In der belebten Natur sind alle sexuellen Vorgänge auf ein Ziel gerichtet, die Fortpflanzung und damit die Erhaltung der Art zu sichern. Der Grundvorgang der geschlechtlichen Fortpflanzung ist bei Tieren und Pflanzen derselbe! Zwei Keimzellen (Gameten) verschmelzen zu einer Zygote. Diese ist die erste Zelle eines neuen Organismus. Die Mittel, um eine Befruchtung herbeizuführen, sind vielfältig. Bei Blütenpflanzen wird eine männliche Keimzelle im Pollenkorn vom Wind oder durch Tiere zu einem weiblichen Blütenorgan gebracht, wo sie durch den auskeimenden Pollenschlauch zur Eizelle wandert. Im Tierreich wird die selbstbewegliche männliche Keimzelle als Samenzelle (Spermium oder Spermatozoon), die weibliche als Eizelle oder Ovum bezeichnet. Bei allen Lebewesen werden weit mehr Keimzellen (vor allem Samenzellen) gebildet, als zur Befruchtung kommen.
Dies erscheint zweckmäßig, wenn man sich klarmacht, dass trotz aller auf die Befruchtung abzielenden sexuellen Vorgänge das Aufeinandertreffen zweier mikroskopisch kleiner, von verschiedenen Individuen stammenden Zellen ein unwahrscheinliches Ereignis ist.
Die Evolution der Sexualität
Sieht man von einigen primitiven Gruppen wie Protozoen oder Zölenteraten ab, so ist im gesamten Tierreich die sexuelle Fortpflanzung die vorherrschende oder sogar die einzige Art der Fortpflanzung. Welchen Vorteil hat die sexuelle Fortpflanzung vor der ungeschlechtlichen, dass sie sich so durchsetzen konnte? Alle Nachkommen, die durch ungeschlechtliche Fortpflanzung aus einem Muttertier hervorgehen, sind erbgleich mit ihm, sieht man von sprunghaften Veränderungen des Erbgutes (Mutationen) ab. Verschmelzen hingegen bei der Befruchtung zwei von verschiedenen Individuen stammende Keimzellen, werden Erbanlagen beider Elterntiere zusammengebracht und ergeben eine neue Kombination von Erbfaktoren. Je vielfältiger die Neukombinationen sind, desto eher können ihre Träger bisher ungeeignete Lebensräume besiedeln oder sich Veränderungen der Umwelt anpassen. Das Überleben einer Art wird dadurch sichergestellt.
Voraussetzung für die Befruchtung ist, dass zwei verschiedengeschlechtliche Tiere derselben Art im richtigen Augenblick so nahe zusammenkommen, dass eine Besamung der Eier stattfinden kann. Vor allem bei Landtieren erfolgt die Besamung während eines körperlichen Kontaktes zweier Individuen, bei getrenntgeschlechtlichen Arten von einem Männchen und einem Weibchen. Auch bei vielen zwittrigen Arten, bei denen ein Tier sowohl männliche als auch weibliche Keimzellen erzeugt, findet eine Begattung (Kopulation) zweier Individuen statt (z. B. bei Schnecken und Regenwürmern). Die Besamung kann - wie bei vielen Wassertieren -außerhalb des Körpers erfolgen, und zwar selbst dann, wenn wie bei den Fröschen eine Paarung stattfindet: Das Männchen gibt die Spermien auf die eben vom Weibchen abgelegten Eier ab, die so im Wasser befruchtet werden. Bei den meisten Landtieren, aber auch bei einigen Wassertieren (z. B. manchen Tintenfischen), erfolgt eine innere Besamung: Das Männchen führt seinen Penis oder ein analoges Organ in das Weibchen ein und überträgt seine Spermien. Wie finden Männchen und Weibchen zueinander? Das Männchen kann vom Weibchen durch Duftstoffe (Pheromone) über weite Entfernungen angelockt werden (z. B. Seidenspinner). Männliche Frösche entwickeln mit der Geschlechtsreife die Fähigkeit zu arttypischem Quaken, mit dem sie die Weibchen herbeilocken. Viele Tiere haben optische Signale ausgebildet. Zu diesen »Liebeszeichen« gehört der Tanz des rot bauchigen Stichlingmännchens während der Brutzeit, ebenso wie die Balz der Vögel, die wie der Pfauenhahn ihr Gefieder zur Schau stellen oder wie der Laubenvogel eine Liebeslaube bauen und diese mit bunten Gegenständen (Blumen, Beeren u. a.) schmücken.
Viele dieser optischen, akustischen oder chemischen Lockmethoden sind kunstvoll und haben eine doppelte Funktion: Sie bringen nicht nur die beiden Geschlechter einer Art zusammen, sondern verhindern zugleich, dass sich Angehörige verschiedener nah verwandter Arten paaren. Das Verhaltensmuster muss genau stimmen, das Pheromon muss die artspezifische Zusammensetzung haben, damit der Geschlechtspartner der eigenen Art anspricht. Diese Artspezifität der Liebeszeichen führt zur sexuellen Isolation nahe verwandter Arten und ermöglicht, dass sie in demselben Gebiet zusammenleben, ohne sich miteinander zu kreuzen: Die Artenvielfalt vergrößert sich.
Soziale Aspekte der Sexualität
Die sozialen Aspekte der Sexualität bei Tieren reichen weit über Balz und Kopulation hinaus. Die Hormone, die das Gefieder des Stockerpels glänzend machen und den Bauch des Stichlingmännchens rot färben, bewirken hier wie bei anderen Arten auch manche Verhaltensweisen, z. B. Aggression zwischen Männchen.
Die Arbeiterinnen eines Bienenvolkes belecken die Königin ständig, nehmen dabei von ihr, dem einzigen funktionstüchtigen Weibchen des Stockes, ein Pheromon auf und reichen es weiter. Dadurch wird verhindert, dass sie sich selbst auch zu Vollweibchen entwickeln und Drohneneier legen, statt die Brat zu pflegen und Nahrung zu sammeln.
Bei vielen Säugetieren, die in Herden zusammenleben, herrscht oft ein einzelnes Männchen über die übrigen und hat bevorzugt Zugang zu einer großen Zahl von Weibchen. Bei Hirschen oder Seelöwen sammelt ein Männchen einen Harem um sich. Die jüngeren Seelöwenbullen bleiben abseits bis zur Geschlechtsreife.
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