Die Renaissance in der Musik ist vor allem das Werk flämischer Komponisten. Durch sechs Generationen, etwa von 1400 bis 1570, haben sie die Entwicklung der Musik in Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien und England vorangetrieben.
Flämische Musik
Es mag überraschen, dass ein so kleines Land eine so gewaltige Zahl von Talenten hervorgebracht hat. Aber die großen Nachbarländer waren damals in lange, zermürbende Kriege verwickelt, oder sie litten unter den Auswirkungen von Seuchen. Flandern dagegen, Teil des Herzogtums Burgund, hatte einen Mittelstand, der verhältnismäßig unabhängig war, der die Kunst liebte und die Künstler förderte. Die musikalische Erziehung in den Chorschulen der flämischen und nordfranzösischen Kathedralen begünstigte die Entfaltung der Talente. Musikalische Komposition wurde ebenso gelehrt wie Gesang, jeder Chorsänger hatte daher Gelegenheit, sich auch als Komponist zu erweisen und zu bewähren.
Flämische Sänger waren deshalb in ganz Europa gesucht. Die Laufbahn des Orlando di Lasso (Orlande de Lassus, um 1532-94) lässt die Chancen erkennen, die sich damals einem Chorsänger boten. Als Kind mit einer wundervollen Stimme begabt, trat er in den Dienst des Vizekönigs von Sizilien. Aus Anerkennung für sein kompositorisches Schaffen wurde er 1570 von Kaiser Maximilian II. geadelt und 1574 vom Papst zum Ritter vom Goldenen Sporn ernannt.
An Orlando di Lassos Lebensweg lassen sich zwei wichtige Aspekte der Renaissancemusik ablesen. Einmal hatte sich die soziale Stellung des Musikers grundlegend geändert: Im neuen Kunstverständnis der Renaissance wurde das schöpferische Talent ganz hoch bewertet. Der Musiker war nicht länger nur Diener oder angestellter Handwerker. Sobald seine Musik angesehen und beliebt war, waren seinem Ehrgeiz kaum noch Grenzen gesetzt. Und das zweite: Die Musik wurde säkularisiert. Männer wie Orlando di Lasso, aus einer Tradition hervorgewachsen, die ihre Zentren in Kathedralen und Klöstern hatte, wurden nun an die Höfe von Königen und Fürsten, aber auch von geistlichen Souveränen berufen, die auch mit der Förderung der Musik, ähnlich wie mit dem Erwerb von Werken der bildenden Kunst, ihr Prestige als Kunstkenner und Kunstförderer mehren wollten.
Diese neuen Verhältnisse mussten sich auch auf den Kompositionsstil auswirken. Für die Vertonung der Messe hatte der Gregorianische Gesang meist die thematische Basis gebildet. Nun wurden auch weltliche Melodien dafür herangezogen, so benützte z. B. Josquin Desprez (um 1435-1521), Kapellmeister bei Lorenzo de' Medici, Ludwig XII. und Maximilian I. die Melodie des damals bekannten Liedes »L'homme arme«. Nach und nach wandten sich die Komponisten immer mehr der westlichen Musik zu - ein Wendepunkt in der Entwicklung der europäischen Musik. Die Komponisten vertonten lyrische Dichtungen, es entstanden das Madrigal und, als französisches Gegenstück, das Chanson im alten Sinne (ein mehrstimmiges Lied).
Eine der interessantesten Gestalten dieser Epoche, sowohl wegen seiner bewegten Biografie wie durch seine Musikwerke, ist der Italiener Don Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa (um 1560-1613). Seine kühnen melodischen und harmonischen Experimente weisen weit in die Zukunft, ja bis in die Musik der Gegenwart hinein.
Vokal- und Instrumentalmusik
Baidassare Castigliones (1478-1529) Handbuch für Höflinge »II Cortegiano« (Der Hofmann, 1528) bezeichnet den Gesang als wichtigen Teil bei der Erziehung eines jungen Adligen. Castiglione fährt fort: »Harmonisch sind auch alle Tasteninstrumente, mühelos kann vieles auf ihnen gespielt werden, was die Seele mit der Süßigkeit der Musik erfüllt.« Die Rückseite einer Lira da braccio von Giovanni d'Andrea (Verona, 1511) trägt die Inschrift: »Der Gesang ist der Arzt für die Leiden der Menschen.«
Gleichzeitig mit der Vokalmusik entwickelte sich die Instrumentalmusik weiter. Laute, Cembalo, Orgel, Viola und viele Arten von Blasinstrumenten waren allgemein im Gebrauch. Blasinstrumente zu spielen galt freilich nicht als angemessen für einen Herrn von Stand. Ensembles mit Blasinstrumenten waren jedoch bei den großen Festen und Zeremonien des Adels unentbehrlich, man überließ sie allerdings professionellen Musikern. Die Vorherrschaft der wandernden Musiker aus Flandern dauerte dort, wo sie sich niedergelassen hatten, meist nur ein paar Jahre. Aber sie wirkten anregend auf die einheimischen Musiker. Für Italien kann man sagen, dass sie die klassische Tradition in Rom begründet haben, in Venedig die des Chorgesanges, auch das Madrigal. Aber es waren erst die Italiener, die diese Formen zu voller Blüte entwickelten.
Norden und Süden
Für eine kurze historische Spanne bestand eine Art Gleichgewicht zwischen dem Norden und dem Süden Europas: zwischen Polyfonie (bei der jede Stimme des Satzes in einer eigenen Melodie geführt wird) und Melodie, zwischen Wort und Ton, zwischen dem, was war, und dem, was kommen sollte. Dieses goldene Zeitalter bildet den Höhepunkt der Renaissancemusik. Das Aufkommen und die Einführung des Notendrucks befruchteten die weitere Entwicklung. Die Auseinandersetzungen zwischen Reformation und Gegenreformation trieben die Entfaltung jedoch vielfach in eine Richtung, die sie sonst wohl nicht eingeschlagen hätte.
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