Russland im 19. Jahrhundert

In Russland sind grundlegende Reformen seit der Zeit Peters des Großen (1672-1725) immer im Anschluss an Kriege durchgeführt worden. Für viele Jahre galt Russland nach dem Krimkrieg (1853-56) in England und Frankreich nicht mehr als befreundete Macht. Trotz der Tatsache, dass es die stärkste Kontinentalmacht war, hatte dieser Krieg gezeigt, dass Russland für die anglo-französische Allianz kein gleichwertiger Partner war, und dass sein Streben, sich den Veränderungen im übrigen Europa gegenüber zu verschließen, eher ein Zeichen der Schwäche als der Stärke war. Wenn es seine Stellung als Großmacht zurückgewinnen wollte, musste sich Russland fortschrittlichen Ideen des Westens öffnen, d. h. Reformen durchführen.

Die Abschaffung der Leibeigenschaft
Zar Alexander II. (1818-81), dessen Regierungszeit 1855 begann, war zur Durchführung von Reformen bereit. Er warnte den Adel, dass die Reformen, wenn sie nicht von oben eingeführt würden, von unten erzwungen werden könnten. Im Februar 1861 hob er die Leibeigenschaft auf.

Millionen Bauern erhielten die Freiheit. Außerdem wurden die Organe der Selbstverwaltung auf dem Lande ausgebaut und verstärkt. Andere Reformen folgten: 1864 verfügte Alexander II. die Gleichheit vor dem Gesetz, die Einrichtung von Schwurgerichten und die Unabhängigkeit der Richter, 1863/64 wurde das Schulwesen reformiert, 1874 verringerte die Armeereform den Wehrdienst von 25 auf sechs Jahre, und zwar im Rahmen der allgemeinen Wehrpflicht. Aber die Freizügigkeit der Landbevölkerung blieb weiterhin begrenzt, und die Bauern mussten noch immer die Kopfsteuer entrichten. Wie unzulänglich die Reformbestrebungen waren, zeigt sich auch daran, dass der Zar die Einberufung eines Parlamentes ablehnte.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft war für die meisten Bauern eine Enttäuschung. Hinzu kam, dass die Bevölkerungszahl zwischen 1863 und 1913 von 76 Millionen auf 155 Millionen (ohne Finnland und Polen) stieg, dadurch vergrößerte sich die Armut auf dem Lande. Die Unzufriedenheit vieler Bauern ergab sich auch aus der schlechten Qualität des Bodens, der ihnen zugewiesen wurde.

Die Saat der Revolution
Die Unzulänglichkeit der Reformen Alexanders II. rief moralische Entrüstung und Zorn bei vielen Söhnen und Töchtern der besitzenden Klassen und der Schicht der Gebildeten hervor, den Verfechtern fortschrittlichen Gedankenguts. Zunächst erhielt auch der Nihilismus Auftrieb: Seine Vertreter glaubten, dass sich die bestehende Ordnung nicht selbst reformieren könne. Indirekt vertieften sie so die Tradition revolutionärer Bewegungen in Russland. Während der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entwickelte sich ein positiver Populismus oder Agrarsozialismus, der den Bauern als Grundlage der Gesellschaft verherrlichte. Diejenigen, die das Privileg einer Schulbildung genossen hatten, glaubten, den Bauern dafür Dank zuschulden.

Der Agrarsozialismus ließ sich nur schwer in politische Aktion ummünzen, und die beschleunigte Industrialisierung Ende der achtziger Jahre und der folgende Boom ließen ihn vollends in den Hintergrund treten. Anders der Marxismus, der in dieser Zeit immer größere Verbreitung fand. Er stützte sich auf die Industriearbeiter und konnte eher auf die Fragen der Zeit Antwort geben. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands forderte 1903 erstmals die Diktatur des Proletariats.

Alexander II. wurde schließlich ein Opfer radikal-sozialreformerischer Strömungen. Statt des erwarteten Zusammenbruchs erfolgte jedoch ein Gegenschlag des Regimes.

Das Ende einer Ära
Alexander III. (1845-94), der 1881 nach der Ermordung seines Vaters Alexander II. den Thron bestieg, lenkte die Politik in reaktionäre Bahnen zurück. Er setzte viele der liberalen Reformen seines Vaters außer Kraft, unterstützte den Panslawismus und trieb die Russifizierung fremder Nationalitäten brutal voran. Als Deutschland den Rückversicherungsvertrag nicht mehr erneuerte (1890), kam es zu einer Annäherung Russlands an Frankreich.

Nikolaus II. (1868-1918) bestieg 1894 in einer Zeit rascher Wirtschaftsentwicklung den Thron. Sein Finanzminister, Graf Witte, förderte die Industrialisierung und sanierte die Staatsfinanzen. Dann führten Missernten und industrielle Krisen zu inneren Unruhen. Die Revolution von 1905/06 mit der erstmaligen Bildung von Arbeiterräten erschütterte das Regime bis in seine Grundfesten. Sie konnte nur niedergeschlagen werden, als Heeresverbände nach dem verlorenen Krieg gegen Japan für den Einsatz im Inneren zur Verfügung standen. Nikolaus II. musste jedoch eine Verfassung proklamieren und ein Parlament (Duma) schaffen.

Die Jahre 1903-13 waren ein Goldenes Zeitalter für Industrie und Landwirtschaft. Diese wirtschaftlichen Erfolge gaben der Regierung unter Führung von Pjotr Arkadjewitsch Stolypin (1862-1911) die Möglichkeit, zumindest vorläufig noch Forderungen nach sozialen Reformen abzublocken, die von den Sozialdemokraten und Liberalen ausgingen. Nach dem Rückschlag im Fernen Osten (Russisch-Japanischer Krieg) wandte sich Russland 1906 dem Balkan zu, wo es im 19. Jahrhundert die slawische Bevölkerung gegen die Türken unterstützt hatte. Aber die westlichen Großmächte verhinderten einen Vorstoß Russlands zum Mittelmeer. Österreich-Ungarn war Hauptgegner der Russen auf dem Balkan, deshalb fühlte sich Russland verpflichtet, Serbien 1914 gegen die Habsburger zu unterstützen.


Die Hinrichtung der Terroristen, die im März 1881 das Bombenattentat auf Alexander II. geplant und durchgeführt hatten, zeigt die Hilflosigkeit der Revolutionäre im Russland des 19. Jahrhunderts. Sie hatten gehofft, durch das Attentat das Zarenregime zu Fall bringen zu können. Die tiefe Enttäuschung bei Bauern und Intelligenz über das nur unvollkommene Gesetz zur Aufhebung der Leibeigenschaft erweckte Zweifel an jedweder Reform von oben. Viele Radikale (Sozialrevolutionäre) glaubten, die Bauern würden sich nun erheben und die verhasste Autokratie des Adels beseitigen. Andere waren überzeugt, dass die Bauernschaft politisches Bewusstsein erlangen und zum Mitstreiter würde. Wieder andere wollten diesen Prozess nicht abwarten und entschieden sich für den Terrorismus.
 
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