Kubismus und Futurismus

Die Bezeichnung ?Kubismus? prägte 1909 ein verärgerter Kritiker, Louis Vauxcelles, heute bezeichnet dieser käme eine internationale Richtung der Kunst, die nicht nur Malerei, sondern auch Bildhauerei und Architektur nachhaltig beeinflusste. Georges Braque (1882 bis 1963) und Pablo Picasso entwickelten die analytische Raumdarstellung zu einem autonomen Bildraum. Das Bild ist nicht mehr Ausschnitt, sondern eine neue Ordnung der Dinge, die in ihre stereometrischen Bausteine, Kugel, Kegel, Zylinder und Würfel zerlegt sind.

Schon in Braques ?Stehender Akt? (1908) sind die Grundmerkmale des Kubismus zu erkennen. Die formale Analyse gewinnt aus dem Modell geometrische Fakten als Konstruktionselemente, diese entsprechen aber noch nicht seiner ganzen räumlichen Wirklichkeit. Braque und Picasso wollen die volle körperliche Wirklichkeit des Gegenstandes in seinen tatsächlichen Maßbeziehungen ablesbar machen, sie ziehen die Facetten auseinander, schmelzen Formen aus anderen Gegenstandskomplexen ein. Aus diesem kombinatorischen Spiel ergibt sich der Gedanke an das Simultane, d. h., an die gleichzeitige Darstellung verschiedener Ansichten des Gegenstandes, Maße, Grundrisse, Profile verwandeln dann das fragmentarische Ansichtsbild in ein ganzheitliches Vorstellungsbild. Der Künstler geht sozusagen um das Ding herum, notiert aus den einzelnen Ansichten die wichtigsten Daten seiner formalen Struktur und kombiniert sie zu einem ganzheitlichen Bild.

Zwischen 1908 und 1911 bekommt der Kubismus ein weiteres Merkmal. Der Raum wird verdichtet und verwandelt das Bild in ein aperspektivisches Gefüge. Braque ist der erste, der sich auf Cezanne berufend, in dieser Richtung bewegt und die Welt wie ein Mosaik flacher Farbflecken behandelt. Picasso folgt mit einer Landschaftsserie, bei der selbst der Himmel eine kristallähnliche Struktur aufweist.

Die Einführung der Kollage Der Prozess der Abstraktion von der Natur liefert nur noch Daten, mit denen der Maler eine autonome Bildkonstruktion aufbaut. Der Kubist verwandelt, einer selbständigen Logik folgend, die Natur, doch hält er seinen visuellen Ausgangspunkt noch rekonstruierbar. Um 1912 führt Braque ?reale Gegenstände? in das Bild ein (Zeitungsausschnitte, Stoffe, Holz etc.). Die Kollage entsteht. Diese ?realen? Einzelheiten wirken wie Zitate, die dem Betrachter das Bild lesbar und den gemeinten Gegenstand in der freien rhythmischen Ordnung des Bildes erkennbar machen. Der assoziativ erkannte Gegenstand wird in der Vorstellung rekonstruiert, also neu erlebt, mit einer Eindringlichkeit, die die illusionistische Kunst nicht zu vermitteln vermag. Schließlich wird der Gegenstand nicht mehr beschrieben oder interpretiert. Im Wechsel zwischen fassbarer Dinglichkeit und voller Irrealität werden die Dinge selbst in Bewegung gebracht und mit ihnen ein neues ?Ding? arrangiert. Zuerst von Picasso und Braque entwickelt, war Juan Gris der entschiedenste Repräsentant dieser Richtung.

Die führenden Maier des Kubismus Picasso, Braque und Gris entwickelten die neue Formensprache des Kubismus, führten sie nach 1918 weiter, jeder aber auf zunehmend eigenwillige Weise. Für sie war der Kubismus niemals ein Stil mit einer bestimmten Prägung, für sie verbargen sich die grundlegenden Regeln hinter unzähligen Abwandlungen.

Diese Kubisten verhielten sich gegenüber einer Verständigung mit einem größeren Publikum gleichgültig, auch als sich ihre Bilder während der zwanziger Jahre bereits verkauften. Aber schon 1909 wurde der Kubismus von Künstlern übernommen, die an einer Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit interessiert waren. Sie entnahmen ihre Motive oft den Erscheinungen des Industriezeitalters. In Paris waren es die Maler Jean Metzinger (1883-1956) und Albert Gleizes (1881-1953), die Brüder Duchamps und Robert Delaunay (1885-1941), der seine Vorliebe für Farbe mit kubistischer Struktur zu verbinden versuchte. Am eindrucksvollsten ist jedoch Fernand Leger (1881-1955). Er experimentierte mit geometrischen Abstraktionen, deren Formgesetze denen der Mechanik gleichen.

Außerhalb von Paris leitete der Kubismus eine Flut von avantgardistischen Bewegungen ein, die wichtigste von allen war die von Italien ausgehende Bewegung des Futurismus.

Die Entwicklung des Futurismus
Mit einem Manifest setzte der Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944) im Jahr 1909 in Italien den Futurismus in Bewegung. Er sah das Leben als ständigen Wechsel und den einzelnen als Teil eines dynamischen Kräftespiels. 1910 veröffentlichten Maler wie Umberto Boccioni (1882-1916), Carlo Carrä (1881-1966), Luigi Russolo (1885 bis 1947), Giacomo Balla (1871-1958) und Gino Severini (1883-1966) das erste Manifest der futuristischen Malerei. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Sinneseindrücke wurde zum Grundsatz. So bindet Boccioni Gestalt und Schauplatz, in seinem Bild ?Materie? (1912) zusammen. Über die Originalität mancher futuristischer Kunst kann es besonders bei Boccioni keinen Zweifel geben, wie auch seine Bronze des ?mechanisierten Menschen? belegt.

Der Futurismus machte sich kubistische Ideen zunutze, der Erfolg unterstreicht das große Vermächtnis des Kubismus, die Freiheit, Gegenstände und Schauplätze der Welt auf neue Weise zu gestalten. Kubismus war kein Stil, sondern eine Bewegung, die viele Stilarten ermöglichte. Seine Anpassungsfähigkeit war unendlich und reichte von der geometrischen Kunst Piet Mondrians (1872-1944) bis zur Pop Art Robert Rauschenbergs (1925-2008).
 
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Referat: 101 - Kubismus und Futurismus
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