Bisher hat es noch jede Gesellschaft für erforderlich gehalten, bestimmte Handlungen als kriminell einzustufen und den zu bestrafen, der sie begeht. Über Jahrtausende hin finden wir bei allen Gesellschaften immer wieder Tatbestände, die - mit strengen gesellschaftlichen Sanktionen bedroht - verboten waren: Töten, Ehebruch, Eigentumsverletzung und Friedensstörung innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Dennoch ist es kaum möglich, einen allgemein gültigen Maßstab für kriminelles Verhalten zu finden.
Verbrechen und Gesetz
Straftaten können in verschiedener Weise klassifiziert werden. Die gebräuchlichste Einteilung ist: Delikte gegen die Person (Raub, Geiselnahme, Mord, Körperverletzung), Delikte gegen das Vermögen (Diebstahl, Unterschlagung, Betrug, Sachbeschädigung) und Delikte gegen die öffentliche Ordnung (Landesverrat, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Landfriedensbruch, Umweltverschmutzung).
So wie sich Anschauungen ändern, wandeln sich auch die Gesetze. Es kann vorkommen, dass Tatbestände, die früher als strafbar galten, heute nicht mehr strafrechtlich geahndet werden. Natürlich kann es auch umgekehrt sein. So wurde früher Selbstmord als schweres Verbrechen behandelt, heute ist Selbstmord nicht mehr strafbar. Selbst Beihilfe zum Selbstmord wird heute allenfalls noch als unterlassene Hilfeleistung gewertet. Der umgekehrte Fall: Umweltschädigungen beurteilt und bestraft man heute in vielen Ländern härter als noch vor einigen Jahren.
Der Begriff »Delikt« oder »Verbrechen« kennzeichnet also nicht gleichbleibende Tatbestände, sondern die mit diesem Begriff erfassten Tatbestände entwickeln und verändern sich mit der Gesellschaft. Nun gibt es zwar eine Reihe von Handlungen - wie z. B. Mord -, die die meisten Menschen fast immer als Verbrechen ansahen. Andererseits hat das Argument Gewicht, das Gesetz solle sich lediglich mit gesellschaftsschädigendem Verhalten befassen und sich nicht um sittenwidriges Handeln in der Privatsphäre kümmern. Beispiele aus jüngster Vergangenheit sind die Diskussionen über die Strafbarkeit von Prostitution, Homosexualität, Pornographie und Abtreibung. Die meisten Gesellschaften haben heute Gesetze geschaffen, um Gebiete des sozialen Lebens zu regeln, die relativ neu sind, wie etwa Straßenverkehr, Drogengebrauch oder Kreditaufnahme. Verstöße gegen diese Regeln werden mit Strafe bedroht. Diese Rechtsgebiete sind heute Schwerpunkt einer neuen Kriminalität.
Kriminalität - statistisch betrachtet
Obwohl es, insbesondere in den USA, gut organisierte Verbrechersyndikate gibt, werden die meisten der Angeklagten doch wegen relativ geringfügiger Straftaten verurteilt, hauptsächlich wegen Diebstahls. Häufig kam es besonders in den USA vor, dass die Chefs von organisierten Verbrecherbanden aus Mangel an Beweisen lediglich wegen Steuerhinterziehung oder Waffenbesitzes zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden.
Den tatsächlichen Trend der Kriminalität herauszufinden, ist äußerst schwierig. Selbst in den USA hat das FBI erst seit 1930 Statistiken über die Verbrechen im Lande erstellt. Dabei ist jedoch noch zu berücksichtigen, dass bei einer Reihe von Verbrechen eine erhebliche Dunkelziffer besteht, insbesondere Vergewaltigungen und Erpressungen werden oft gar nicht erst angezeigt, weil die Opfer befürchten, bloßgestellt zu werden. Ein anderer Grund, Straftaten nicht anzuzeigen, ist in vielen Fällen die Furcht der Opfer, von Verbrecherorganisationen unter Druck gesetzt zu werden, wenn sie als Zeugen vor Gericht auftreten sollen.
Selbst wenn man davon ausgeht, dass Statistiken unvollständig sind, lässt sich unschwer erkennen, dass die Straftaten jährlich zunehmen: So wuchs zwischen 1960 und 1970 in den USA die Zahl um insgesamt 144 Prozent. Diese Tendenz mag zum Teil aber auch darin begründet sein, dass die Polizei heute mit modernen Hilfsmitteln mehr Straftaten entdeckt als früher. Gewaltverbrechen nehmen nicht stärker zu als andere Verbrechen, auch stellen Gewaltverbrecher in den Vollzugsanstalten nicht etwa den größeren Teil der Häftlinge. Zwischen 1955 und 1965 stiegen Eigentumsdelikte in Frankreich, England, Italien und Norwegen um 100 Prozent an, um etwa 200 Prozent in den Vereinigten Staaten und sogar um mehr als 200 Prozent in Finnland, in den Niederlanden, in Schweden und in der Bundesrepublik Deutschland. Die Verbrechenshäufigkeit hängt wesentlich von der Zusammensetzung der Bevölkerung ab. Entscheidend ist offenbar das Verhältnis der Zahl der Großstadtbewohner zu der der Landbevölkerung, der der Jugendlichen zu der der Erwachsenen. Die Verbrechenshäufigkeit steigt allgemein bei sozialen, kulturellen und rassischen Spannungen.
Die moderne Kriminalität
Man hatte geglaubt, mit dem Ende der Nachkriegszeit, also mit dem Ende von Armut und Unterdrückung, werde die Zahl der Straftaten sinken. Tatsächlich aber ist in allen Industriestaaten insbesondere die Gewaltkriminalität, vor allem unter jungen Leuten, stark gestiegen. In den sechziger Jahren kam es zunächst vornehmlich in vielen Universitäten zu Auseinandersetzungen mit Gewalttätigkeiten, die Bereitschaft, politische Ziele mit Gewalt durchzusetzen, nahm zu. In den siebziger Jahren zeigte sich diese Tendenz beispielsweise in der Tätigkeit von Stadtguerillas, in Bombenattentaten, Geiselnahmen, häufig in Verbindung mit Flugzeugentführungen und Lösegeldforderungen sowie der Freilassung von Terroristen.
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