Vorurteil und individuelles Verhalten

Die weitverbreitete Meinung, Männer seien gegenüber Frauen voreingenommen, zeigt, wie wenige Vorurteile differenzieren, wie stark sie verallgemeinern. Niemand wird ernstlich behaupten wollen, dass alle Männer grundsätzlich Frauen ablehnten. Durchaus wahr ist dagegen, dass viele Männer eine Abneigung gegen Frauen haben, die ihre traditionelle Rolle ablegen möchten und um ihre Gleichberechtigung kämpfen, denn zu den stereotypen Vorstellungen von »Weiblichkeit« gehören die Attribute Sanftheit, Schwäche und Passivität. Diese Eigenschaften geben die meisten Männer als »natürliche« Merkmale der Frau aus, obwohl, sie in Wahrheit nur Produkte der kulturellen Entwicklung sind.

Soziale Rolle
Vorurteile knüpft man, wie das oben genannte Beispiel zeigt, oft an bestimmte soziale Rollen und Rollenerwartungen. Überall dort, wo Schwarze als Ergebnis rassistischer Vorurteile an das Ende der sozialen Stufenleiter verwiesen sind, werden viele Weiße für die Beibehaltung dieser Rangordnung eintreten. Sie verschafft ihnen emotionale Befriedigung und oft auch wirtschaftliche Vorteile, denn der Schwarze ist auf diese Weise als sozialer und wirtschaftlicher Konkurrent von vornherein ausgeschaltet. Rassistische Vorurteile werden meist erst sichtbar, wenn sich die unterdrückte Minderheit gegen die etablierte Ordnung auflehnt.

Zu vielen Vorurteilen gehört das Element der Distanz. Im Kastensystem der Hindus wurde die soziale Distanz sogar in physischen Abstand übersetzt. Höchst kompliziert war auch die Form, in der die Brahmanen gegenüber den Engländern im britisch regierten Indien Distanz wahrten. Nicht zu umgehende Besuche in englischen Häusern absolvierten sie stets so früh, dass ihnen vor der ersten Mahlzeit genügend Zeit für rituelle Reinigungen blieb.

In anderen Fällen ist die Beachtung von Distanzen vielleicht weniger augenfällig, aber umso differenzierter. So lehnen viele Weiße in rassisch gemischten Gesellschaften die engste Verbindung mit Schwarzen, die Ehe, strikt ab. Verbindungen mit größerer Distanz, z. B. Freundschaft oder Nachbarschaft am Arbeitsplatz, tolerieren sie dagegen durchaus.

Die Verhaltensweisen des Menschen weichen allerdings häufig von seinen Überzeugungen ab. Von fünf weißen New Yorkern, die schwarze Verkäufer ablehnten, wusste einer nicht zu sagen, ob ihn soeben ein Schwarzer oder ein Weißer bedient hatte. Die übrigen vier akzeptierten meist schwarze Bedienung in der soeben besuchten Abteilung, lehnten sie aber in anderen Abteilungen des Kaufhauses ab. Dieses unlogische Verhalten offenbart, wie irrational Vorurteile sind.

Vorurteile und individuelles Verhalten
Viele Menschen bekennen sich öffentlich zu den Anschauungen und Verhaltensweisen ihrer Gesellschaft, obwohl sie spontan anders handeln. 1934 besuchte ein weißes Soziologenpaar mit chinesischen Freunden 184 Restaurants und 66 Hotels im amerikanischen Westen. Nur ein einziges Mal wurden sie abgewiesen. Trotzdem gaben später 92 Prozent der Restaurantbesitzer und Hoteliers auf einem Fragebogen die für ihre soziale Gruppe typische, das heißt vorurteilsbestimmte Auskunft: Sie lehnten die Bedienung von Gästen gelber Hautfarbe ab.

Beobachtungen in Ferienlagern führten ebenfalls zu der Erkenntnis, dass Vorurteile wenig vom Individuum, aber umso mehr von seinem Sozialverband abhängen. Man teilte die Jungen des Lagers zunächst in rivalisierende Teams auf und registrierte, dass die Gruppen rasch Vorurteile gegeneinander entwickelten. Fasste man mehrere oder alle Gruppen zu einer großen kooperativen Einheit zusammen, waren die Vorurteile über der gemeinsamen Aufgabe bald vergessen - ein Phänomen, das aus Kriegs- und Krisenzeiten bekannt ist.

Vorurteil und Persönlichkeit
Vorurteile drücken sich oft in irrationalem Verhalten aus, das nur aus der psychischen Struktur der vorurteilsvollen Person zu erklären ist. Zu den großen Verdiensten des Psychoanalytikers Sigmund Freud (1856-1939) gehörte die Analyse der menschlichen Triebkräfte. Er erkannte, dass manche Menschen ihre inneren Schwächen und Spannungen nicht durch Selbsterkenntnis zu korrigieren versuchen, sondern sich Erleichterung verschaffen, indem sie andere Menschen diskriminieren, d. h. alle, die sie als niedriger stehend betrachten, mit besonders harten Vorurteilen verfolgen. Damit vollziehen sie in extremer Form, was fast alle Menschen auf diese oder jene Weise zu tun versuchen, sie benutzen einen »Sündenbock«, um sich von den eigenen Frustrationen zu befreien. (Die Juden im alten Israel beluden einen Bock durch Handauflegen des Priesters symbolisch mit ihren Sünden, ehe sie ihn in die Wüste schickten.) Sozialverbände, die ihren eigenen Mitgliedern besonders viele Restriktionen auferlegen, bringen mehr mit Vorurteilen behaftete Menschen hervor als freiheitlichere Gesellschaftssysteme.

Vorurteile halten sich hartnäckig, denn zwischen dem, der sie hegt, und seinem Sündenbock besteht meist kein unmittelbarer persönlicher Kontakt. Damit entfällt die Gelegenheit, eine falsche Meinung zu korrigieren, der vorurteilsvolle Mensch meidet sogar oft bewusst Gelegenheiten, bei denen er seine vorgefasste Meinung korrigieren müsste. Er neigt zum Denken in Stereotypen, d. h. Vorstellungen, die starr sind, unzulässig verallgemeinern und deshalb den objektiven Tatbeständen nicht entsprechen. Bekannte Stereotype sind die vom hypersexualisierten Schwarzen, die vom spleenigen Engländer, die vom habgierigen Juden oder des geizigen Schotten.
 
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