Der Weg Lateinamerikas in die Unabhängigkeit

Das heutige Lateinamerika umfasst zwanzig Republiken. Die meisten von ihnen haben sich zwischen 1810 und 1824 die Unabhängigkeit erkämpft. Am Anfang dieser Epoche stand die Weigerung der größeren Städte im spanischen Amerika, Napoleons Bruder Joseph als neuen Herrscher anzuerkennen, den letzten Akt bildete die Freiheitsschlacht von Ayacucho in Peru im Jahre 1824.

Haiti hatte sich schon 1804 von der französischen Herrschaft befreit, machte sich aber selbst zum Herrn des benachbarten Santo Domingo, das erst 1844 als Dominikanische Republik selbständig wurde. Brasilien löste sich von Portugal ohne allzu viel Blutvergießen, der Sohn des portugiesischen Königs wurde sogar als Dom PedroI. Kaiser von Brasilien. Das von Argentinien und Brasilien beanspruchte Uruguay ging 1828 als unabhängiger Staat aus dem Streit hervor. Kuba blieb bis 1898 spanisch. Sein Aufstand gegen den Kolonialherrn wurde von den USA unterstützt und führte zum spanisch-amerikanischen Krieg. Kuba wurde unabhängig, war aber in der Praxis eng an die USA gebunden. 1903 löste sich Panama in einer Revolte von Kolumbien. Wieder leisteten die USA »Hilfe«, die neue Regierung verpachtete den Vereinigten Staaten auf unbegrenzte Zeit einen Landstreifen quer durch Panama, in dem die USA dann den Panamakanal bauten (vollendet 1914).

Die Folgen der Unabhängigkeit
Unabhängigkeit bedeutete für die lateinamerikanischen Staaten u. a., dass ihr Staatsoberhaupt nicht mehr als König von Spanien oder Portugal in Europa residierte. Die neuen Herren waren zwar auch zumeist europäischer Herkunft, jedoch im Lande geboren. Die traditionelle Sozialstruktur, in der der Großgrundbesitz (die Hazienda) das bestimmende Element war, blieb aber erhalten. Auch die Kirche, die sich bislang eng der Krone verbunden gefühlt hatte, stellte weiterhin eine eindeutig konservative Macht dar. Die dritte privilegierte Gruppe bildete das Militär, das in den Freiheitskriegen großes Prestige gewonnen hatte und sich nun der Einführung tatkräftiger ziviler Regierungen widersetzte.

Viele der jungen Staaten waren kaum regierbar: Ihre Territorien waren zu groß, Verkehrsverbindungen fehlten, der Krieg hatte die Wirtschaft ruiniert, es mangelte an Verwaltungsfachleuten, die Masse des Volkes waren Analphabeten. Nur wenige Helden des Freiheitskampfes wurden auch gute Staatsmänner. Simon Bolivar (1783-1830) starb nach erzwungener Abdankung im selbstgewählten Exil, der nicht weniger berühmte Jose de San Martin (1778-1850) ging nach Europa. Der neue Typ des lateinamerikanischen Staatsoberhauptes war der »Caudillo« (Anführer) der Militärdiktator.

Die neuen Staaten
Zwischen den unabhängig gewordenen lateinamerikanischen Staaten gab es kaum Beziehungen. Die Isolation der lateinamerikanischen Staaten gegenüber ihren unmittelbaren Nachbarn hatte topographische (in der Gestalt der Erdoberfläche liegende), aber auch historische Ursachen. Schon in der Kolonialzeit versuchten die einzelnen Regionen, ihren individuellen Charakter zu wahren. Die Regenten dieser Gebiete - Vizekönige, Präsidenten oder Generalkapitäne - fühlten sich eher den Monarchen in den jeweiligen Mutterländern als untereinander verbunden. Seit der Unabhängigkeit waren wiederum die Beziehungen der einzelnen Staaten zu den Großmächten der Welt wichtiger als die nachbarlichen Verbindungen innerhalb Lateinamerikas.

Auch als die lateinamerikanischen Länder unabhängig geworden waren, bewegte sich ihr Handel weiterhin in den Bahnen der Kolonialzeit. Jedes Land exportierte im Wesentlichen nur ein oder zwei Produkte, Industriegüter mussten durchweg importiert werden.

Abhängigkeit von fremden Mächten
Durch die einseitige Struktur ihrer Wirtschaft wurden die jungen Staaten bald finanziell und wirtschaftlich von starken ausländischen Mächten abhängig. Im 19. Jahrhundert spielten zunächst die Briten die Hauptrolle in der südamerikanischen Wirtschaft. Britisches Kapital finanzierte die Entwicklung der Wirtschaft Argentiniens, die britische Flotte zwang Brasilien, die offizielle Einstellung zum Sklavenhandel zu revidieren und den Import von Sklaven einzustellen. Die völlige Abschaffung der Sklaverei in Brasilien 1889 war eine der Ursachen für das Abtreten des letzten Kaisers, Pedros II. (1825-91). Danach wurde Brasilien Republik.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die USA ihr Territorium nach dem siegreichen Krieg gegen Mexiko (1846-48) beträchtlich erweitern können. Bereits 1823 waren die europäischen Mächte durch die Monroe-Doktrin (benannt nach dem amerikanischen Präsidenten James Monroe, 1758-1831) vor jeder Einmischung in Nord- und südamerikanische Angelegenheiten gewarnt und darauf hingewiesen worden, dass sich die USA als Schutzmacht Südamerikas betrachteten. Ende des 19. Jahrhunderts, als die Vereinigten Staaten ihre Interessen gefährdet glaubten, erzwangen sie die Respektierung der Monroe-Doktrin mit militärischen Mitteln. Außerdem förderten sie den panamerikanischen Gedanken, der bereits bei Bolivar aufgetaucht war: Die beiden Teilkontinente sollten ein speziell auf ihre Interessen abgestimmtes System von Beziehungen - zunächst in Handels-, Verkehrs- und Rechtsfragen - entwickeln: das »interamerikanische System«. Die erste gemeinsame Konferenz in Washington (1889-90) beschloss die Gründung des »Bureau of American Republics«, aus dem dann im Jahre 1910 die »Panamerican Union« hervorging.
 
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