Der menschliche Sinn für das Schöne hat sich vor etwa 35 000 Jahren zum ersten Mal in bestimmten Formen manifestiert. Die Neandertaler verfügten schon über zahlreiche, durch Funde belegte Geräte und auch erste Jenseitsvorstellungen. Die volle humane Leistungsfähigkeit erreicht jedoch erst der Jetztmensch (Homo sapiens), sie wird bezeugt durch vielfältige Geräte und eine gestaltende Kunst, die vor allem durch Höhlenmalereien dokumentiert ist.
Die »Kindheit« der Kunst
Mit wenigen Ausnahmen ist überall auf der Welt die Kunst der Frühzeit mit dem Jägerleben des Homo sapiens verbunden. Der Neandertaler hatte ein Ritual, möglicherweise eine Religion und zeremonielle Bestattungsbräuche für seine Toten entwickelt, aber besaß keine bildhafte Ausdrucksweise, zumindest keine, die sich auch nur in Spuren bis heute erhalten hätte.
Die frühesten Zeugnisse der Kunst, die man in Höhlen im Südwesten Frankreichs und im Nordosten Spaniens gefunden hat, belegen schon einen hohen Stand der Fertigkeiten. Als 1875 die Kunst des Jungpaläolithikums (vor 35 000-10 000 Jahren) entdeckt wurde, meinte ein bedeutender französischer Archäologe: »Es ist die Kindheit der Kunst, aber nicht die Kunst eines Kindes«.
Aber bis 1900 wurde diese Kunst mit äußerstem Misstrauen betrachtet. Marcellino de Sautuola (gest. 1888), dem Entdecker der großen Höhlen von Altamira in Nordspanien, wurde vorgeworfen, er habe die Wandmalereien gefälscht. Erst als man in Frankreich in Pairnon-Pair und La Mouthe weitere, von altsteinzeitlichem Kulturschutt bedeckte polychrome Wandmalereien fand, ließen sich die letzten Zweifel an der Echtheit dieser künstlerischen Zeugnisse ausräumen. Mit Hilfe der Chronologie der Altsteinzeit des Abbe* Henri Breuil (1877 ? 1961) konnte man schließlich auch das Alter der paläolithischen Kunst bestimmen. Zeugnisse finden sich überwiegend im westlichen Europa, daneben existieren vereinzelte Fundstätten in der Kapowa höhle im Ural, in Levanzo auf Sizilien und in Beldibi und Belbasi in der Türkei. Viehzüchterkulturen in Nordafrika und der Sahara haben eine lange Tradition von Felsmalereien und Ritzzeichnungen, die in Tassili n?Ajjer in der Jungsteinzeit, etwa im 5. bis 2. Jahrtausend v. Chr. entstanden sind (entdeckt von H. Lhote, geb. 1903).
Die Archäologen teilen die Kunst der Altsteinzeit in zwei Hauptgruppen: einmal ortsfeste Höhlen- oder Wandkunst mit farbigen Malereien, Ritzzeichnungen sowie Flachreliefs an Wänden, Decken und Böden von Höhlen, andererseits vollplastische Kleinkunstwerke.
Die Verbreitung der Höhlenkunst findet sich im franko-kantabrischen Raum, im Tal der Dordogne, in den Zentralpyrenäen und im Kantabrischen Gebirge. Es sind mehr als 100 Höhlen bekannt, einschließlich so berühmter Fundstätten wie Lascaux, Altamira, Les Trois-Freres, Monte-span und Forit-de-Gaume. Die Höhlenkunst lässt sich jedoch nur in wenigen Fällen datieren, umstritten sind die Bilder und Gravierungen in Rouffignac (Departement Dordogne).
Derzeit hält man La Ferrassie in der Dordogne aufgrund datierbarer Zeugnisse für die älteste Fundstätte. In den reichen altsteinzeitlichen Kulturschichten fand man Steinblöcke, die im Aurignacien bemalt worden und etwa 30 000 Jahre alt sind. Weitere Malereien, Zeichnungen und, Flachreliefs wurden in späteren Aurignacien-Schichten entdeckt, die drei Haupttechniken der Wanddekoration waren also schon seit ältester Zeit bekannt. Die Funde an Orten wie Pair-non-Pair mögen aus dem späten Aurignacien oder frühen Gravettien, vor etwa 25 000 Jahren, stammen in Gargas in den Pyrenäen und in Laussei kann man sie eindeutig in das Gravettien datieren.
In Le Roc de Sers fand man künstlerische Zeugnisse aus dem relativ kurzen jungpaläolithischen Solutreen, vor allem hervorragende flachmuschelig retuschierte Steingeräte, sogenannte Blattspitzen. Die polychromen Malereien in Altamira entstanden in der letzten Phase der Altsteinzeit im westlichen Europa, in der Rentiere gejagt wurden.
Funde vollplastischer Werke datieren vom Aurignacien an, das hängt offenbar zusammen mit dem vermehrten Gebrauch von Knochen und Geweihen für die Geräteherstellung. Berühmt sind die sogenannten »Venus-Statuetten«, stark stilisierte, fettleibige und fettsteinige weibliche Figuren mit stummelartig verkleinerten Köpfen und Beinen. Die »Venus von Willendorf« ist stärker individualisiert als die Mehrzahl der anderen Figürchen die meisten stammen aus dem Gravettien und waren mehr im* östlichen Europa, zum Teil bis Sibirien, verbreitet. Die üppigen Formen der Statuetten sind wohl eher Ausdruck einer künstlerischen Vorstellung von den Proportionen der Frau als Betonung ihrer Fruchtbarkeit.
Kunst oder Magie?
Man hat verschiedentlich versucht, den Zweck der Höhlenkunst zu erklären, die einfachste Erklärung ist wohl die, sie als »Kunst um der Kunst willen« zu betrachten. Breuil, dessen Theorie seit langer Zeit anerkannt wird, vermutet, dass mit der Zeichnung eines Tieres eine Art Jagdzauber ausgeübt sowie eine magische Verbindung zwischen Mensch und Tier hergestellt wurde. Neuere Theorien, die diese Kunst als reine Sexualsymbolik verstehen, haben keine breitere Anerkennung gefunden. Einige Gelehrte versuchen die Denkweise des vorgeschichtlichen Menschen zu ergründen, indem sie die altsteinzeitliche Kunst mit den relativ jungen Felsmalereien der Kalahari und der australischen Ureinwohner vergleichen.
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