Viele Psychotherapeuten, die sich mit den Ursachen von Neurosen und anderen psychischen Störungen befassen, halten psychische Konflikte für die wesentlichen Faktoren neurotischer Fehleinstellungen. Bei diesen Konflikten, so glauben sie, müsse auch die Therapie einsetzen. Ganz anders die Vertreter der Verhaltenstherapie: Sie sind der Auffassung, dass die Ursache einer Neurose, etwa einer Phobie, unwesentlich ist und das es einzig und allein darauf ankommt, die Störung selbst zu beseitigen.
Therapie als Lernprozess
Die Lerntheorie behauptet, dass neurotisches Verhalten durch »Konditionierung« erworben wird, d. h. durch die Rückmeldung positiver bzw. negativer Verhaltenskonsequenzen an das Individuum. Pawlow gilt als Begründer der Konditionierungstheorie. Auch Gefühle wie Angst können durch Konditionierung gelernt werden, sie werden leicht zum Ursprung komplexer Neurosen. So kann z. B. jemand mit einer ankonditionierten Furcht vor Schmutz einen Waschzwang und ständige Angst vor Ansteckung entwickeln, die ihn schwer behindern. Die Verhaltenstherapie versucht, solche Fehlkonditionierungen durch Umlernen wieder abzubauen. Das kann auf verschiedene Weise geschehen, etwa durch »Löschung«. Bei der Löschung wird einfach das gelernte Verhalten nicht mehr verstärkt (belohnt), wenn die Konsequenzen, die zum Erwerb eines Verhaltens geführt haben, stets ausbleiben, muss - so nimmt die Verhaltenstherapie an - das Verhalten seltener werden und schließlich verschwinden. Möglicherweise auch ist das »spontane« Verschwinden neurotischer Störungen durch eine solche Löschung bedingt.
Nicht alle neurotischen Störungen lassen sich so einfach beseitigen. Das kann daran liegen, dass etwa ein Mensch mit schwerer Angst ängstigende Situationen meidet, indem sein Vermeidungsverhalten die Angst verringert, wird es verstärkt. Eine Frau etwa, die Angst vor Spinnen hat, könnte alle Situationen meiden, in denen sie möglicherweise eine Spinne zu sehen bekommt. Die Verminderung ihrer Angst stellt so einen Verstärker ihres Fehlverhaltens dar. In solchen Fällen muss die Verhaltenstherapie die Begegnung und Auseinandersetzung des Patienten mit dem Auslöser neurotischen Verhaltens erzwingen.
Andere Techniken der Verhaltenstherapie
Die verhaltenstherapeutische Desensibilisierung versucht, eine neue Reaktion auf den Angstauslöser aufzubauen, die zugleich das Auftreten der bisherigen, gestörten Reaktion hemmt.
Die Technik der »Überflutung« lässt sich erfolgreich bei einigen schweren Verhaltensstörungen einsetzen, besonders bei Zwängen. Sie besteht darin, dass man den Patienten seine Angst immer stärker erleben lässt, bis sie nach einem äußersten Höhepunkt anfängt nachzulassen.
Auch die Aversionstherapie kann zu Erfolgen führen, sie wurde u. a. bei der Behandlung von sexuellem Fehlverhalten (z. B. Exhibitionismus und Pädophilie), Alkoholismus und Drogensucht eingesetzt. Dabei wird ein unangenehmer Reiz mit dem Fehlverhalten gekoppelt, etwa ein schmerzhafter Schock oder eine medikamentös erzeugte Übelkeit.
Konditionierung spontanen Verhaltens
Die Theorie der »operanten Konditionierung« von B. F. Skinner wird ebenfalls therapeutisch angewandt, z. B. in dem »Münzverstärkungsverfahren«, bei dem eine Mischung von Belohnungen und Bestrafungen eingesetzt wird. Die Ausgangsüberlegung ist einfach: Wenn auf ein Verhalten stets eine Belohnung (positive Verstärkung) folgt, wird dieses Verhalten häufiger, wenn dagegen eine Bestrafung folgt (negative Verstärkung), wird es seltener. Entscheidend ist, dass Belohnung oder Bestrafung unmittelbar auf das Verhalten folgen. Ein zu langes Intervall könnte den Patienten dazu bringen, die Verstärkung mit einem anderen Verhalten zu verknüpfen, was das Verfahren wirkungslos machte. Positive Verstärker sind im Übrigen wirksamer als negative. Auch Ansätze zum richtigen Verhalten werden bereits verstärkt. So baut sich allmählich die Störung ab und das erwünschte Verhalten auf. Entscheidend ist, dass dieses Verhalten das unerwünschte ausschließt, also an dessen Stelle rückt (Gegenkonditionierung). Die Belohnungen werden übrigens nach einem genauen »Verstärkerplan« erteilt: Nachdem zunächst herausgefunden wurde, was überhaupt im Einzelfall als Verstärker funktioniert (Süßigkeiten, Zerstreuung, Aufenthalt in der Gruppe), wird anfangs jede richtige Reaktion verstärkt, später nur noch jede zweite oder dritte, durch »intermittierende« Verstärkung festigt sich das Verhalten mehr als durch ununterbrochene Verstärkung.
Die Verhaltenstherapie ist zweifellos wirksam und sinnvoll bei Fehleinstellungen, in denen z. B. ein einziger Angstauslöser entscheidend ist, bei komplexen Neurosen dagegen sind dauerhafte Therapieerfolge fraglich. Bei der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, etwa bei Psychosen, sind verhaltenstherapeutische Techniken kaum erfolgreich, weil sie eben nur auf Verhaltensänderungen abzielen. Sogenannte Therapieerfolge bestehen möglicherweise nur in einer »Symptomverschiebung«: An die Stelle der bisherigen Störung tritt früher oder später eine andere. Im Übrigen werden auch Bedenken gegen die ethische Zulässigkeit verhaltenstherapeutischer Techniken, besonders der Aversionstherapie, geäußert. Die Vertreter der Verhaltenstherapie behaupten dagegen, dass es jedem Menschen freistehe, sich einer solchen Behandlung zu unterziehen oder nicht, und dass im Übrigen auch andere Techniken der Psychotherapie auf ähnliche ethische Bedenken stoßen müssen.
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