Grundfragen der Entwicklungspsychologie

Körperlich ist das Kind dem Erwachsenen ähnlich, die physische Entwicklung besteht vor allem in Zunahme von Knochen und Muskelmasse sowie im Wachstum der Organe. Das menschliche Auge wächst in den ersten fünf Lebensjahren um ein Drittel, aber es ändert seinen Bau dabei nicht. Die Veränderungen in der körperlichen Entwicklung sind also mehr quantitativ. Die psychische Entwicklung dagegen umfasst auffällige qualitative Veränderungen. Wie es dazu kommt und welche Faktoren zur Ausbildung der Persönlichkeit beitragen, darüber gibt es verschiedene Auffassungen.

Das Anlage-Umwelt-Problem
Am meisten umstritten ist wohl die Frage, in welchem Ausmaß das Individuum ein Produkt seiner Erbanlagen bzw. seiner Umwelt ist. Die Erbanlagen umfassen sowohl die Merkmale, die allgemein die Spezies Homo sapiens kennzeichnen, als auch die, die im Besonderen durch die beiden Eltern bestimmt sind. Jeder Mensch ist einerseits erbbedingt Mensch und nicht ein anderes Lebewesen, und er ist andererseits ebenfalls anlagebedingt er selbst und nicht jemand anders.

Zahlreiche Persönlichkeitsmerkmale sind allen Menschen auf der ganzen Erde gemeinsam - etwa Phänomene der Religion oder die Bildung sozialer Verbände. Der Mensch hat also spezifische psychische und soziale Gemeinsamkeiten, die über die verschiedenen Kulturen, über Rassen und Erdteile hinweg reichen. Der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky (geb. 1928) behauptet sogar, dass jeder Mensch über angeborene Sprachmuster verfüge, die seine außerordentlich große Fähigkeit zum Umgang mit komplexen sprachlichen Regeln schon in der Kindheit erklären. Und Nikolaas Tinbergen (1907-1988), Konrad Lorenz (1903-1989) und andere Verhaltensforscher (Ethologen) haben sogar wichtige Antriebe entdeckt, die wir gewissermaßen als Erbschaft aus dem Tierreich mitbringen, wie etwa die Aggression. Hinsichtlich der unmittelbaren Vererbung bestimmter Eigenschaften von den Eltern auf die Kinder wird die Auseinandersetzung vor allem darüber geführt, in welchem Ausmaß auch die emotionale und soziale Entwicklung sowie die Intelligenz, d. h. die maximale intellektuelle Leistungsfähigkeit, genetisch bestimmt sind.

Im Gegensatz zu allen »nativistischen« Theorien stehen die Vertreter des Behaviorismus, die die individuelle Erfahrung als bestimmend für das Verhalten des Individuums - innerhalb weiter Grenzen - ansehen. Entscheidend sind nach dieser Auffassung die besonderen Situationen und Bedingungen, unter denen ein Individuum lebt. Für den Behavioristen ist der Mensch natürlicherweise weder gut noch böse, und das »Böse« in ihm ist Ergebnis von Erfahrungen, von Armut, ungünstigen Erziehungsbedingungen und anderen äußeren Einflüssen.

Aktivität oder Passivität des Kindes?
Außer der Anlage-Umwelt-Kontroverse gibt es weitere strittige Probleme. Wirkt das Kind aktiv in seine Umwelt hinein, oder ist es vor allem Geschöpf seiner Umwelt? Behavioristen wie Psychoanalytiker folgen eher der zweiten Auffassung, während Entwicklungspsychologen die erstere bevorzugen. Wenn Behavioristen und Psychoanalytiker auch darin übereinstimmen, dass die Einflüsse der Umwelt auf das Kind größer sind als umgekehrt sein Einfluss auf die Umwelt, so gibt es doch zwischen beiden Theorien große Unterschiede in der Erklärung der Entstehung einzelner Persönlichkeitsmerkmale. Hat etwa ein Kind Angst vor Hunden, obwohl es noch nie von einem Hund angegriffen wurde, nimmt der Psychoanalytiker an, dass vielleicht das Kind die Angst vor seinem Vater auf den Hund überträgt, die unterstellte Gefährlichkeit des Hundes ist »Symbol« der Gefährlichkeit des Vaters. Nach psychoanalytischer Auffassung muss man also hinter das manifeste Verhalten blicken, um die eigentlichen, unbewussten Motive zu entdecken. Nach behavioristischer Auffassung lässt sich dagegen die Angst auf ein bestimmtes Ereignis zurückführen, durch das das Kind zu dem Schluss kam, alle Hunde seien gefährlich. Die Konfrontation mit dem Angstauslöser kann unter bestimmten Umständen die Angst zum Verschwinden bringen.

Die Frage der Entwicklungsstufen
Diskutiert wird auch die Frage, ob die Entwicklung sich langsam und gleichmäßig oder in charakteristischen, aufeinanderfolgenden Phasen vollzieht. Bekannt ist etwa die Auffassung Sigmund Freuds (1856-1939) über die Stufen der psychosexuellen Entwicklung des Kindes, nach Freud wird der Lustgewinn nacheinander aus verschiedenen Körperzonen gewonnen, woraus sich mehrere Phasen (orale, anale, phallische und genitale Phase) ableiten.

Diskutiert wird schließlich, ob die psychische Entwicklung zielgerichtet oder offen ist. Nach behavioristischer Auffassung gibt es kein Endstadium der Reife. Nach anderen wie etwa Freud oder Lawrence Kohlberg (1927-1987) gibt es in den verschiedenen psychischen Bereichen jeweils Reifestadien, die bei entsprechender Förderung auch erreicht werden.

Die verschiedenen Standpunkte sind kaum exakt zu beweisen. In der Anlage-Umwelt-Kontroverse lassen sich einigermaßen zuverlässige Ergebnisse durch die vergleichende Untersuchung eineiiger Zwillinge gewinnen, die entweder zusammen oder getrennt aufwachsen.

Die hier dargestellten Problembereiche und Standpunkte verdeutlichen Art und Schwierigkeit der Fragen, mit denen die Entwicklungspsychologie es zu tun hat. Selbst körperliche Merkmale wie Größe und Statur sind nicht ausschließlich genetisch bedingt, sondern hängen auch von äußeren Faktoren ab.
 
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Referat: 1253 - Grundfragen der Entwicklungspsychologie
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