Telegrafie

Jahrtausendelang hing die Verbindung über weite Entfernungen von reisenden Boten ab, die sich zu Fuß, auf dem Pferd oder mit dem Schiff mühselig durch fremde Landstriche und über Meere bewegten. Das hat sich seit der Erfindung der Telegrafie grundlegend geändert. Zwar benutzte man auch früher schon optische Zeichen, aber die Übermittlung von Nachrichten über Sichtweite hinaus wurde erst durch die Elektrizität möglich. Bereits 1753 beschrieb der schottische Arzt Charles Morrison in einem Brief an das »Scots Magazine« seine Idee einer elektrischen Telegrafie. 1774 baute Georges Louis Lesage in Genf einen elektrischen Telegrafen zu Versuchszwecken und benutzte dazu ein Elektroskop und statische Elektrizität: Wenn sich zwei kleine Holunderkügelchen abstießen, zeigte dies eine elektrische Ladung in den angeschlossenen Drähten an. Für jeden Buchstaben des Alphabets brauchte man einen eigenen Draht.

Telegrafie mit einem Draht
Ende des 18. Jahrhunderts war Napoleon I. (1769-1821), der als erster Telegrafensysteme einzusetzen versuchte, bei Feldzügen noch immer auf die Sichttelegrafie angewiesen, die der französische Kaufmann Claude Chappe (1763-1805) erfunden hatte. Erst im Jahre 1816 erfand der Engländer Sir Francis Ronalds (1788-1873) den mit nur einem Verbindungsdraht arbeitenden Telegrafen. Sein System verwendete Scheiben, auf deren Rand die Buchstaben des Alphabets aufgetragen waren und die von einem Uhrwerk gedreht wurden gleichzeitig am Sende- und am Empfangsort. Jedes Mal wenn der gewünschte Buchstabe unter der Spitze eines Zeigers stand, wurde über den Draht ein elektrischer Impuls an das Elektroskop der Empfangsstelle gegeben, sodass man dort den entsprechenden Buchstaben identifizieren konnte.

Zehn Jahre später baute der Amerikaner Harrison Gray Dyer den ersten praktisch brauchbaren Telegrafen. Er benutzte dazu die gerade erfundene Voltasche Säule (Urform der Batterie) und eine Elektrolytlösung, in der jedes Mal, wenn Strom floss, Blasen zwischen zwei Elektroden aufstiegen. Dyer sandte über eine Entfernung von 12,5 km auf Long Island (New York) ein Telegramm durch einen Draht, als Rückleitung benutzte er die Erde.

Schließlich ersetzte 1831 der Amerikaner Joseph Henry (1797-1878) die Elektrolytzelle durch eine elektrische Glocke, er nutzte dabei das Prinzip des Elektromagnetismus, das 1819 von dem dänischen Physiker Hans Christian Oersted (1777-1851) entdeckt worden war. Sir William Cooke (1806-79) und Sir Charles Wheatstone (1802-75) bauten dann den ersten kommerziellen Telegrafen, er arbeitete mit fünf Verbindungsdrähten und war 1837 an der Eisenbahnlinie London-Birmingham erprobt worden.

Morse und die weitere Entwicklung
Bis dahin hatte jeder Erfinder sein eigenes Codesystem entwickelt und benutzt. Der amerikanische Kunstmaler und Erfinder Samuel Morse (1791-1872) erkannte als Erster die Bedeutung eines praktischen, allgemein bekannten Standardcodes. Sein eigener Code, das Morsealphabet aus »Punkten« und »Strichen«, das er 1837 vorstellte, setzte sich schließlich auf der ganzen Welt durch. Das Telegrafensystem bestand praktisch nur aus je einem Draht zwischen Sende- und Empfangsort, einer Batterie und einer Taste, die am Sendeort als Schalter den Draht mit der Erde verband, und einem Summer am Empfangsort.

Mit diesem einfachen und sicheren Telegrafensystem bot es sich geradezu an, die Drähte auch unter Wasser zu verlegen. Nachdem man 1850 ein Kabel im Ärmelkanal gelegt hatte, wagten sich die Ingenieure an ein viel schwierigeres Projekt: ein Unterseekabel durch den Atlantik. 1858 war es zwischen Irland und Neufundland ausgelegt, aber erst 1866 kam dann eine sichere Verbindung zustande.

Da Drähte über weite Strecken teuer sind, bemühten sich die Erfinder schon früh, über einen Draht gleichzeitig mehrere Nachrichten zu senden. Wirklichkeit wurde dies 1874 durch die Erfindung des Franzosen Jean-Maurice-Emile Baudot (1845-1903). Er konstruierte ein Gerät, das sechs Telegramme gleichzeitig senden konnte und sie am Empfangsort auch wieder trennte.

Fernschreiben
Nach dem System von Baudot besteht jeder Buchstabe aus fünf elektrischen Impulsen (oder fehlenden Impulsen). Über ein halbes Jahrhundert lang wurde es mit Erfolg benutzt, bis es schließlich durch das Frequenz-multiplex-System des Amerikaners Elisha Gray (1835-1901) ersetzt wurde.

Um den Zeitaufwand für das Codieren und Decodieren der Nachrichten zu vermeiden, versuchte man viele Jahre lang, einen sogenannten Springtelegrafen zu entwickeln. Der Engländer David Edward Hughes (1831-1900) baute 1854 erstmals ein solches Gerät: Es druckte Buchstaben aus, arbeitete aber zu langsam. 1921 entwickelte dann der Russe N. P. Trusewitsch das sogenannte Start-Stopp-System, das zu dem heutigen Fernschreiber führte.

Der moderne Fernschreiber - noch immer mit dem Fünfercode arbeitend - überträgt bis zu 13 Buchstaben pro Sekunde, wenn die Nachricht über ein perforiertes Papierband eingegeben wird, das der Schreiber vorher mit normaler Schreibgeschwindigkeit »gelocht« hat. Das Telexsystem macht es möglich, 26 Fernschreibmitteilungen gleichzeitig über eine Telefonleitung zu übertragen. Der Bildtelegraf vervollständigte schließlich die Möglichkeiten der modernen Telegrafie.
 
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