Grundzüge tierischen Verhaltens

Will man das Verhalten der Tiere verstehen, so muss man sie in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten, denn diesem ist ihr Verhalten angepasst. Viele Verhaltensweisen sind angeboren, andere erlernt. Angeborene Verhaltensschemata haben sich im Verlauf der Evolution durch die besonderen Anforderungen der Umwelt herausgebildet. Nicht nur der Körperbau, auch die Verhaltensweisen spiegeln den Entwicklungsweg einer Art wider.

Insekten sind geeignete Studienobjekte für Untersuchungen tierischen Verhaltens, da ihre Handlungen, im Gegensatz zu denen der Säugetiere, weniger durch Lernvorgänge beeinflusst werden.

Die Grundlagen des Verhaltens
Die Handlungen von Tieren - wenn zum Beispiel eine Katze eine Maus fängt, ein Pfau vor den Hennen ein Rad schlägt oder eine Spinne ihr Netz webt - werden von drei Faktoren bestimmt: erstens vom äußeren Reiz (der von der Maus oder den Hennen ausgeht), zweitens von den Sinnesorganen und vom Nervensystem des handelnden Tieres, die festlegen, was wahrgenommen und mit welchen Verhaltensweisen reagiert werden kann, drittens vom physiologischen Zustand des Tieres, so von seinem Hungergefühl oder Hormonspiegel.

Die Informationen, die den Tieren über ihre Umwelt zukommen, sind einerseits von der spezifischen Ausbildung der Sinnesorgane abhängig, andererseits davon, welche Reize für eine Tierart Bedeutung haben.

Diese Schlüsselreize können auf visuellem Weg wirken, wie der rote Bauch des Stichlingsmännchens, der das Weibchen zum Ablaichen anregt, oder auf chemischem Weg, wie die Substanz, mit der das Seidenspinnerweibchen das Männchen über weite Entfernungen anlockt. Solche chemische Substanzen heißen Pheromone. Man kennt sie auch bei anderen Schmetterlingen, bei Käfern, Schaben und Ameisen.

Auf Schlüsselreize sprechen angeborene Auslösemechanismen an, die zu starren Handlungsschemata der Tiere führen. Das Brutpflegeverhalten wird zum Beispiel bei vielen Vögeln und Säugetieren durch das runde Gesicht und die hohe Stirn der Jungen (Kindchenschema) ausgelöst. Auch der Mensch spricht auf dieses Kindchenschema an.

Die Nahrungsaufnahme
Es gibt verschiedene Beispiele für das durch bestimmte Reize ausgelöste Verhalten beim Nahrungserwerb. Ein einfaches Muster zeigt das Fressverhalten des Frosches. Frösche sprechen auf jedes kleine, sich bewegende Objekt in ihrem Gesichtsfeld an, als ob es eine Beute wäre. Solche Objekte lösen einen schnellen Zungenschuss in Richtung auf die mutmaßliche Beute hin aus.

Die Futtersuche einiger Insekten erfordert hoch komplizierte soziale Verständigung. Am bekanntesten ist der Tanz der Bienen, dessen Entdecker, Karl von Frisch, im Jahr 1973 zusammen mit Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen den Nobelpreis erhielt. Eine Arbeiterbiene, die eine Nahrungsquelle gefunden hat, kehrt zum Stock zurück und führt einen Tanz auf, der den Stockgenossinnen Informationen über Lage und Art der Nahrungsquelle vermittelt. Der Tanz veranlasst die Arbeiterinnen, den Stock in der Richtung zu verlassen, die ihnen durch die Bewegungen der Tänzerin verschlüsselt mitgeteilt worden ist.

Beim Nahen eines Gewitters werden Bienen stechlustig und aufgeregt, da sie Änderungen im elektrischen Feld der Atmosphäre wahrnehmen können. Neuere Studien lassen annehmen, dass sie beim Heraufziehen eines Gewitters die ersten Anzeichen von Erregung bereits bei elektrischen Schwingungen von 10 kHz zeigen. Man stellte aber auch andere stimulierende Faktoren fest, beispielsweise erhöhte Luftfeuchtigkeit und wechselnde Konzentration negativer Ionen.

Schrecklich sind die Folgen, wenn die Zahl pflanzenfressender Insekten sprunghaft ansteigt: So sammeln sich dann die Wanderheuschrecken zu riesigen Schwärmen, die auf ihren Zügen alles Grüne restlos wegfressen.

Bei den Wanderameisen ist das Sozial verhalten ähnlich wie bei den Honigbienen: Verschiedene Kasten üben unterschiedliche Funktionen aus. Diese Ameisen biwakieren als feste Säule, die aus den miteinander verbundenen Tierkörpern in Form eines Zylinders von einem Meter Durchmesser gebildet wird. Königin und Larven befinden sich im hohlen Zentrum. Am Tage schwärmen nahrungssuchende Ameisengruppen in Fächerform aus. Bei den meisten Ameisen wird kooperatives Verhalten durch chemische Signale gesteuert.

Die Köcherfliegenlarve zeigt eine erstaunliche Kette von Verhaltensweisen, die darin gipfelt, dass sich die Larve selbst einmauert. Jede Bauphase löst die nächste Handlung aus, bis der schützende Köcher fertig ist.

Angeborenes oder erlerntes Verhalten?
Bei höher entwickelten Tieren besteht das Verhalten aus Teilakten von Erlerntem und Angeborenem in so verflochtener Mischung, dass man die zwei Komponenten kaum mehr trennen kann. Bei den Insekten dagegen, bei denen der Instinkt vorherrscht, kann der Anteil des Gelernten abgegrenzt werden. Grabwespen z. B. legen ihre Eier in Erdhöhlen ab, die mit Nahrung vollgestopft sind. Dann jagen sie weiter und bringen ihre Beute zum nächsten Loch. Das Beuteschema ist angeboren und richtet sich teils nach visuellen, teils nach geruchlichen Anhaltspunkten. Die Rückkehr zum nächsten Loch nach einem Jagdausflug erfordert aber auch Erfahrung. Die Wespe umkreist das Loch einige Sekunden lang, bevor sie es verlässt, und prägt sich dabei die Umgebung ein, sodass sie diese nach einem Ausflug von einer Stunde oder länger noch erkennt.
 
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Referat: 1688 - Grundzüge tierischen Verhaltens
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