Der Mensch ist erziehungsfähig und erziehungsbedürftig. Wie kein anderes Lebewesen ist er als Kind nicht nur auf Lebenssicherung, sondern auch auf Führung durch die Erwachsenen angewiesen. Sein Verhalten ist weder bei der Geburt fertig, noch reift es von selbst, vielmehr müssen seine Fähigkeiten und Fertigkeiten, Interessen und Einstellungen, Gewohnheiten und persönlichen Überzeugungen sich erst allmählich vor allem während Kindheit und Jugendzeit - mit Hilfe von Erwachsenen und Gleichaltrigen - herausbilden und festigen. Und sofern der Mensch niemals »fertig« ist und sich auch selbst »erziehen« kann, dauert Erziehung das ganze Leben lang.
Erziehung ist eine besondere Form sozialer Interaktion, die, abstrakt gesehen, bestimmt ist durch ein »Autoritätsverhältnis« zwischen Erzieher und Erzogenem. Dieses erzieherische Verhältnis ist in sich problematisch, weil es einerseits behüten und bewahren soll, andererseits Bewährung und die Sammlung eigener Erfahrungen ermöglichen muss, weil es das Überkommene an die nächste Generation weitergeben (somit Tradition pflegen), andererseits auf völlig neue Situationen vorbereiten soll, schließlich weil es das scheinbar paradoxe Ziel der Erziehung ist, den Erzogenen mündig und sich selbst damit überflüssig zu machen.
Erziehung umfasst alle Lebensbereiche, allerdings spricht man oft eingeschränkt auch von sittlicher, ästhetischer, sozialer und religiöser Erziehung und meint damit die Vermittlung von Wissen, Fertigkeiten, Gefühlen und Verhaltensbereitschaften speziell in diesen kulturell bedeutsamen Bereichen.
Vom Erzogenen her betrachtet ist Erziehung Lernen. Der Mensch lernt an Erfolg und Misserfolg (Gewöhnung) sowie durch Einsicht, vor allem aber durch Nachahmung erzieherischer Vorbilder. Wichtiges Teil Ziel des Lernens in der Erziehung ist die »Sozialisation« des Individuums, d. h. die Übernahme bestimmter gesellschaftlicher, sowohl Geschlechts- als auch schichtenabhängiger Werte und Normen. Die Erziehung bedarf der ständigen Reflexion auf ihre Ziele, damit falsche oder unnötige Anpassung vermieden wird. Darüber hinaus muss aber Sozialisation als Anpassung immer ergänzt werden durch »Personalisation«, also durch die allmähliche Gewinnung der Fähigkeit zu verantwortlicher Selbstbestimmung, die wichtigstes Ziel der Erziehung ist.
Erziehungsinstitutionen
Die »Primärsozialisation«, d. h. der entscheidende erste Erwerb von Verhaltens- und Einstellungsmustern, geschieht vor allem in der Familie. Um erfolgreich zu sein, muss sie in einer liebevollen (»mütterlichen«) Atmosphäre erfolgen. Früher vermittelte die Großfamilie zugleich auch soziale und berufliche Erfahrungen. Die moderne Kleinfamilie hat die meisten der früheren Familienfunktionen eingebüßt, sie wird ergänzt durch zahlreiche Institutionen der »Sekundärsozialisation« (wie Kindergarten, Schule, Betrieb usw.) und der öffentlichen Erziehung (Erziehungsheime), die zugleich den Auftrag haben, bisher entstandene Erziehungsdefizite zu kompensieren bzw. Resozialisierung (nachträgliche Befähigung zur selbständigen Lebensführung) zu leisten.
Erziehungsmaßnahmen
Erziehung erfolgt entweder »intentional« (absichtlich) oder »funktional« (zufällig, unabsichtlich). Jede intentionale Erziehung wendet bestimmte Maßnahmen als Erziehungsmittel an. Welche Maßnahmen für richtig gehalten werden, hängt von geschichtlich-gesellschaftlichen Bedingungen ab. Die traditionelle Pädagogik verlangte eine gewisse Härte von der Erziehung. Dahinter verbarg sich entweder die erziehungspessimistische Auffassung, dass das Kind in seinen Anlagen böse sei und dass ihm seine unerwünschten Neigungen erst ausgetrieben werden müssten, oder die Meinung, dass es nur durch Strenge und Entbehrung für ein hartes Leben tauglich werden könne (»spartanische« Erziehung). Erziehungsmodelle waren der Bildhauer, der aus dem rohen Material das Kunstwerk heraus meißelt, oder der Gärtner, der das junge Pflänzchen hegt und die guten Triebe anbindet und fördert, die wilden dagegen abschneidet.
Gegen solche Auffassungen wandten sich immer wieder »antiautoritäre« Bewegungen, die den Eigenwert der Kindheit betonten und einen partnerschaftlichen Erziehungsstil sowie die Vermeidung »repressiver« (unterdrückender) Erziehungsmittel forderten. Für sie besteht die Aufgabe des Erziehens vor allem darin, ungünstige äußere Einflüsse von den Kindern fernzuhalten und ihnen im Übrigen Anregungen zu geben, die den kindlichen Erfahrungen und Interessen entsprechen.
Erziehung und Pädagogik
Das Wort »Pädagogik« kommt aus dem Griechischen und heißt »Führung des Kindes«. Man bezeichnet damit aber meist nicht die Erziehungspraxis, sondern die Bemühung um Grundsätze bzw. um eine Theorie der Erziehung. Zu den großen Pädagogen der Neuzeit gehören J. A. Comenius (1592-1670), John Locke (1632-1704), J.-J. Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, im 20r Jahrhundert John Dewey (1859-1952) und A. S. Makarenko.
Während die Pädagogik früher entweder neue Erziehungsmodelle entwickelte oder das Erziehungshandeln bzw. die Erziehungsziele reflektierte, sucht die moderne Erziehungswissenschaft empirisch Aufschlüsse über Erziehungsfaktoren, Erziehungswirkungen usw. zu gewinnen. Die Setzung von Zielen für die Erziehungspraxis bleibt eine ständige gesellschaftliche Aufgabe.
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