Österreich-Ungarn und Russland standen sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegenüber, als es darum ging, das einst mächtige Türkische Reich, den »kranken Mann am Bosporus«, als beherrschende Macht auf dem Balkan abzulösen. Für Russland hätte die Vorherrschaft auf dem Balkan die Erreichung seines historischen Zieles bedeutet: Kontrolle über den Bosporus und die Dardanellen sowie Zugang zum freien (eisfreien) Meer. Österreich-Ungarn wollte Russland daran hindern, sich auf dem Balkan als Schutzmacht einiger Kiemstaaten (die zum Teil Gebietsansprüche gegenüber der Habsburgermonarchie geltend machten) festzusetzen. Österreichs Bestreben, das Vordringen Russlands zum Mittelmeer zu verhindern, wurde von Deutschland und Großbritannien unterstützt.
Russische Hoffnungen werden vereitelt
1877/78 kämpfte Russland auf der Seite von Serbien und Montenegro, als sich slawische Christen in der Herzegowina gegen die türkischen Behörden aufgelehnt hatten. Türkische Truppen waren 1875 mit Hilfe von Freiwilligen aus Serbien und Montenegro und aus der zu Kroatien gehörenden Provinz Dalmatien geschlagen worden. Der Aufstand hatte 1876 auf Bulgarien übergegriffen, wo die Türken etwa 30 000 Bulgaren hinmetzelten, das Blutbad führte in Europa zu einer Welle der Empörung.
Obwohl russische Heeresverbände 1878 die Außenbezirke von Konstantinopel erreicht hatten, setzte sich die britische und österreichische Diplomatie gegenüber Russland durch. Auf dem Berliner Kongress erreichte Russland Gebietszuwachs für Serbien und Montenegro sowie die Trennung Bulgariens vom Osmanischen Reich. Österreich-Ungarn, das neutral geblieben war, erhielt Okkupationsrechte für Bosnien-Herzegowina. Bulgarien wurde der Zugang zur Ägäis verwehrt, die Provinz Makedonien, auf die sowohl Serbien als auch Bulgarien Ansprüche geltend machten, wurde an die Türkei zurückgegeben.
Die im Krieg errungenen Erfolge Serbiens und Montenegros beflügelten die Fantasie aller Slawen in der Habsburgermonarchie, besonders aber derjenigen im Süden: der Kroaten, Slowenen und Serben, die außerhalb des eigentlichen Serbiens in Bosnien, Kroatien und Ungarn lebten. In Serbien wurden nationalistische Kreise, die für eine südslawische Union arbeiteten, mehr oder weniger offen mit Geld unterstützt. Serbische Politiker und Intellektuelle sahen in Serbien den Kern einer großslawischen Nation.
Revolutionäre Gesellschaften
Kroaten und andere Slawen, die im ungarischen Teil der Habsburgermonarchie lebten, betrachteten den Gedanken einer Union mit Serbien zunächst mit Misstrauen, ihnen war ein südslawischer Staat unter der Oberhoheit der Habsburger lieber. Aber wegen der madjarischen Vorherrschaft in Ungarn schlossen sich viele gegen Ende des Jahrhunderts revolutionären Kreisen an. Angesichts der Bedrohung ihres Reiches durch Nationalisten verstärkten die Habsburger ihre Bemühungen, Serbien als den Urheber aller Schwierigkeiten in die Schranken zu weisen. Ein Ergebnis dieser Politik war die Annexion von Bosnien-Herzegowina 1908. Diese Maßnahme war der Versuch, dem südslawischen Nationalismus zuvorzukommen, ein umstrittenes Gebiet wurde dem Habsburgerreich einverleibt und sollte damit neutralisiert werden. Russlands Schwäche nach der Niederlage im Krieg gegen Japan 1904/05 ersparte Österreich-Ungarn russische Vergeltungsmaßnahmen.
Die Balkankriege
Durch die Annexion Bosniens und der Herzegowina wurde die Stoßrichtung des serbischen Nationalismus nach Süden gegen Albanien und Makedonien gelenkt, beides wurde von Serbien, Bulgarien und Griechenland beansprucht, war aber vom Berliner Kongress an die Türkei zurückgegeben worden. Durch den Krieg der Türkei gegen Italien (1911/12) waren die türkischen Streitkräfte gebunden. Das nutzten die vier Balkanstaaten - Griechenland, Bulgarien, Serbien und Montenegro - aus und schlossen sich im sogenannten Balkanbund zusammen und erklärten der Türkei im Oktober 1912 den Krieg. Aber die siegreichen antitürkischen Kräfte wurden durch die Großmächte erneut um die Früchte ihres Sieges gebracht.
Für Deutschland war die Türkei der strategische Ausgangspunkt für künftige Vorstöße in den Nahen Osten, um sich gegenüber England zu behaupten. Unter österreichischem Druck wurde Serbien der Zugang zur Adria durch Errichtung eines selbstständigen Albaniens verwehrt. Serbien und Bulgarien führten wegen Makedonien im Juni 1913 gegeneinander Krieg, der einen Monat dauerte. Bulgarien wurde durch eine Allianz seiner Nachbarn einschließlich Rumäniens besiegt.
Aber die Habsburger Hoffnungen auf eine Beruhigung der Situation nach der Annexion Bosniens erfüllten sich nicht. Die nationalistische Agitation für eine Vereinigung aller Südslawen erhielt durch die serbischen Erfolge in den Balkankriegen neuen Auftrieb. Politische Morde in Bosnien und anderenorts gehörten zur Tagesordnung. Die politische Sackgasse zwang Österreich, eine militärische Lösung ins Auge zu fassen. Wien glaubte, dass sich Europa beruhigen würde, falls Serbien als Brutstätte nationalistischer Agitation ausgeschaltet werden könnte. Die Rückendeckung durch Deutschland bestärkte Österreich-Ungarn in seinem Entschluss. Die Ermordung des Habsburger Thronerben, Erzherzog Franz Ferdinand (1863-1914) im Juni 1914 in Sarajevo durch eine Gruppe von Revolutionären, die von Serbien aus operierten, lieferte Österreich-Ungarn den Kriegsanlass.
»San Stefano« auf der Fahne des Mädchens auf diesem Plakat symbolisierte das Anliegen Bulgariens, von seinen Nachbarn die Gebiete zurückzuerhalten, die ihm im Vertrag von San Stefano zugesprochen, in Berlin aber aberkannt worden waren. Grund für Bulgarien, 1885 einen (siegreichen) Feldzug gegen Serbien zu führen, musste sich aber nach österreichischer Intervention zurückziehen. Im I. Weltkrieg kämpfte Bulgarien wieder gegen Serbien.
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