Großbritannien war die erste Industrienation der Welt. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bahnte sich dort eine Entwicklung an, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ein sich selbst verstärkendes Wirtschaftswachstum überging. Die Anfänge dieser »industriellen Revolution« lassen sich bis weit in die vorindustrielle Zeit zurückverfolgen. Bereits im 18. Jahrhundert blühte in Großbritannien eine dynamische Wirtschaft: Die Bevölkerungszahl stieg an, die Landwirtschaft gedieh, der Handel expandierte.
Das Bevölkerungswachstum
Das Wachstum der englischen Bevölkerung im 18. Jahrhundert wurde nicht durch die Industrialisierung ausgelöst. Vielmehr war das ausreichende Vorhandensein von Arbeitskräften eine Voraussetzung der Industrialisierung. Zunächst sank in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Sterberate, dazu trugen das Ausbleiben von Seuchen, Verbesserungen auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, günstige klimatische Bedingungen und eine Reihe guter Ernten (die niedrige Lebensmittelpreise zur Folge hatten) entscheidend bei. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts stiegen dann auch die Geburtenziffern. Die junge Generation in den Industriestädten war in der Lage, früher zu heiraten und mehr Kinder zu ernähren. In Irland führte hingegen das Bevölkerungswachstum zur Verarmung und sogar zu Hungersnöten. In Großbritannien regte das Wachstum der Bevölkerung und die damit verbundene steigende Nachfrage sowohl Landwirtschaft als auch Gewerbe an, mit neuen Methoden, neuen Maschinen, neuen Energien die Produktion zu steigern, in dieser speziellen Reaktion auf die steigende Nachfrage liegt der Anfang der Industriegesellschaft.
Vor der industriellen Revolution gingen Zeiten des Wohlstands normalerweise durch Missernten und. Rückgang der Bevölkerung zu Ende. In der Mitte des 18. Jahrhunderts ermöglichten die Profite aus dem blühenden Handel mit den Kolonien den Landbesitzern, Investitionskredite aufzunehmen, um ihre Produktion zu steigern. Mit der zunehmenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln stiegen auch deren Preise, neue landwirtschaftliche Techniken erlaubten eine starke Steigerung der agrarischen Produktion. Die alten Gemeindeländereien wurden mit privatem Grundbesitz in einer heftig umstrittenen Landreform (enclosure) zu wirtschaftlich nutzbaren Einheiten zusammengefasst, sie waren eine Voraussetzung für produktivere Verfahren in der Tierhaltung und Fruchtfolge und für den Einsatz der ersten landwirtschaftlichen Maschinen. Die von den Gesetzen zur Landreform erfasste Fläche betrug um 1845 etwa 20 Prozent der Gesamtfläche Englands.
Steigende Güternachfrage
Die zunehmenden Gewinne aus dem Außenhandel lieferten, besonders als das Kolonialreich wuchs, das für die Erweiterung der Produktion benötigte Kapital. Eine der ersten Industrien, in denen die steigende Nachfrage spürbar wurde, war der Bergbau: Der Brennstoffbedarf der Haushalte und der Gewerbe erhöhte sich rasch. Die Kohleförderung stieg im Laufe des 18. Jahrhunderts um 400 Prozent, diese gewaltige Steigerung war nur durch eine technische Neuerung möglich: den Einsatz von Dampfpumpen, die eine wirksame Wasserhaltung der Kohlengruben, auch in größeren Tiefen, ermöglichten. Die Kohle war für viele industrielle Prozesse und für die Energiegewinnung mittels Dampfmaschinen ein wichtiger Rohstoff. Kohle und Eisen legten das Fundament der industriellen Entwicklung. Zur Eisengewinnung verwendete man im frühen 18. Jahrhundert noch Holzkohle. Als der Engländer Abraham Darby (16787-1717) 1709 entdeckte, dass Eisen mittels Koks aus Erz erschmolzen werden konnte, wurde mit seiner Methode die Eisenproduktion revolutioniert und verbilligte das Eisen so sehr, dass es bald zu einem Massenprodukt wurde.
Einen neuerlichen Fortschritt stellte die von Boulton und Watt nach 1774 verbesserte Dampfmaschine dar. Sie benötigte erheblich weniger Brennstoff als frühere Modelle. Die Energiegewinnung war nun nicht mehr an Wasserkraft oder an Kohlevorkommen gebunden, Dampfmaschinen konnten wirtschaftlich im ganzen Land eingesetzt werden, sobald geeignete Transportmöglichkeiten für die Kohle (Kanäle, Schiffe) vorhanden waren.
Die Mechanisierung
Nach Einführung der Dampfmaschine standen die wichtigsten Neuerungen in Verbindung mit der Installation von arbeitssparenden Maschinen. Am revolutionärsten verlief die Entwicklung in der Baumwollindustrie, in der sich innerhalb kurzer Zeit technische Neuerungen in der Weberei (fliegendes Schiffchen, erfunden und patentiert 1733 von John Kay, 1704 bis um 64), Spinnerei und anderen Gebieten durchsetzten. Die Dampfkraft führte in der Baumwollindustrie erstmals zu Fabriken, in denen alle Herstellungsprozesse unter einem Dach zusammengefasst waren. Obwohl viele Fabriken noch lange mit Wasserkraft betrieben wurden, vermittelte die frühe Baumwollindustrie bereits eine Ahnung von dem bevorstehenden Wachstum der Fabriken bei Anwendung der Dampfkraft.
Die Konzentration der Produktion erforderte sowohl den Einsatz von Kapital als auch billige Transportmittel. Das industrielle Investitionskapital stammte aus den Gewinnen der Landwirtschaft und des Überseehandels bzw. der Gewinne aus den Kolonien. Landbanken gewährten die für die Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft erforderlichen Kredite. Um 1800 gab es in London etwa 70 und auf dem Land fast 400 Banken.
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