Neurotische Persönlichkeiten sind durch verschiedene abnorme psychische Reaktionen gekennzeichnet, denen meist ein schwerer unverarbeiteter Konflikt oder eine dauernde seelische Belastung zugrunde liegt. Angstzustände, Schreckhaftigkeit oder depressive Verstimmungen kommen auch sonst bei gesunden Menschen vor, gewissermaßen als Varianten des normalen Seelenlebens. Beim Neurotiker sind diese Phänomene enorm gesteigert, so dass Leistungsvermögen und Kontaktfähigkeit beeinträchtigt sind und ein schwerer Leidens-Druck entsteht.
Formen der Neurose
Nach dem jeweiligen Leitsymptom unterscheidet man Angstneurose, Hysterie und Zwangsneurose.
Bei der Angstneurose stehen schwere, häufig panikartig gesteigerte Angstzustände im Vordergrund, oft verbunden mit physischen Erscheinungen wie Zittern, Schwitzen und Mundtrockenheit. Phobien, Zwänge oder depressive Verstimmung können das Zustandsbild verschlimmern.
Die Hysterie ist nach landläufiger Auffassung gekennzeichnet durch übertriebenes Verhalten, Schreikrämpfe und Nervosität. Im psychopathologischen Sinne werden unter Hysterie physische und psychische Symptome wie Lähmungen, Zittern, Erinnerungsverlust u. a. verstanden, die durch einen schweren seelischen Schock verursacht sind und unbewusst dem Zweck dienen, einer offenbar unüberwindlichen Schwierigkeit zu entrinnen oder ein Bedürfnis zu befriedigen. Als Hauptformen unterscheidet man die Konversionshysterie, bei der vor allem körperliche Störungen auftreten, und die hysterische Dissoziation, mit Verwirrtheit, depressiver Verstimmung sowie plan- und ziellosem Weglaufen und Umherirren, an das sich der Betroffene nachher nicht mehr erinnern kann, ferner kommen Trancezustände vor, aber auch eine Art Verdopplung der Persönlichkeit, wobei entgegengesetzte Züge unintegriert nebeneinander sichtbar werden (z. B. Scheu und Schüchternheit neben Aufdringlichkeit).
Die Zwangsneurose ist vor allem durch innere, vom Patienten durchaus als störend empfundene Zwänge gekennzeichnet, etwas Bestimmtes zu denken, zu tun oder zu vermeiden. Ist dies nicht möglich, so tritt heftige Angst auf. Nach heutiger Auffassung setzen neurotische Störungen eine entsprechend disponierte Persönlichkeit voraus, die auf bestimmte Belastungen mit manifesten Symptomen reagiert. Der ausgeglichenste Mensch mag bei schweren Rückschlägen depressiv oder bei anhaltendem Stress ängstlich werden, der Neurotiker aber ist mehr ein Opfer seiner Reaktionsbereitschaft als äußerer Belastungen.
Persönlichkeitsdefekte
Es gibt eine Reihe von abnormen Erlebnisweisen oder Verhaltensabweichungen, unter denen die Umwelt des Betroffenen leidet, oft genug aber auch dieser selbst. Die Störungen können psychischen Erkrankungen ähnlich sehen und bedürfen wohl auch der psychotherapeutischen Hilfe, sie sind aber von den Psychosen und Neurosen deutlich verschieden, der Betroffene ist nicht eigentlich krank, sondern reagiert psychisch in abnormer Weise, ähnlich wie jemand mit einer Missbildung nicht krank ist, sondern eben eine körperliche Abnormität aufweist.
Einige dieser Persönlichkeitsdefekte gehen offenbar auf eine hirnorganische Störung zurück, die entweder erbbedingt oder durch äußere Einflüsse (Verletzung, Infektion, toxische Schädigung oder unzureichende Ernährung in der Kindheit) verursacht ist. Gewisse Anomalien der Geschlechtschromosomen scheinen ebenfalls mit extrem antisozialem Verhalten zusammenzuhängen (vor allem die sogenannte XXY-Konstellation bei Männern, bei der häufig überdurchschnittliches Körperwachstum, hohe Aggressivität und verminderte Intelligenz auftreten). Ebenso sind aber Einflüsse der sozialen Umgebung, z. B. soziale Deprivation (Liebesmangel in der frühen Kindheit), familiäre Streitigkeiten und schwere seelische Belastungen, für bestimmte Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen.
Die Forschung hat unter dem Begriff Psychopathie eine Reihe solcher Persönlichkeitsstörungen beschrieben, darunter den antisozialen und den unreifen Typ. Auch der Paranoide gehört dazu, er ist überempfindlich und verletzbar, neigt ständig zu Minderwertigkeitsgefühlen und Selbsterniedrigung, anderseits aber auch zur eifersüchtigen Durchsetzung seiner Ansprüche. Charakteristisch sind ferner Menschen mit Affekt- und Stimmungsstörungen (flache und rasch wechselnde Gefühle, hoher Liebesanspruch bei geringer Hingabefähigkeit, extreme Schwankungen der Stimmungslage). Der Schizoide ist unbeteiligt, scheu und reserviert, er neigt zur Introversion und zu exzentrischem Verhalten. Schließlich gibt es zwanghafte Persönlichkeiten, die sich außerordentlich unsicher fühlen und extreme Vorsicht mit mangelnder Umstellungsfähigkeit und starrem Perfektionismus verbinden.
Sexuelle Probleme
Die Psychopathologie kennt auch eine Reihe von sexuellen Abweichungen. Einige davon sind sozial meist unerheblich, beispielsweise der Fetischismus (ausschließliche Gewinnung sexueller Lust aus unbelebten Objekten). Andere werden gesellschaftlich nicht toleriert wie etwa die Pädophilie (Neigung eines Erwachsenen zu Sexualkontakt mit Kindern) und der Exhibitionismus (Neigung zum Zeigen des erregten männlichen Gliedes). Transvestismus (Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts) und Transsexualismus (der Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören) sind selten und gelten eher als Entwicklungsstörungen.
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