Die Entwicklung des Weinbaus hat sich gleichzeitig mit der Entwicklung der westlichen Zivilisation vollzogen. Aus den Überlieferungen der alten Mittelmeerkulturen - Ägypten, Phönizien, Kreta und Griechenland - wird deutlich, dass der Wein in der Landwirtschaft, im täglichen Leben, bei kultischen Handlungen in Mythen und für den Handel große Bedeutung besaß. Homer nannte das Mittelmeer wegen des regen Weinhandels »weindunkles Meer«.
Griechischer und römischer Weinbau
Die Aufnahme des Weinbaus in denjenigen europäischen Ländern, die noch heute eng mit dem Begriff Wein verbunden sind - Italien und Frankreich -, ist wahrscheinlich auf den Einfluss der antiken griechischen Kultur zurückzuführen. Einige Jahrhunderte vor Christus wurde in den beiden Ländern erstmals Wein angebaut, ebenso wie (vermutlich) in Spanien und Nordafrika.
Die griechischen Weine, von den Dichtern zwar gepriesen, wurden mit Wasser vermischt und gewürzt getrunken, sie dürften dem heutigen Geschmack kaum entsprochen haben. Vielleicht schmeckten sie wie unsere Wermutweine oder andere mit Kräutern aromatisierte sog. weinhaltige Getränke. Zur Haltbarmachung wurde ihnen auch etwas Harz der Aleppokiefer beigefügt.
Für die Griechen selbst war dann Italien das »Land des Weins«. Dort entwickelte sich die Weinkultur am höchsten, von Italien aus brachten die Römer die Weinkultur nach Frankreich.
Die großen römischen Schriftsteller, einschließlich Vergil, gaben in ihren Werken Ratschläge für den Weinbau. Einer dieser Ratschläge - »Weine lieben freie Hügel« - gilt heute ebenso wie damals. Über die Güte des römischen Weins ist viel gerätselt worden. Aus seiner Haltbarkeit kann geschlossen werden, dass er sehr gut war. So trank man z. B. den berühmten »Opimian« (aus dem Jahre des Konsulats des Opimius, 121 v. Chr.) noch 125 Jahre nach seiner Bereitung - ein Beweis für hoch entwickelte Kellerkunst.
Die römische Weinkultur
Die Römer beherrschten die Kunst, den Wein altern zu lassen. Sie waren nicht mehr allein auf die tönernen Amphoren der Griechen angewiesen (obwohl sie auch diese benutzten), vielmehr hatten sie schon Fässer und sogar Flaschen. So ist es wahrscheinlich, dass vor 2000 Jahren in Italien Weine gewonnen worden sind, die den heutigen ähnlich waren. Die Art der Römer, ihre Weinstöcke zu pflegen - auf altrömischen Fresken anschaulich dargestellt -, wird heute noch in einigen Gegenden Süditaliens und Portugals befolgt.
In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten war der Einfluss Roms am größten im Europa westlich und nördlich der Alpen, der Weinbau folgte den römischen Legionen. Nach deren Rückzug im 5. Jahrhundert war die Grundlage dafür in fast allen großen Weinbaugebieten Europas geschaffen. Von der Provence aus, wo Weinbau schon in vorrömischer Zeit betrieben worden war (Marseille geht auf die griechische Gründung Massalia zurück), hatte sich die Weinkultur das Rhonetal aufwärts ausgebreitet und im 1. Jahrhundert n. Chr. auf dem Weg nach Westen Bordeaux erreicht. Dann war sie nach Burgund und an die Loire, schließlich an Rhein und Mosel gelangt.
Alle diese frühen Anbaugebiete lagen in Flusstälern, die als natürliche Verkehrswege von den Römern gerodet und kultiviert worden waren. Wein muss sorgsam transportiert werden - Schiffe stellten geeignete Beförderungsmittel dar. Die erste zweifelsfrei belegte Kunde vom Weinbau auf deutschem Boden gab 365 n. Chr. Ausonius in seinem Gedicht »Mosella« über eine Schiffsreise von Bingen nach Trier.
Der Weinbau im Mittelalter
Der Weinbau an Rhein und Mosel, in Frankreich und den römischen Kerngebieten überstand den nach dem Fall Roms einsetzenden kulturellen Niedergang. Immerhin ist denkbar, dass die in West- und Südeuropa einbrechenden Völkerschaften vom Wein recht angetan waren. Die Beutezüge der Wikinger die großen Flüsse hinauf - Rhein, Seine, Loire, Gironde und Rhone - scheinen außer der Plünderung von Städten, geradezu den Raub von Wein zum Ziel gehabt zu haben.
Im Mittelalter hatte der Weinbau große Bedeutung. Er gedieh namentlich unter der Obhut der Kirche. Die sich ausbreitenden Orden bauten Wein an, manche Grundherren vererbten ihre Weingärten der Kirche, die sie als materielle Grundlage ihrer zahlreichen (oft karitativen) Einrichtungen nutzte. Wein wurde ja nicht nur im Gottesdienst, sondern auch als Medizin, als Stärkungsmittel und zur Desinfektion verwendet. Jahrhundertelang besaßen kirchliche Institutionen viele der größten Weinanbauflächen und der besten Lagen Europas.
Seit dem 16. Jahrhundert wird Wein auch in Mexiko angebaut. (Die Normannen hatten um das Jahr 1000 an der Ostküste Amerikas wilden Wein vorgefunden.) Im 17. Jahrhundert fand der Wein Eingang in Südafrika.
Beginn der neuzeitlichen Weinkultur
Bis ins 17. Jahrhundert wurde der Wein wie im antiken Rom in Fässern aufbewahrt. Flaschen benutzte man nur als einfache Karaffen zum Einschenken bei Tisch. Die Erfindung des Flaschenverschlusses mittels Korken und die Tatsache, dass gut verkorkter Wein wesentlich länger genießbar bleibt als Wein in Fässern, revolutionierten den Weinbau. Die Entstehung der großen Weingüter und die neuen Erkenntnisse über Pflege und Weiterentwicklung edler Reben fallen ins frühe 18. Jahrhundert, das hier, wie auf so vielen anderen Gebieten, eine Epoche der Neuerungen war.
Weintrauben wurden schon um 3500 v. Chr. in Ägypten angebaut. In der Grabkammer des Nacht, eines Beamten aus Theben um 1500 v. Chr., befindet sich ein Wandgemälde, das eine Gruppe von Männern beim Stampfen der Weintrauben zeigt. Wein war zu dieser Zeit gesundheitlich unbedenklicher als Wasser.
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