Die lyrische Dichtung gegen Ende des 18. Jahrhunderts besticht eher durch Gefühlsintensität als durch Eleganz und legt mehr Wert auf freie Wortwahl als auf stilistische Regeln. Der aufrührerische Geist der Romantik scheint im Leben des George Gordon Noel, Lord Byron (1788-1824), verewigt, dessen Gestalt ebenso wie die Johann Wolfgang von Goethes die europäische Literatur um 1820 überragte.
Die Lyrik in Europa
Kennzeichnend für die englische Lyrik der Romantik sind die Werke von William Wordsworth (1770-1850) und von John Keats (1795-1821). Wordsworths Ideen über Geist und Natur zwangen ihn in Themenwahl und Stil zu unorthodoxer Haltung. Er war überzeugt, dass aus einem Einklang mit der Natur tiefe Freude erwächst. Percy Bysshe Shelley (1792-1822) schrieb über die erneuernde Kraft der Freude, während Keats die Macht des Schönen behandelte.
Gefühle, Natur und Exotik reizten die Poeten. Der Glaube an die Sinnenfreude schwand jedoch bald dahin: Alfred Lord Tennyson (1809-92) als Vertreter des bürgerlich-viktorianischen Zeitalters behandelte in allegorischer Weise den Artus-Sagen-Kreis, Matthew Arnold (1822-88) verlangte vom Dichter eine Deutung des Lebens.
In Deutschland spiegelt die nachklassische und nachromantische Literatur den Widerspruch zwischen dem Gedanken- und Formenerbe des Idealismus und der politischen Ohnmacht des Bürgertums wider: Eine Wendung zum Kleinen tritt ein, die Biedermeier-Haltung. Die melancholische Naturlyrik bei Nikolaus Lenau (1802-50) und Heinrich Heine (1797-1856) bezeugt diese Versenkung ins Einzelne. In scharfem Gegensatz dazu steht die Literatur des Jungen Deutschland: Mittels des Aphorismus, der Skizze, des Reisebriefs, der Novelle und Satire nahmen Heinrich Heine, Ludwig Börne (1786-1837), Heinrich Laube (1806-84), Karl Gutzkow (1811-78) und andere Stellung zu politischen und sozialen Tagesfragen.
Byrons Einfluss ist in Russland spürbarer als in Deutschland: Bei Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) und Michail Jurjewitsch Lermontow (1814-41) spürt man eine Verwandtschaft mit dem englischen Dichter.
In Frankreich führte Victor Marie Hugo (1802-85), Dichter, Schriftsteller und Dramatiker, die Reihe der Romantiker an, die Alphonse de Lamartine (1790-1869), Alfred de Musset (1810-57) und den jungen Theophile Gautier (1811-72) umfasst. Charles Baudelaire (1821-67), der Lyriker und Porträtist des moralischen Verfalls, der jugendliche Poet Jean-Arthur Rimbaud (1854-91) und Paul Verlaine (1844-96) lassen sich dagegen schon eher zu den Symbolisten rechnen als zu den Spätromantikern. Stephane Mallarme (1842 bis 1898) und die Symbolisten versuchten eine emblematische Dichtung zu schaffen. Der Italiener Giosue Carducci (1835-1907) lehnte undisziplinierte Verse ab, aber Ende des Jahrhunderts klingt bei' Gabriele d'Annunzio (1863-1938) noch einmal der authentische, tönende Gesang der romantischen Freude auf.
Drama: Vom Melodrama zum Naturalismus
Das Drama ist in der Zeit der Romantik und noch darüber hinaus relativ unbedeutend. Goethes Schauspiele spiegeln klassische Einflüsse wider, und sein Meisterwerk, der »Faust«, entzieht sich jeder Einordnung in Kategorien. Der schlesische Dichter Gerhart Hauptmann (1862-1946) gestaltete mit neuromantisch-symbolistischen Stilmitteln naturalistische Dramen (»Michael Kramer«, 1900), die einmal menschliches Leid, einmal märchenhafte Stoffe behandeln. Der Triumph, den Victor Hugos Drama »Hernani oder Die kastilianische Ehre« feierte, ist uns heute ziemlich unverständlich. Victorien Sardou (1831-1908) und Alexandre Dumas d. Ä. (1802-70) schrieben populäre Lustspiele und Romanzen. Später schuf Alexandre Dumas d. J. (1824-95) einige Stücke, die sich mit sozialen Problemen befassten. Das Lustspiel entartete allgemein zur sentimentalen Farce. Gegen Ende des Jahrhunderts machten drei große Dramatiker auf sich aufmerksam, gleichsam als Vorläufer des modernen Theaters. Der Norweger Henrik Ibsen (1828-1906) verfasste historische Stücke, dann Ideendramen (»Peer Gynt« 1867) und große realistische Gesellschaftsdramen wie zum Beispiel »Nora oder Ein Puppenheim«. Der Schwede Johan August Strindberg (1849-1912) begründete mit dem Künstlerroman »Das rote Zimmer« den schwedischen Naturalismus. Nach historischen Erzählungen und Reiseberichten nahm er - besonders in seinem Spätschaffen - in historischen Dramen und Erzählungen die Formen des europäischen Expressionismus und Surrealismus vorweg. Die Schauspiele des Russen Anton Pawlowitsch Tschechow (1860-1904) sind wegen ihres Realismus und wegen der feinfühligen Charakterisierung seelischer Zustände bedeutend.
Neue Wege des Theaters
Die Komödien des anglo-irischen Dramatikers Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wilde (1854 bis 1900) waren zwar in Handlung und Charakterisierung der Personen konservativ, aber Wilde nutzte seinen schillernden Witz, um Melodrama und romantische Lustspiele geschickt zu parodieren. George Bernard Shaw (1856-1950) wandte bei seinen Stücken, die soziale und moralische Themen behandelten, ein ähnliches Verfahren an, mit dem Resultat einer zugleich amüsanten, humanen und philosophischen Wirkung. In Frankreich deutete die anarchistische Farce »König Ubu« (1896) von Alfred Jarry (1873-1907) bereits auf den Expressionismus hin, in dem die Realität sich als Reflektion des Gedachten darstellen sollte.
Kategorie: Politik und Kultur im 19. Jh. Nach oben