Vielvölkerstaat und Nationalismus

Österreich-Ungarn, Russland und das Osmanische Reich verfolgten im 19. Jahrhundert lange Zeit hindurch jeweils ihre eigenen Sonderinteressen auf dem Balkan. Die diplomatischen und militärischen Konflikte zwischen diesen drei Mächten resultierten teilweise aus ihren politischen Ambitionen in diesem Bereich, teilweise waren sie aber auch von den Unabhängigkeitsbewegungen in den umstrittenen Territorien verursacht.

Der Kampf Serbiens um seine Unabhängigkeit
In Serbien, einer osmanischen Provinz auf dem Balkan, lehnte sich 1804 zum ersten Mal ein unterworfenes Volk gegen das türkische Reich auf. Das Land zwischen Donau, Save, Drina und Timok war 1389 den Türken tributpflichtig geworden nach der Niederlage auf dem Amselfeld, Ende des 18. Jahrhunderts hatte die osmanische Fremdherrschaft besonders tyrannische Züge angenommen. Die örtlichen Militärbefehlshaber (dahis) besaßen fast unbeschränkte Machtbefugnisse. Im Jahr 1804 befahlen sie die Hinrichtung von 72 serbischen Dorfältesten. Noch im gleichen Jahr kam es zu einem Aufstand unter Führung von Kara Georg Petrovic, ursprünglich richtete sich diese Erhebung nur gegen türkische Ausschreitungen, entwickelte sich aber nach einigen militärischen Erfolgen zu einer Befreiungsbewegung.

Russland bot den Serben militärische und diplomatische Hilfe an, die Aufständischen konnten sich jedoch acht Jahre allein behaupten. Die Türken schlugen den Aufstand im Jahr 1813 schließlich nieder, aber 18 Monate darauf erhoben sich die Serben erneut, diesmal unter Milos Obrenovic (1780-1860). 1817 wurde Obrenovic zum Fürsten von Serbien ernannt und auch von den Türken anerkannt.

Der türkisch-russische Vertrag von Akkerman 1826 sicherte Serbien eine unabhängige Gerichtsbarkeit und eigene Steuererhebungen zu. Es konnte eine eigene Miliz unterhalten und eine Nationalversammlung nach Belgrad einberufen, obwohl es formal eine türkische Provinz mit türkischen Garnisonen blieb.

Erst 1878 erreichte Serbien seine volle Unabhängigkeit, als es auf dem Berliner Kongress als selbständiger Staat anerkannt wurde. Dieser Erfolg beflügelte die anderen Nationalitäten auf dem Balkan und gab den Freiheitsbewegungen der Südslawen, die unter osmanischer Herrschaft oder der Herrschaft der Habsburger lebten, neuen Auftrieb.

Einigungsbestrebungen der Slawen
Diese Auswirkungen waren im habsburgischen Reich besonders spürbar. Hierher waren im 17. Jahrhundert viele Serben vor den Türken geflohen. Die orthodoxe Kirche erwies sich in der Folgezeit als ein starkes Bindeglied zwischen den Serben in der Heimat und außerhalb. Die Furcht, entweder dem Druck aus Wien oder dem aus Budapest zu erliegen, führte Kroaten und andere Slawen, besonders Slowenen, enger zusammen.

In den Revolutionsjahren 1848/49 kämpfte General Josef Jellacic (1801-59) für Österreich mit serbischer und slowenischer Unterstützung gegen die ungarischen Revolutionäre. Die österreichische Regierung unter Felix Fürst zu Schwarzenberg (1800-52) errichtete jedoch nach der erfolgreichen Niederschlagung der Unruhen Von 1848/49 ein absolutistisches, deutsch orientiertes Regime.

Die Existenz eines halb selbständigen Serbien gab den nationalen Wünschen nicht nur der Serben, sondern auch der Kroaten und Slowenen neuen Auftrieb. Sprachverwandtschaft unterstützte die Vorstellung, dass Serben, Kroaten und Slowenen einer Nation angehörten. Diese Idee fand ihren Ausdruck im Panslawismus, der sich für die kulturelle und politische Einheit aller slawischen Völker einsetzte.

Auswirkungen der russischen Außenpolitik
Russland sah in diesen Bewegungen ein Instrument, um sein eigenes Streben nach Zugang zu den Häfen im Mittelmeer zu verwirklichen. Österreich, das von Preußen seit 1815 immer mehr aus Deutschland verdrängt wurde, verstärkte sein Engagement auf dem Balkan. Wegen seines Misstrauens gegenüber dem neuerwachten Nationalismus der Balkanslawen trat Österreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Türkei ein. Als Antwort hierauf verstärkte Russland seine Hilfe für die Gegner Österreichs und der Türkei.

Die Türkei genoss die Unterstützung Großbritanniens, des Hauptgegners der Zaren, auch Frankreich schloss sich Anfang der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts England an. Nach Streitigkeiten über die Heiligen Stätten in Palästina besetzte Russland 1853 als »Faustpfand« für die Erfüllung seiner »gerechten Forderungen« in Palästina die noch unter türkischer Oberhoheit stehenden Fürstentümer der Moldau und der Walachei.

Am 4. Oktober 1853 erklärte die Türkei Russland den Krieg, später folgten England und Frankreich, da diese die territoriale Integrität des türkischen Reiches gefährdet sahen. Österreich blieb neutral. Diese Tatsache empörte Russland und vergrößerte die Feindseligkeiten beider Mächte weiter. Das russische Heer wurde auf der Krim besiegt. Zar Nikolaus I. starb im Februar 1855, sein Nachfolger, Alexander IL (1818-81), bat um Frieden.

Der Ausgang des Krimkrieges stoppte die russischen Vorhaben auf dem Balkan vorerst und öffnete die Donau der internationalen Schifffahrt. Das Schwarze Meer wurde neutralisiert. Die territoriale Integrität des türkischen Reiches wurde ebenso garantiert wie das Freiheitsrecht der Serben. Im Jahr 1859 bereitete die Wahl von Alexandru Ioan Cuza I. (1820-73) zum Fürsten der Moldau und der Walachei die offizielle Vereinigung der beiden Fürstentümer zum rumänischen Staat (1862) vor, der 1878 formal unabhängig wurde.
 
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