Strukturelle Gewalt: Definition und Vorgeschichte

Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung weitete den herkömmlichen Gewalt-Begriff, der als schädigendes Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe gegen ein Opfer oder eine Opfergruppe definiert war, radikal aus: Nach seiner Definition ist strukturelle Gewalt die »vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist«.

Demnach ist alles, was Individuen ohne Notwendigkeit daran hindert, ihre Anlagen und Möglichkeiten voll zu entfalten, nicht wie bisher als Ungerechtigkeit oder Unterdrückung zu werten, sondern eine Form von Gewalt. Hierunter fallen sämtliche Formen der Diskriminierung wie Armut, Hunger, Sexismus, Rassismus, Heterosexismus und Ausgrenzung von Behinderten, die ungleiche Verteilung der Einkommen, der Bildungschancen und der Lebenserwartungen innerhalb einer Gesellschaft oder auch zwischen der ersten und der Dritten Welt, eingeschränkte Lebenschancen aufgrund von Umweltverschmutzung am Wohnort bis hin zur Behinderung emanzipatorischer Bestrebungen jeglicher Natur. In dieser umfassenden Definition kann die Gewalt nicht mehr auf konkrete, personale Akteure zurückgeführt werden, sondern eben auf Strukturen wie Werte, Normen, Institutionen und Diskurse. Daher wird strukturelle Gewalt von den Opfern oft nicht einmal empfunden, weil sie die eingeschränkten Lebensnormen bereits internalisiert haben.

Der Gedanke, dass den gesellschaftlichen Systemen und Subsystemen Gewalt inhärent sei, ist indes wesentlich älter. Der chinesische Philosoph Me-Ti schrieb bereits im 5. Jahrhundert v. Chr.: »Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen zum Selbstmord treiben, durch Arbeit zu Tode schinden, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges daran ist in unserem Staat verboten«, und ähnlich formulierte Heinrich Zille mit seinem berühmten Diktum, man könne mit einer Wohnung einen Menschen genauso erschlagen wie mit einer Axt. Theoretisch ausgefüllt wurde der Gedanke schon vor Galtung von Karl Marx und in seiner Nachfolge von der Kritischen Theorie. Dabei ist vor allem Herbert Marcuse und sein 1964 erschienenes Werk »Der eindimensionale Mensch« zu nennen. Hier werden die pluralistischen Demokratien der westlichen Welt als repressive, ja »totalitäre« Gesellschaften beschrieben, die sich auf Indoktrination, Manipulation, Ausbeutung und Krieg gründeten. Kritik bleibe fruchtlos, da sie in das »eindimensionale« System von Politik, Wirtschaft und Kulturindustrie integriert würde – die Beschreibung struktureller Gewalt avant la lettre.
Der Begriff der strukturellen Gewalt ist allerdings nicht unumstritten. Galtung erkaufte nämlich die Ausweitung seiner Gewalt-Definition mit einem erheblichen Verlust an Trennschärfe. Wenn nahezu jedes unerfreuliche gesellschaftliche Phänomen als strukturelle Gewalt identifiziert werden kann, wird der Begriff bald abgeschliffen und nichtssagend: Er hat keine analytische oder diagnostische Kraft mehr, sondern dient nur mehr dazu, einen Missstand zu benennen und zu delegitimieren. Dies scheint auch seine Hauptfunktion zu sein, denn eines der deutlichsten Kennzeichen von Gewalt ist seit je die Rechtfertigung von Gegengewalt. Schon 1965 zog Marcuse aus seiner Analyse der dem Spätkapitalismus inhärenten Gewalt den Schluss:

»Ich glaube, dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein »Naturrecht« auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen, es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihr leiden und gegen sie kämpfen - nicht für persönlichen Vorteil und aus persönlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen. Es gibt keinen anderen Richter über ihnen außer den eingesetzten Behörden, der Polizei und ihrem eigenen Gewissen. Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte. Da man sie schlagen wird, kennen sie das Risiko, und wenn sie gewillt sind, es auf sich zu nehmen, hat kein Dritter, und am allerwenigsten der Erzieher und Intellektuelle, das Recht, ihnen Enthaltung zu predigen.«
 
Kategorie: Menschliche Persönlichkeit Nach oben

MyBude © 2008/2012
All rights reserved, including the right of reproduction in whole or in part in any form.
Referat: 3883 - Strukturelle Gewalt: Definition und Vorgeschichte
Strukturelle | Gewalt | Definition | Vorgeschichte | Menschliche | Persönlichkeit
Hauptseite | Impressum | Haftungsausschluss | Sitemap | Wikipedia | Google | BMBF