Tod und Trauer

Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens eine Vorstellung von der Welt. Sie umfasst alles, was wir kennen oder zu kennen glauben, die Welt um uns mit Dingen und Menschen wie uns selbst mit Leib und Seele, mit Plänen und Hoffnungen. Manchmal kommt es vor, dass besondere Ereignisse einen Teil unseres Weltbildes erschüttern, z. B. der unerwartete Verlust eines geliebten Menschen. Dann sind wir gezwungen, einiges von unseren Vorstellungen über Bord zu werfen, und wir müssen unsere teilweise zerstörte Welt mühsam wiederaufbauen. Solche Erfahrungen bedeuten immer eine Krise.

Die Folgen von Veränderung und Verlust
Krisenhafte Erfahrungen kosten Zeit und psychische Energie, im Übrigen haben sie einen mehr oder weniger gesetzmäßigen Ablauf. Die erste Reaktion ist meist ein gewisser Schock zustand oder auch der Versuch, die Veränderung zu leugnen oder nicht wahrzunehmen. Vor allem wenn die Veränderung plötzlich oder tief greifend ist, kann das Individuum sie nicht einordnen, es versucht also zunächst so zu tun, als wäre nichts passiert.

Nach kurzer Zeit kommt aber doch die Einsicht in die Wirklichkeit und damit eine Phase, in der der Betroffene aufs Äußerste bemüht ist, die Welt, die er zu verlieren fürchtet, für sich zu bewahren und das bisherige Weltbild aufrechtzuerhalten. Erst die wiederholte Erfahrung, dass dies nicht möglich ist, lässt ihn sein Bemühen aufgeben, das Ergebnis ist ein Zustand der Enttäuschung, der Apathie und Verzweiflung. Schließlich kehrt allmählich der Lebensmut zurück, ein neuer Anfang wird gemacht. Das letzte Stadium ist also bestimmt durch die Erholung von dem Schicksalsschlag und die Gewinnung neuer Zuversicht.

Tod und Vereinsamung
Die verheerendste und erschütterndste Veränderung im Leben besteht wohl darin, dass jemand, der zuvor gesund war, unheilbar erkrankt. Der Tod stellt einen so radikalen Einbruch dar, dass nicht nur der Sterbende versucht, der Einsicht in das Unvermeidliche auszuweichen, sondern, dass auch seine gesamte Umgebung so tut, als würde die Krankheit sich wieder bessern. Manche Menschen wünschen allerdings die volle Wahrheit über ihre Krankheit zu erfahren, und bei entsprechender seelischer Hilfe und angemessener Linderung der Schmerzen und anderen Symptomen steht die Wahrheit ihnen durchaus zu. Nicht selten gelangen sie dann zu einem Einverständnis, in dem sie die Krankheit samt ihren Folgen klar erkennen und dennoch mit dem Rest ihres Lebens etwas anzufangen und ihn zu genießen wissen.

Mit der Vorstellung des Todes fertig zu werden setzt eine Haltung voraus, die das Sterben als Bestandteil des Lebens in das individuelle Weltbild integriert. In der heutigen westlichen Gesellschaft ist diese Haltung selten, der Tod ist, fast wie früher der Sex, ein Tabu.

Für den Betroffenen sind nach seinem Tod alle Schmerzen und Sorgen vorbei. Die Hinterbliebenen aber müssen sich dann erst langsam an den neuen Zustand gewöhnen. Beerdigungszeremonien und gesellschaftliche Bräuche, durch die der Übergang vom Leben zum Tod in allen Kulturen gekennzeichnet ist, können dabei hilfreich sein. Die Überlebenden müssen nach dem Tod eines ihnen nahen Menschen jedenfalls ihr Weltbild ändern. Manche Menschen geben an, dass sie, zuweilen sogar jahrelang, das Gefühl haben, ein Verstorbener sei noch da, nach einiger Zeit jedoch schicken sie sich in das Unausweichliche, und im günstigsten Fall finden sie ein neues Selbstverständnis. In anderen Verlustsituationen, etwa nach einer Scheidung, können die Reaktionen übrigens ähnlich sein, sie sind jedoch häufiger mitgeprägt durch Zorn und Selbstvorwürfe.

Invalidität und Alter
Erkrankungen und Unfälle können zu schwerer Behinderung führen. Der Betroffene muss nicht nur mit dem Verlust wichtiger Fähigkeiten fertig werden, sondern auch mit den Folgen, die daraus erwachsen. Ein Mensch, der etwa ein Bein oder einen Arm verliert, kann häufig seinen Beruf nicht mehr ausüben, er muss auf zuvor betriebene Sportarten und andere Aktivitäten verzichten und eine Reihe von Zukunftserwartungen begraben.

Menschen, die erwerbsunfähig geworden sind, brauchen Zeit und Hilfe, um den Kummer zu überwinden, der ihnen wegen der vielen verlorenen Möglichkeiten zusetzt. Bis sie sich an die neue Situation gewöhnt haben, weigern sie sich oft, neue Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben, die ihnen trotz ihrer Behinderung noch zu Gebote stehen.

Alte Menschen, die Verlust und Behinderung mehrfach erleben, neigen oft dazu, ihren Interessenhorizont einzuengen und sich zurückzuziehen. Dadurch aber werden sie von der eingeschränkten Umwelt, die ihnen bleibt, umso mehr abhängig und reagieren auf Veränderungen stärker. Für einen alten Menschen sind Wohnung und gewohnte Umgebung daher viel wichtiger als für einen jüngeren.

Zeiten des Kummers und des Verlustes sind Krisenzeiten, sie bieten aber auch neue Möglichkeiten. Wer sie überwindet, ist nachher meist reifer und gefestigter als zuvor. Wer nicht damit fertig wird, wer die Auseinandersetzung vermeidet oder sich einigelt, für den sind weitere Schicksalsschläge noch schwerer zu ertragen. Verständnisvolle Hilfe und Anteilnahme enger Freunde und Verwandter bleibt die wichtigste Quelle des Trostes, wenn solche Menschen mit dem Tod oder einem schweren Verlust fertig werden müssen. Spontane Äußerungen des Mitgefühls fallen manchmal schwer, sie sind aber besonders wichtig, weil der Betroffene dadurch erfährt, dass er nicht allein ist.
 
Kategorie: Menschliche Persönlichkeit Nach oben

MyBude © 2008/2012
All rights reserved, including the right of reproduction in whole or in part in any form.
Referat: 1289 - Tod und Trauer
Tod | Trauer | Menschliche | Persönlichkeit
Hauptseite | Impressum | Haftungsausschluss | Sitemap | Wikipedia | Google | BMBF