Das Wesen der Religion

Wo immer ein Mensch nach dem Geheimnis des Lebens sucht, stößt er auf die grundlegende Botschaft aller religiösen Überlieferungen: Der Mensch bleibt sich selbst unbekannt. Er ist sich weder des Ausmaßes seiner Schwachheit noch seiner möglichen Größe bewusst. So finden wir im Zentrum aller religiösen Lehren dieser Welt Vorstellungen und Verhaltensweisen, die den Menschen sowohl mit dem »Animalischen« als auch mit dem »Göttlichen« in sich bekannt machen. Ein früher Christ z. B. meditierte in der Wüste und übte das fortwährende innere Gebet »Herzensgebet« auf diese Weise erfuhr er unmittelbar, wie sehr sein Geist mit Illusionen über sich selbst beschäftigt war. Indem er seiner Schwachheit innewurde und sie annahm, entdeckte er zugleich, dass er Träger der höchsten und göttlichen Kräfte des Universums war.

Die allgemeine Spiritualität
Die Methoden und Praktiken religiöser Überlieferungen verlieren in dem Moment ihren wahren religiösen Sinn und Wert, wenn sie zur Erreichung selbstsüchtiger Ziele eingesetzt werden. In ihrem Zentrum gewährt Religion dem Menschen jedoch mehr als die Erfahrung seiner beiden widerstreitenden Naturen. Wenn der religiöse Vollzug einer der großen Traditionen intensiv geschieht, soll er eine Verwandlung der menschlichen Natur aus der Tiefe bewirken. Der Name, der solcher Verwandlung beigelegt wird, ist in den einzelnen Religionen verschieden. Ebenso unterscheidet er sich auch je nach dem Grad oder dem Wesen solcher Verwandlung. Im Westen spricht man von Erlösung, Unsterblichkeit, Eingang in das Reich Gottes, im Osten von Nirwana, Befreiung, Erleuchtung oder Gott-Bewusstsein. Oft werden auch Begriffe wie Weisheit oder Freiheit verwendet.

Die Möglichkeiten menschlicher Entwicklung, die die religiösen Traditionen im Auge haben, sind in der Tat umfassend. Der Mensch erscheint als ein potentieller Mikrokosmos. Er ist ein Wesen, das in sich selbst alle schöpferischen und zerstörerischen Kräfte trägt, die das Universum bestimmen. Diese Vorstellung eines Mikrokosmos steht im Hintergrund aller alten Lehren, der östlichen wie der westlichen einschließlich der sogenannten »primitiven« Religionen.

Die Rückgewinnung der Einheit
Die traditionellen Lehren sehen die Wurzel des menschlichen Elends und der Verwirrung des Lebens darin, dass der Mensch es verfehlt, die universale Ordnung alles Wirklichen in sich selbst anzuerkennen und danach zu leben. Im Zustand seines »Gefallen seins« ist das Göttliche in ihm vom Animalischen abgespalten. In sich gespalten, wird sein Leben gesteuert von Impulsen, denen von Haus aus dienende und nicht herrschende Funktion eigen sein solltet. Ein Mikrokosmos zu werden bedeutet für den Menschen, ein Spiegel der gesamten göttlichen Ordnung zu sein. In der menschlichen Natur muss die rechte Beziehung zwischen den Wünschen und der schlummernden geistlichen Macht hergestellt werden, die allen menschlichen Wesen angeboren ist.

Die Verwandlung des Menschen (nach christlicher Tradition seine Wiedergeburt) besteht aus der fühlbaren Wiederherstellung solcher richtigen Beziehung im Selbst, im außergewöhnlichen inneren Eins sein. Durch solche Verwandlung kann der Mensch seinen zentralen Platz innerhalb der gesamten Schöpfung einnehmen. Er ist dann der »Große König« der chinesischen Tradition, der kosmische Mensch des Hinduismus, die allumfassende Leere des Buddhismus und das Ebenbild Gottes im Judentum und im Christentum. Er reflektiert das Ganze des kosmischen Wesens und wird zum bewussten Instrument des Schöpfers innerhalb solcher universalen Ordnung.

Die kosmische Dimension
Die Ideen, Symbole und Riten der verschiedenen Religionen sind - allgemein gesagt - Mittel, mit deren Hilfe der Mensch seine erhabene kosmische Bestimmung erfährt. Das gilt in individueller wie auch in gesellschaftlicher Hinsicht. So dienten die Strukturen früherer Gesellschaften der »Theokratien« dazu, das menschliche Leben in einen kosmischen Rahmen einzupassen, der freilich außerhalb der Reichweite moderner Wissenschaftsmethoden liegt.
Unter diesem Gesichtspunkt und nicht sosehr unter der üblichen Perspektive Von Ausdrucksformen geistig unterlegener Kulturen sollte man sich Phänomene wie die folgenden vor Augen führen: die verschiedenen Vorstellungen vom Leben nach dem Tode, die animistischen Auffassungen der Natur (der Glaube, dass alle Dinge mit Leben beseelt sind und ein Bewusstsein haben), die Rolle des Schamanen und des Priesters, die Symbole des sogenannten Polytheismus und die Funktion des Magischen.

Religiöse Überlieferungen, östliche oder westliche, »primitive« oder monotheistische, übermitteln dem Menschen Ideen und Lebensbilder. Sie helfen ihm bei der Erkenntnis der ihm möglichen Entwicklung.

Die Differenzierung zwischen Schicksal und Götter bereitet den Übergang vor von den in Asien beheimateten, ethisch fundierten Weltreligionen zum Glauben an die eine, alles durchwirkende (persönliche oder unpersönliche) Macht, die den Menschen ihren Willen und ihr Wesen »offenbart«. Diese »Offenbarung« geschieht durch besonders begnadete Menschen, Priester und vor allem durch die großen Religionsstifter wie Moses, Zarathustra, Buddha, Jesus, Mohammed. Ihre Lehren werden schriftlich fixiert, ihre Gebote - da göttlichen Ursprungs, d. h. universell gültig - verlangen von jedem Glaubensgenossen unbedingten Gehorsam.
 
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Referat: 194 - Das Wesen der Religion
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