Die Russische Revolution

Russland trat 1914 nur zögernd in den Krieg ein. Seine Armee war der des kaiserlichen Deutschland nicht gewachsen, schon einen Monat nach Beginn der Kämpfe wurden die Russen bei Tannenberg vernichtend geschlagen. Die Bolschewiki waren gegen den Krieg, ihre fünf Abgeordneten im Parlament, der Duma, wurden nach Sibirien verbannt. Ihr Führer Lenin (1870-1924) sah jedoch in der Niederlage des zaristischen Russlands den sichersten Weg, seine revolutionären Ziele zu erreichen.

Die Februarrevolution
Je länger die Feindseligkeiten dauerten, desto unfähiger erschien die Regierung. Sie wurde von der Februarrevolution 1917 ebenso überrascht wie ihre Gegner. Hungernde Bauern, enttäuschte Adelige und meuternde Truppen zwangen Zar Nikolaus II. (1868-1918) abzudanken, die Macht im Staate übernahm eine provisorische Regierung, die die Geschäfte führen sollte, bis eine konstituierende Versammlung eine Verfassung verkündet und eine Regierung ernannt haben würde. Die erste provisorische Regierung (es gab vier) stürzte, weil es ihr nicht gelang, den Krieg zu beenden.

Friedensschluss und Neuverteilung des Bodens waren eng miteinander verknüpft: Sollte Russland aus dem Krieg austreten, würden die Soldaten (meist Bauern in Uniform) heimkehren und mehr Land fordern, sollte den Bauern mehr Land zugebilligt werden, während der Krieg fortgesetzt wurde, würden viele desertieren, um ihren Anteil zu beanspruchen. Zusätzlich musste sich die Regierung mit dem Auftreten neuer, demokratischer Einrichtungen, den sogenannten Sowjets (Räten), auseinandersetzen. Sie entstanden nicht nur in Petrograd (heute Leningrad) und Moskau, sondern nach der Revolution überall im Lande. Die provisorischen Regierungen wurden von den gemäßigten Sozialisten - besonders von den Menschewiki - unterstützt. Lenin und die Bolschewiki bekämpften diese Regierungen dagegen entschieden. Im Juli versuchten bewaffnete Arbeiter und Soldaten, in Petrograd die Macht an sich zu reißen. Unter dem Verdacht, deutsche Bestechungsgelder angenommen zu haben, musste Lenin nach Finnland fliehen. Am 22. Juli 1917 wurde Alexander Kerenskij (1881-1970) Ministerpräsident, er versuchte, in der Hauptstadt die Ordnung wiederherzustellen. Aber Lew Dawidowitsch Trotzkij (1879-1940), ein führendes Mitglied im Petrograder Sowjet, organisierte einen bewaffneten Aufstand. Lenin kehrte unerkannt aus Finnland zurück und stürzte mit den Bolschewiki am 7. November (alter Kalender) die Regierung Kerenskij. Am 8. November wurde das Dekret über die entschädigungslose Enteignung von Grund und Boden erlassen.

Die Oktoberrevolution und die Zeit danach
Die Arbeiterschaft hoffte, dass das neue Russland von den Sowjets regiert werden würde, aber die Ereignisse machten ihre Hoffnungen zunichte. Da sich Lenin und seine Anhänger im November 1917 nicht einmal auf 300 000 Bolschewiki stützen konnten, stießen sie überall auf heftige Opposition. Da waren diejenigen, die einen Revolutionskrieg in ganz Europa entfesseln wollten, andere Bolschewiki wollten über Nacht das Geld als Zahlungsmittel abschaffen und eine sozialistische Wirtschaft einführen, die Bauern wiederum wollten nichts anderes, als das Land, das ihnen jetzt zugefallen war, bebauen, und dann waren da noch die Enteigneten des alten Regimes.

Mit dem Frieden von Brest-Litowsk im März 1918 endete der Krieg mit Deutschland: Im Sommer desselben Jahres brach der Bürgerkrieg zwischen der Roten Armee und den Weißen Armeen aus. Im Herbst intervenierten die Alliierten in dem Versuch, die Ostfront wiederherzustellen, sie unterstützten die »Weißen«. Aus den Kämpfen, die bis Ende 1920 dauerten, gingen die Rote Armee und die Kommunistische Partei schließlich als Sieger hervor. Während dieser Zeit ermordeten die Bolschewiki den Zaren und dessen Familie. Die Bolschewiki behaupteten, sie wollten Russland vor fremder Einmischung bewahren. Die drakonischen Maßnahmen zur Erringung des militärischen Sieges entfremdeten sie vielen Arbeitern und Bauern. Trotz zahlreicher Fälle von Fahnenflucht in der Roten Armee gelang es Trotzkij, eine starke sowjetische Militärmacht aufzustellen, die Demokratie fiel jedoch den Erfordernissen der Stunde zum Opfer. Lenin ließ das Land durch die Kommunistische Partei der Sowjetunion regieren. Unterstützt durch die gefürchtete Tscheka (Geheimpolizei), waren Partei und Armee bereit, Lenin zu folgen, doch die Räte, die Sowjets, waren es nicht.

Nach dem jahrelangen Blutvergießen wurde Sowjetrussland jetzt durch innere Unruhen erschüttert. Lenin lenkte ein und verkündete 1921 die Neue Ökonomische Politik (NEP), die den Sozialismus durch teilweise Rückkehr zum Privateigentum lockerte. In der Landwirtschaft, in der 80% der Bevölkerung tätig waren, wurde die Marktwirtschaft wieder eingeführt. Langsam erholte sich das Land.

Das neue Russland entsteht
Die Sowjetunion musste sich mit dem Verlust zahlreicher Grenzgebiete des alten Zarenreiches abfinden. Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, ein Teil der Ukraine und Bessarabien gingen verloren. Aber in den drei transkaukasischen Republiken wurde nach dem Abzug der Briten im Dezember 1919 der Weg frei für die Errichtung der bolschewistischen Herrschaft. Bis April 1921 hatte die Rote Armee Transkaukasien gänzlich erobert.

Das Nachfolgeproblem war ungelöst. Lenin rechnete mit Trotzkij als Nachfolger, aber am Ende setzte sich Stalin (1879-1953) als der Rücksichtslosere durch. Er verbannte Trotzkij 1929 aus der UdSSR (im Exil ermordet).

Die Hungersnot an der Wolga im Winter 1921/22 forderte etwa fünf Millionen Menschenleben und verschärfte den Zusammenbruch der russischen Volkswirtschaft im Jahre 1921. Ende 1920 waren die Niederlage der »Weißen« und der Abzug der alliierten Truppen abgeschlossen. Aber sieben Jahre Krieg hatten in Russland ein Chaos hinterlassen. Erhöht wurde die Unruhe in der Bevölkerung durch Inflation, Verknappung von Lebensmitteln und Brennstoff sowie durch die zunehmend autokratischen Methoden, die von der Regierung gegenüber Bedrohungen von innen und außen angewandt wurden. Lenin führte 1921 die Neue Ökonomische Politik (NEP) ein, um den Wiederaufbau anzuregen und die Bauern durch größere Freiheiten bei Produktion und Absatz zu beruhigen. Die NEP-Periode führte auch in Kunst und Literatur zu größerer Freiheit.
 
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