Ähnlich wie für die Künstler in Rom und Florenz ergaben sich um 1500 auch für die in Norditalien lebenden Künstler neue Anregungen. Aber auch hier ist es nicht angebracht, in Generationen zu denken - überlebte doch Giovanni Bellini (1430-1516) seinen viel jüngeren Schüler Giorgione (um 1477/78-1510), mit dem eine neue Phase der venezianischen Malerei begann.
Die Tradition der Stile
Leonardo da Vincis Arbeit aus seinen aktivsten Perioden in der Lombardei (1483-99, 1506-08) bot eine tragfähige Grundlage für die norditalienischen Künstler. Sie wanderten ständig von einem Zentrum zum anderen, sie lernten neue Stile, neue Techniken aus erster Hand in eigenem Erleben kennen. In dem - im ganzen richtigen - Gefühl, dass für Rom das Goldene Zeitalter mit dem Sacco di Roma (Plünderung Roms durch die Truppen Karls V., 1527/28) vorbei war, zerstreuten sich Raffaels Schüler. Darunter war auch Giulio Romano (1499-1546), er machte mit Förderung durch den ehrgeizigen Federico Gonzaga aus Mantua ein neues Rom. Der Ruin Roms kam auch einigen anderen norditalienischen Städten zugute, vor allem Venedig, das Jacopo Sansovino (1486-1570) gewinnen konnte.
Um 1500 erlebten die meisten italienischen Fürstenhöfe einen Niedergang, zumindest vorübergehend. Die Gonzagas in Mantua und das Geschlecht der Este in Ferrara entgingen dieser Entwicklung und förderten die Künste weiterhin. Zwar gab es in diesen Zentren manches Talent, das örtlich bedeutend war, es ist für die neue Lage jedoch charakteristisch, dass große Künstler von außen geholt wurden - so Tizian (um 1477-1576) nach Venedig, Antonio Allegri da Correggio (1494-1534) nach Parma. Diese Stadt wurde für kurze Zeit ein Kunstzentrum ersten Ranges, mehr zufällig, nicht weil ein machtvoller, mäzenatischer Wille dahinter stand, sondern weil hier gleichzeitig Correggio und Parmigianino (1503-40) arbeiteten. Das beste Beispiel für einen großen »Provinzkünstler« bietet Andrea Palladio (1508-80) in Vicenza. Allerdings war keiner dieser Künstler provinziell im Sinne einer künstlerischen Isolation, da die Entfernungen in dem Dreieck zwischen den Apenninen, den Alpen und der Adria nicht groß waren. Im 16. Jahrhundert gab es in diesem Gebiet eine große Zahl kleinerer künstlerischer Zentren - wie Bergamo oder Bologna -, deren Qualität und Bedeutung aber in hohem Maß von der immer noch andauernden Vorherrschaft Venedigs abhing.
Venedig - sowohl das offizielle wie das private - förderte in dieser Zeit in einem geradezu unerhörten Umfang alle bildenden Künste. Hervorragende Beispiele der Baukunst sind die neue Bibliothek und die Münze, mit denen Sansovino einen überzeugenden Beweis seines Talents lieferte. Die neuen Gebäude wurden wie der alte Dogenpalast von Malern und Bildhauern überreich ausgeschmückt.
Üppige Ausstattung
Einmalig ist der Stil der venezianischen Dekoration in seiner Üppigkeit und harmonisch abgestimmten Vielfalt, festlich wie die venezianische Musik dieser Zeit. Selten waren einzelne Persönlichkeiten bestimmender für den Charakter der Kunst einer Stadt. Giorgione hat ganz unabhängig innerhalb eines Bereichs eigener Wahl gearbeitet. Wenn er sich auf besondere Themen verlegte wie im »Gewitter« oder wenn es ihm in Bildnissen auf die Darstellung von Gefühlen ankam, so erweiterte er, fast wie Leonardo, die Möglichkeiten des Kunstwerkes. Tizian konzentrierte dann während seiner langen Karriere auf ganz andere Art in einer Reihe von Meisterwerken die venezianische Malerei auf Probleme wie Atmosphäre und Farbe, dramatischen Ausdruck und psychologisierende Beschreibung, die in Mittelitalien sonst unbekannt war. Tizian erhielt Aufträge aus ganz Europa, er war der meistgeschätzte .Maler seiner Zeit.
Correggio, von Tizian bewundert, war in mancher Hinsicht der originellere Künstler, er kam von allen Meistern des 16. Jahrhunderts dem Barock am nächsten. Er erprobte am gewagtesten Bewegung und Empfindung und erreichte - ebenfalls auf Leonardos Spuren - über Naturalismus und präzise Beobachtung eine neue direkte Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter.
Paläste und Villen
Auch der andere große Künstler aus der »Provinz«, Palladio, hat europäischen Rang. In Norditalien kam etwa ab 1525 die Bautätigkeit zunehmend in Gang, besonders die Städte und ihre Bürger konnten sich mit neuen Ingenieurbauten, Rathäusern und Villen gar nicht genugtun. Giulio Romano (1499-1546), Sansovino und Sanmicheli (um 1484-1559), der seine Erfahrungen aus Rom insbesondere in Verona -anwandte, bauten Paläste und Villen, Palladio verdankte vieles ihrem Beispiel.
Die Zunahme der Villenbauten in dieser Zeit war ungewöhnlich. Der Adel, besonders der von Venedig, legte sein Kapital mehr und mehr in Landbesitz an und wollte auf seinen Gütern leben. Palladios Genialität lag in einer seltenen Verbindung von theoretisch fixierten Grundlagen der Antike und den Anforderungen seiner Zeit. Es gelang ihm, sein Temperament und seine Phantasie in die Praxis umzusetzen, er bot so seinen Auftraggebern mit den verschiedensten Ansprüchen eine Reihe von Gebäudetypen an, die sich als mustergültige Lösungen erwiesen. Sie reichten vom umgebauten Bauernhaus mit Scheune bis zum eindrucksvollen Landschloss und kamen durch ihren betont klassischen Baustil dem Geltungsbedürfnis ihrer Eigentümer entgegen.
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