Der Mensch als Person

Eines der besonderen Merkmale des Menschen ist, dass er sein Handeln zum Gegenstand des Nachdenkens machen kann, während andere Lebewesen einfach nur Verhalten zeigen. Er ist, abgesehen von der Kindheit, zur Selbstvergewisserung fähig, und weil jeder Mensch sein eigenes Bewusstsein von sich selbst hat, ist jeder einzigartig, nicht nur im äußeren Erscheinungsbild und im Körperbau, sondern auch weil er über eine beständige Wahrnehmung seiner selbst verfügt, die er mit niemand teilt.

Das Ich-Bewusstsein
In der alttestamentarischen Geschichte des Paradieses wird der Erwerb des Ich-Bewusstseins durch das Essen des Apfels und den Sündenfall symbolisiert. Die Erzählung bedeutet in ihrem Kern, dass das Ich-Bewusstsein keineswegs nur ein Vorteil ist, weil es den Menschen zwingt, sich auch dann auf sich selbst zu besinnen, wenn das Leben ohne diese Besinnung einfacher wäre, und weil es zugleich die Wurzel der Verantwortung für sein eigenes Handeln ist. Die Fähigkeit des Menschen zur Selbstwahrnehmung macht also auch sittliches Verhalten ebenso wie die Gefühle der Schuld und Reue erst möglich, die andere Lebewesen offenbar nicht kennen. Ein anderer Aspekt der Erzählung von Adam und Eva ist die Überzeugung, dass der Mensch ursprünglich unschuldig, ohne Erkenntnis des Bösen und ohne bösen Willen war, nach der Bibel ist letzteres erst das Ergebnis des Sündenfalls. Damit entstand zugleich die Hoffnung, dass später einmal der Mensch in dieser oder einer anderen Welt den Zustand der Gnade wieder erreichen werde, in der sein Bewusstsein von der Bindung an das eigene Ich und von Selbstsucht befreit ist.

Die einzigartige Fähigkeit des Menschen, seiner selbst und der Welt um sich herum bewusst zu sein, die ihn auch befähigt, viel mehr als jedes Tier seine Umwelt zu kennen und zu beherrschen, ist Ergebnis nicht nur des Bewusstseins seiner eigenen Existenz, sondern auch ihrer Vergänglichkeit. Von daher ist das Interesse des Menschen für seine Vergangenheit zu verstehen, die ihn Mythen schaffen ließ und Geschichtsschreibung treiben lässt, ebenso wie das Interesse für seine Zukunft, das ihn antreibt, sich Denkmäler zu errichten, die, so hofft er, seinen Tod überdauern und seinen Ruhm unsterblich machen. Von daher ist auch sein Wunsch nach Nachkommen zu verstehen, die sein Geschlecht und seinen Namen weitertragen. Religion, Geschichte, Patriotismus, Nationalismus, Verehrung der Vorväter, traditionelle Riten - alle diese Phänomene schöpfen ihre Lebendigkeit und ihre Verbreitung zumindest teilweise daraus, dass sie dem Menschen helfen, mit dem beunruhigenden Bewusstsein seiner Sterblichkeit als einzelner fertig zu werden.

Ich-Bewusstsein und Einsamkeit
Weil jeder Einzelne sein besonderes Bewusstsein hat, das er mit niemandem teilt, weiß jeder auch zugleich mit seiner Selbsterkenntnis, dass er allein ist. Auch wenn es meist Mitmenschen gibt, mit denen er seine Erfahrungen austauscht, können leicht Umstände auftreten, unter denen er völlig einsam und isoliert ist. Je mehr ein Mensch sich seiner Individualität und Einzigartigkeit bewusst ist, um so mehr weiß er auch um sein Alleinsein und sein überantwortet sein an sich selbst.

Unsere Kultur legt großen Wert auf die Entwicklung von Selbstwahrnehmung und Individualität. Die Gesellschaft wird als ein Plural von Individuen gesehen und nicht etwa als ein Organismus. Deshalb sind die Techniken, durch die die Individuen sich miteinander verständigen, ein wichtiger Forschungsgegenstand. Deshalb aber auch wurde die Verliebtheit als Stadium, in dem die Grenzen zwischen zwei Individuen sich aufzulösen scheinen, zu einer der bedeutendsten und begehrtesten Erfahrungen. In anderen Kulturen mit weniger Ich-Bewusstsein tritt Verliebtheit kaum auf, und wenn, dann gilt sie fast als Bedrohung des Gemeinschaftslebens.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre Selbstwahrnehmung nicht ihre gesamte Persönlichkeit umfasst und dass das, was sie tun, von geheimnisvollen Kräften mitbestimmt ist. Zuweilen glaubt man diese Kräfte innerhalb des Ich zu finden, nur unerfassbar für das Bewusstsein. Früher wurden sie als Geister oder Dämonen beschrieben, heute spricht man von Trieben, die das Individuum steuern und die seinem Bewusstsein nicht zugänglich und seiner Kontrolle nicht unterworfen sind. Insofern gleicht der Mensch einem Reiter, der sein Pferd kaum kennt und wenig von der Reitkunst versteht. Manchmal stimmen Pferd und Reiter überein, manchmal gelingt es dem Reiter, dem Pferde gegen dessen Willen die Richtung aufzuzwingen, manchmal aber auch geht das Pferd mit dem Reiter durch. Anders gesagt: Zuweilen handeln wir unmittelbar und haben dabei das Gefühl der Harmonie, manchmal gelingt es uns mit Mühe, uns zu steuern, und manchmal werden wir mitgerissen und tun, was wir eigentlich nicht wollen.

Schicksal oder Vorsehung?
Wo man der Auffassung ist, dass diese dunklen Kräfte außerhalb des Ich stehen, sieht man sie entweder als Schicksal oder als persönliche Götter an, die in das Schicksal des Menschen eingreifen und seinen Weg bestimmen. Nüchterner betrachtet, wird möglicherweise die Natur des Menschen von historischen, gesellschaftlichen Einflüssen bestimmt, die von außen in sein Wesen und Handeln eingreifen. Es geht hier um zwei Grundpositionen: Nach der einen, die sich mehr psychologische Erklärungen zu eigen macht, wird der Mensch durch innere Kräfte getrieben, nach der anderen, mehr historisch und soziologisch orientiert, sind es die äußeren Bedingungen, die ihn formen.
 
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