Was ist Tiergeografie

Die Tiergeografie befasst sich mit der Verbreitung der Tierarten über die Erde und mit ihren Ursachen. Sie versucht zu ergründen, weshalb es beispielsweise keine Elefanten in Südamerika gibt und warum Kängurus nur in Australien und Neuguinea leben. Um die tieferen Ursachen für die oft recht merkwürdigen Verbreitungsmuster der Tiere zu erkennen, bedarf es der Mithilfe vieler Wissenschaften, insbesondere der Geologie. Denn die Verteilung von Land und Meer, von Kontinenten und Inseln hat sich im Verlauf der Erdgeschichte oftmals gewandelt.

Die Kontinentalverschiebung
Mit ziemlicher Sicherheit kann man annehmen, dass die Kontinente einst alle in einer einheitlichen Landmasse (Pangäa) zusammenhingen. Durch Vorgänge im Erdmantel zerbrach diese Landmasse, die einzelnen Schollen driften seither unvorstellbar langsam auseinander. Der Umriss der Kontinente deutet auf diesen früheren Zusammenhang hin, und Fossilien geben davon Zeugnis. So fand man die Schädel eines Reptils (Lystrosaurus), das in der Trias (vor 200 Millionen Jahren) sowohl in Südafrika als auch in der Antarktis gelebt hatte. Die Gesteine weisen ebenfalls auf eine enge Verwandtschaft dieser Erdteile hin, die zusammen mit Indien und Südamerika einen gewaltigen Südkontinent gebildet hatten. Je früher die Trennung stattfand, je länger also die Tiergruppen voneinander isoliert waren, desto stärker konnten sie sich auseinanderentwickeln.

Man unterscheidet drei Faunenreiche: die Arktogäa (Europa, Asien, Afrika und Nordamerika), die Neogäa (Südamerika) und die Notogäa (Australien). Sie lassen sich weiter in sechs gut abgrenzbare Regionen unterteilen: die Paläarktis (Europa, Nordafrika, Nord- und Zentralasien), die Nearktis (Nordamerika), die Orientalis (Süd- und Südostasien), die Äthiopis (Afrika südlich der Sahara), die Neotropis (Südamerika und Mittelamerika) und die Australis (Australien und Antarktis). Diese können noch weiter in Unterregionen oder Provinzen gegliedert werden.

Die verschiedenen Regionen werden hauptsächlich durch jene Tierarten gekennzeichnet, die nur ihnen eigen sind. Weitverbreitete Arten, wie viele Vögel oder Fledermäuse, geben nicht genügend Anhalt, spezialisierte Arten mit schwachem Fortbewegungsvermögen dagegen liefern gute Beweise für die erdgeschichtlichen Zusammenhänge. So konnten beispielsweise auf dem australischen Kontinent durch sehr lange dauernde Isolation besonders altertümliche Tierformen überleben, die es sonst nirgends mehr gibt. Auch das fast ebenso gut isolierte Südamerika beherbergt solche Überreste längst vergangener Zeiten, während in den Nordkontinenten und in Afrika, das mit Eurasien eng zusammenhängt, die »moderneren« Tierarten die »altmodischen« weitgehend verdrängt haben. Solche altmodischen Arten sind Beuteltiere, deren Embryonen sich erst im Beutel der Mutter zu Jungtieren entwickeln.

Das Beispiel Australien
Im australischen Kontinent, der schon sehr lange von den übrigen Landmassen getrennt ist, haben sich viele eigene Formen entwickelt, während in den Faunen der zusammenhängenden Landmassen weit mehr gemeinsame Züge erhalten geblieben sind. Australien ist das Land der Beuteltiere, in Südamerika findet man nur noch einige wenige, in Nordamerika eine Art. Interessanterweise nehmen die Beuteltiere in Australien oftmals die gleichen ökologischen »Planstellen« wie die Säugetiere in den anderen Kontinenten ein. So gibt es in Australien Beutelmaulwürfe, -dachse, -füchse, -marder und -wölfe, die in ihrem Aussehen und in ihrer Lebensweise durchaus an die echten Säugetiere erinnern. Dieses Phänomen der Konvergenz zeigt, dass sich unter ähnlichen Lebensbedingungen auch ähnliche Tierformen herausbilden können, ohne dass sie verwandt sind.

In Australien fehlen alle höheren Säugetiere und damit auch die Huftierarten. Doch besetzen in Australien die Kängurus mit ihren merkwürdigen Stützschwänzen und den im Vergleich zu den Hinterbeinen zu klein geratenen Vorderbeinen die ökologische Planstelle der Huftiere. Ja, diese Tiere entwickelten so unterschiedliche Anpassungsformen - vom Baumkänguru bis zu den Riesenkängurus -, dass sie ein ganzes Spektrum ökologischer Nischen besetzen konnten. Darin erwiesen sie sich so erfolgreich, dass sie heute den eingeführten Schafen mitunter Konkurrenz machen, obwohl ihnen diese »fortschrittlicheren« Säugetiere eigentlich überlegen sein sollten. Doch viele Beuteltierarten hatten in der Tat unter der Konkurrenz der Säugetiere zu leiden, als diese von den Menschen nach Australien gebracht und dort zudem gefördert wurden. Die eigentümliche Fauna des Kontinents wurde seitdem durch die moderne überlagert und vielfach an den Rand der Ausrottung gebracht.

Ausbreitungsschranken
Auch auf fernen, vor dem Eindringen modernerer Arten geschützten Inseln überlebten altertümliche Faunenelemente. Meere und breite Ströme sind für viele Tiere unüberwindbare Barrieren. Hohe Gebirge, Wüsten und dichte Wälder können ähnlich wirken. Ändern sich jedoch die klimatischen Verhältnisse, werden solche Hürden vielleicht überbrückbar. Dies geschah zum Beispiel, als während der Eiszeit die Beringstraße passierbar war. Dadurch wurde der Austausch von Tieren zwischen Asien und Nordamerika möglich. Ähnliches trüg sich bei der Verbindung der ursprünglich getrennten amerikanischen Kontinente zu. Tiefgreifende Veränderungen in der Zusammensetzung der Tierwelt waren die Folge, und es dauerte sicher sehr lange, bis sich ein neues Gleichgewicht eingespielt hatte.
 
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