Die menschliche Gesellschaft ist höchstens einige Millionen, mindestens aber einige Zehntausend Jahre alt. Unser Wissen über frühe Gesellschaften ist zwar lückenhaft, doch können wir ihre Hauptmerkmale rekonstruieren.
Verschiedene Theorien
Im 18. und 19. Jahrhundert bemühten sich vor allem die Verfechter der kulturellen Evolution (der Entwicklungslehre), Licht in das Dunkel um die Ursprünge der menschlichen Gesellschaft zu bringen. Sie untersuchten deshalb Phänomene, die zu den typischen Merkmalen jeder Gesellschaft gehören, z. B. die Familie, das Inzesttabu und Verwandtschaftsverhältnisse. Bekannte Vertreter dieser Richtung waren Adam Ferguson (1723-1816), Lewis H. Morgan (1818-81), J. J. Bachofen (1815-87), Edward B. Tylor (1832-1917), Andrew Lang (1844-1912) und J. F. McLennan (1827-81).
Von den klassischen Evolutionisten hatte Morgan den stärksten Einfluss auf die nachfolgende Generation. Sein Werk »Ancient Society« (1877, deutsch »Die Urgesellschaft«) trug zur Entwicklung des historischen Materialismus bei, und seine Entdeckung des Phänomens der gruppenbildenden Verwandtschaft als Basis der Stammesorganisation bot jüngeren Anthropologen einen Ansatzpunkt für ihre Arbeit.
Tylor lieferte wichtige Beiträge zum Thema der Exogamie (Außenheirat). Er erkannte, dass die Vorschrift, den Ehepartner außerhalb des eigenen Verbandes oder Stammes zu wählen, automatisch zur Bildung größerer Verbände führte, die sich zumindest zu einer gewissen Kooperation und gegenseitigen Hilfeleistung verpflichtet fühlten. An einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung standen nach Tylor alle Kleinverbände vor der Entscheidung, Außenheiraten zu schließen oder unterzugehen.
Einige Theorien der frühen Anthropologen sind inzwischen widerlegt worden. So hielt man die gesellschaftliche Entwicklung für einen intellektuellen Prozess man glaubte, die Menschen der Frühzeit hätten soziale Bräuche und Ordnungen mit Hilfe ihrer Vernunft bewusst entwickelt. Ferner meinte man, die komplexe Form der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts sei der Höhepunkt einer langen Entwicklungsreihe aus einfachsten Formen. Tatsächlich neigt aber gerade die moderne Familienstruktur zur Vereinfachung, da ihre Funktionen zum Teil von außerfamiliären Institutionen übernommen worden sind.
Die Entwicklung neuer Theorien wurde durch die Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen möglich. Die Archäologen lieferten Material über die Ernährungsweise und die Gerätschaften der frühen Menschen. Feldstudien an Affen und ethnographische Beobachtungen an Jäger- und Sammlergesellschaften der Jetztzeit ermöglichten Vergleiche und Rekonstruktionen.
Elementare Institutionen der Gesellschaft
Man ist heute zu der Erkenntnis gelangt, dass selbst frühe Jäger- und Sammlergesellschaften, wie sie noch durch die Buschmänner der Kalahar?i und die Ureinwohner Australiens repräsentiert werden, komplexe Systeme elementarer sozialer Institutionen waren. Zu diesen Institutionen zählten u. a. die Ehe, die die Nachkommenschaft legitimierte blutsverwandtschaftliche Beziehungen schafft, die Familie als Verband zum Zweck des Überlebens, Verwandtschaftsverhältnisse, d. h. die unterschiedlichen Verwandtschaftsgrade, denen jeweils bestimmte Verhaltensweisen zugeordnet sind, das Inzesttabu, das Ehen und sexuelle Beziehungen innerhalb der Kernfamilie (Eltern und Kinder) und meist auch in der erweiterten Familie ausschließt, die Exogamie, Arbeitsteilung nach Alter und Geschlechtern, Gütergemeinschaft und Güteraustausch sowie Territorialansprüche, die den Begriff des Eigentums voraussetzen.
Die klassischen Evolutionisten glaubten noch, dass Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern (Promiskuität) in der Frühzeit der Menschheit die Regel gewesen sei, entsprechende Verhaltensstudien an Affen schienen diese Theorie zu bestätigen. Heute wissen wir, dass es in bezug die Partnerwahl innerhalb der Primatenordnung keine Parallelen gibt. In der menschlichen Gesellschaft wird Promiskuität zum einen dadurch verhindert, dass die weiblichen Mitglieder als Mutter, Tochter oder Schwester dem Inzesttabu unterliegen, zum andern kann zwar ein Männlicher Gibbon ohne weiteres einen Sohn, der als sein Rivale auftritt, aus der Horde vertreiben - für einen menschlichen Vater wäre ein solches Verhalten u. U. ebenso riskant gewesen wie für den verstoßenen Sohn, der außerhalb des Sozialverbandes wahrscheinlich zugrunde gegangen wäre. Sexuelle Rivalität wurde offenbar schon sehr früh als so zerstörerisch erkannt, dass sie innerhalb der Familie nicht geduldet werden konnte. Als ebenso gefährlich erwiesen sich Konflikte um Frauen und Nahrungsquellen zwischen verschiedenen Gruppen, ihnen wurde durch die Exogamie teilweise der Boden entzogen. Die einfachste Form der Außenheirat war der Schwesterntausch zwischen zwei Gruppen. Auf höherer Stufe kam es zu einer Art Ringtausch, an dem mehrere Gruppen - also schon ein größerer Sozialverband - beteiligt waren.
Der Ursprung der sozialen Institutionen
Die Entwicklung dieser elementaren Institutionen ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, z. B. auf die lange, biologisch bedingte Unselbständigkeit des jungen Menschen, den Gebrauch von Werkzeugen und auf Grundbedürfnisse des Lebens in einer Gemeinschaft. Diese Grundbedürfnisse erfordern u. a., Nahrungsmittel miteinander zu teilen, für Verteidigung oder Angriff vorzusorgen und technische bzw. soziale Errungenschaften an die Nachkommen weiterzugeben.
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