Italienische Kunst (1450 bis 1490)

Die Auswirkungen der stilistischen Revolution im zweiten und dritten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts unterschieden sich in doppelter Hinsicht von den Neuerungen, die Duccio di Buoninsegna (1255/60-1319) und Giotto (wahrscheinlich 1266-1337) im 14. Jahrhundert eingeführt hatten. Die Wirkungen dieses neuen künstlerischen Umsturzes machten sich rasch in fast allen Zentren von einiger künstlerischer Bedeutung bemerkbar, eine geradezu unglaubliche Fülle begabter und ideenreicher Künstler von erstklassigem Talent stand bereit, die neuen künstlerischen Ideen mit einer schöpferischen Originalität und einem adäquaten Sinn für Qualität zu realisieren, die in solcher Massierung in der abendländischen Kunst allenfalls noch ein einziges Mal, im Barock, sich wiederholt hat.

Die Kunst wird weltlich
Eine weitere günstige Voraussetzung für diese Entwicklung ist in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Vielzahl von Stätten, an denen Kunstpflege geradezu erste Bürgerpflicht wurde. Der verhältnismäßig lange Friede trug dazu bei, dass auch die kleineren Zentren nach der Jahrhundertmitte eine bis dahin unerhörte künstlerische Bedeutung erlangten. Überragt werden die Stadtstaaten und die fürstlichen Zentren jedoch von Rom, wo päpstliches Mäzenatentum, die Bedürfnisse der Kirche und eine tragfähige wirtschaftliche Basis eine Ansammlung künstlerischer Kräfte ermöglichten, die selbst für diese mit schöpferischen Individuen so reich gesegnete Zeit einzigartig war.

Bedeutungswandel der Kunst
Diese neuen künstlerischen Möglichkeiten gewannen noch an Gewicht durch eine sich langsam, aber merklich ändernde Meinung über Rang und Zweck von Kunstwerken. In dieser Zeit erwarb sich die bildende Kunst das gleiche Ansehen und den gleichen sozialen Status, den eine andere der »freien Künste«, die Musik, in der Gesellschaft schon vorher errungen hatte. Wenn also die Aufträge an Künstler für die Herstellung von Freskenzyklen in Kirchen immer mehr zurückgingen, so fand dieser Rückgang einen Ausgleich durch mehr private Aufträge für Bilder und Skulpturen für Wohn- und Repräsentationsräume.

Allgemein ist zu sagen, dass die zweite Hälfte des Jahrhunderts in Form und Funktion der Kunstwerke eine größere Mannigfaltigkeit entwickelte. Die Bronzestatuette und die Porträtbüste z. B. gehören von nun an zum künstlerischen Repertoire. An diesen beiden Typen künstlerischer Darstellung lässt sich eine generelle Erscheinung ablesen: Neue, profane Aufträge werden unter Verwendung früherer, meist religiöser Formen erfüllt. Die Kleinbronze mit mythologischen oder allegorischen Motiven geht auf eine lange Tradition von Heiligenstatuetten zurück. Eine Porträtplastik dieser Zeit kann man am besten erklären, wenn man auf die Tradition (der weiterhin hergestellten) Reliquienbüsten verweist. Die Entwicklung beider künstlerischen Genres wurde überdies von antiken Objekten angeregt. Auch die neuen großflächigen, figurenreichen Gemälde in den Palästen der Fürsten und in den Häusern der Patrizier sind nur denkbar vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Künstler auf dem Gebiet der kirchlichen Kunst. Deshalb erinnern die Fresken Andrea Mantegnas in der Camera degli Sposi im herzoglichen Palast zu Mantua (1473-74) an eine religiöse Szene und Sandro Botticellis »Der Frühling« an eine Madonna mit Heiligen. Seltener - jedoch bei Andrea Mantegna (wahrscheinlich 1431 bis 1506) und bei Sandro Botticelli (1444/45 bis 1510) finden sich auch hierfür Beispiele - sind in dieser Zeit profane Darstellungen nach dem Vorbild klassischer Skulpturen.

Architektur
Giuliano da Sangallo (1445-1516) entwarf zusammen mit Lorenzo de' Medici (1449-92) die erste der großen Renaissancevillen in Poggio a Caiano. Sie war für einen aus dem Mittelalter überkommenen Lebensstil bestimmt, variiert durch das Studium der Alten, der griechischen und römischen Klassiker. Giulianos Bau ist denn auch eine Mischung aus herkömmlichem Gutshaus und klassischen Elementen - außen z. B. der Bogengang um das Erdgeschoss (nach einer von dem römischen Schriftsteller Plinius beschriebenen Villa) und die von Säulen getragene Vorhalle (von der Tempelfassade übernommen). Umgekehrt bezog Leon Battista Alberti (1404-72) Anregungen für den Kirchenbau aus einer profanen Bauform, dem römischen Triumphbogen.

Diese Beispiele zeigen, wie die Architekten die neuen Baugedanken den Erfordernissen der Zeit und den Wünschen der Bauherren unter Verwendung von herkömmlichen Elementen anpassen. Natürlich wurden auch weiterhin Kirchen, Grabmäler und Altargemälde geschaffen. Die Stilarten waren reich differenziert, die Kunstformen sehr unterschiedlich, kraftvolle Kontinuität ist ebenso deutlich wie radikale Veränderung. Generell lässt sich über die Architektur sagen, dass ihr Stil eine genaue, umfassende Kenntnis der Literatur der Antike erkennen lässt. In Plastik und Malerei, insbesondere im Werk von Andrea del Verrocchio (1436-88), dem größten Bildhauer der Zeit, oder von Giovanni Bellini (um 1430-1516), dem größten Maler der Zeit, hat das Vorbild der Antike nicht mehr die Bedeutung wie noch für ihre Vorgänger Donatello und Masaccio, die Antike wurde ersetzt durch die Nachahmung der Natur. Die Einfachheit musste der Vielfalt, die Nüchternheit der Verfeinerung weichen. Die Kunst des späten 15. Jahrhunderts in Italien reagiert so ihrerseits auf den philosophisch fundierten Geschmack ihrer Auftraggeber.
 
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Referat: 1510 - Italienische Kunst (1450 bis 1490)
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