändern) als die originelle Erfindung einer neuen Formensprache.
Watteau und Boucher
Die Malerei des Rokoko wurde im Wesentlichen von einem genialen Künstler geschaffen: Antoine Watteau. Aus dem Stil des flämischen Barockmalers Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) entwickelte er ein neues malerisches Genre, das »galante Fest« der höfischen Gesellschaft in »idealen« Parklandschaften oder in Szenen der italienischen Komödie. Sein Nachfolger war Chardin. Chardins Stillleben und liebenswürdige Szenen aus der bürgerlichen Welt waren realistisch, nicht ideal. Aber Watteau war auch der Wegbereiter für den erfolgreichsten Maler der Zeit, für Francois Boucher (1703-70). Dieser hatte eine ungewöhnliche Begabung für die heitere malerische Behandlung mythologischer und allegorischer Themen in galanter Auffassung.
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