Als kriminell werden viele Verhaltensweisen bezeichnet von Mord bis zum geringfügigen Diebstahl, von Verrat bis zur Veruntreuung von Geld. Bisher sind alle Versuche gescheitert, die ganze Bandbreite menschlichen Fehlverhaltens aus einem Prinzip theoretisch zu erklären.
Theorien über die Kriminalität müssen zwei verschiedene Bereiche von Straftat Problemen erklären: Warum werden bestimmte Verhaltensweisen von der Gesellschaft als kriminell bezeichnet? Was veranlasst bestimmte Personen, sich so in Widerspruch zu den allgemeinen Vorstellungen zu setzen?
Das Verbrechen und seine Ursachen
Der Inhalt des Begriffs »kriminelles Verhalten« reicht von der Auffassung einfacher Gesellschaften, das Strafgesetz stelle die Verkörperung göttlichen Willens dar und sei vom menschlichen Willen unabhängig, bis zu der radikalen modernen Idee, das Strafgesetz sei lediglich ein Instrument, mit dem die herrschende Klasse ihre Macht sichere. Die Frage, warum ein Mensch ein Verbrechen begeht, wird ebenfalls recht unterschiedlich beantwortet. Die eine extreme Auffassung besagt, der Mensch wähle unmoralisches und kriminelles Verhalten auf Grund eigener, freier Willensentscheidung, er sei deshalb für seine Taten voll verantwortlich, der Mensch selbst rufe den Teufel. Die andere extreme Auffassung sieht in dem Kriminellen das mehr oder weniger hilflose Opfer biologischer, psychologischer oder sozialer Zwänge, die sich seiner Kontrolle entziehen.
Traditionelle Erklärungen gehen vom Individuum und von bestimmten Persönlichkeitsstrukturen als Hauptfaktoren für kriminelles Verhalten aus. Moralisch begründete Erklärungen stellen die »bösen« Eigenschaften heraus wie Gier, Neid, Korruption, Rachsucht und behaupten, das Individuum gebe aus eigenem Willen solchen Gefühlen nach, der Mensch wähle das Verbrechen also freiwillig. Aber gleichzeitig wird beobachtet, dass auch geistig Kranke, die man für ihre Taten nicht verantwortlich machen kann, Straftaten begehen. Diese Erfahrung ist in den modernen Gesetzessystemen berücksichtigt worden, krankhafte Störungen des Geistes, Schwachsinn, Bewusstseins defekte oder besondere seelische Abartigkeiten vermindern die Schuldfähigkeit oder schließen sie völlig aus. Zu den krankhaften Geistesstörungen gehören Hirnschädigungen, Psychosen, Schizophrenie, Depressionen, Neurosen, Hysterie sowie andere starke Psychopathien.
Die modernen Verbrechenstheorien beruhen mehr auf Statistiken als auf überlieferten Behauptungen über kausale Zusammenhänge. So wurde z. B. festgestellt, dass Bewohner ärmerer Stadtteile relativ häufig tätliche Angriffe und Einbrüche begehen.
Verbrechen, Klasse und Umwelt
Nicht alle Verbrechen können mit ungünstigen sozioökonomischen Umständen begründet werden. Wirtschaftskriminalität wie Betrug, Steuerhinterziehung und Unterschlagung steigt neuerdings immer mehr an, die Täter sind oft angesehene Personen mit gehobenem sozialem Status. Mord im Affekt oder aus Eifersucht kommt in allen sozialen Schichten vor sowohl in der Stadt wie auf dem Land. Dasselbe gilt für Sachbeschädigung, Autofahren im betrunkenen Zustand, Fälschung und Betrug.
Bei Gewalttaten muss die Rolle des Opfers beachtet werden: Manchmal hat dieses seinen Mörder provoziert oder ihn geradezu aufs Korn genommen. Es gibt Fälle, in denen die Rolle von Angreifer und Opfer vertauscht sind und das Opfer das Verbrechen letztlich selbst verursacht hat.
Sexualstraftaten können das Ergebnis wirtschaftlicher Not (z. B. Prostitution) wie auch psychischer Abartigkeit sein (etwa Exhibitionismus oder Verführung von Kindern). Trunkenheit ist eine der häufigsten Ursachen kriminellen Verhaltens, denn übermäßiger Alkoholgenuss beeinträchtigt das Urteilsvermögen und baut Hemmungen ab: Beide Faktoren spielen bei vielen Straftaten eine Rolle. Rauschgiftsüchtige werden in erster Linie deshalb straffällig, weil sie die Drogen selbst oder das Geld für ihren Kauf erlangen wollen.
Der »Berufsweg« des Kriminellen
Verbrechen ist eine Variante der zahlreichen nichtkonformen Verhaltensmuster. Als solches lässt es sich nicht allein durch das Fehlen sozialer Kontrolle über angeborene menschliche Triebe erklären, obwohl dies manche Theoretiker annehmen. Nach Ansicht des amerikanischen Soziologen Robert King Merton (1910-2003) üben möglicherweise die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen einen Druck aus, auf den manche Menschen eher mit unangepasstem als mit angepasstem Verhalten reagieren. Dabei wird abweichendes oder kriminelles Verhalten als das Symptom einer Lücke gesehen, die zwischen den Erwartungen besteht, die die Gesellschaft an den Menschen stellt, und den sozial akzeptierbaren Methoden, mit denen diese Erwartungen erfüllt werden sollen. Viele Personen brechen die gesellschaftlichen Normen und begehen Straftaten als Folge von Druck, Frustration oder wegen der Unvereinbarkeit von Erwartungen und den Möglichkeiten, ihnen gerecht zu werden.
Kriminelles Verhalten kann aber auch erfolgreiches Anpassen an die Grundvorstellungen einer eigenen Subkultur sein. Eine auf diese Weise verbundene Gruppe verhält sich der Gesellschaft gegenüber asozial und strebt nicht selten ein gemeinsames Ziel an, das im Gegensatz zu den Institutionen und zu den Wertvorstellungen der Mehrheit der Gesellschaft steht.
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