Die Heimatfront im Zweiten Weltkrieg

Man hat den Zweiten Weltkrieg nicht zu Unrecht als »Volkskrieg« bezeichnet: Kein anderer Krieg in der neueren Geschichte hat die Zivilbevölkerung der kriegführenden Länder so unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen.

Kriegsdienst der Zivilbevölkerung
Noch vor dem Krieg war die Zivilbevölkerung durch die allgemeine Wehrpflicht - in Deutschland seit 1934, in Großbritannien seit Juni 1939 und in den Vereinigten Staaten nach einem Auswahlverfahren im Jahr 1940 - zum Kriegsdienst verpflichtet worden. Nach Kriegsausbruch wurden auch diejenigen Zivilisten, die nicht zur Truppe eingezogen worden waren, zur Heimatverteidigung (Home Guard) oder für kriegswichtige Arbeiten in den Fabriken herangezogen. In allen kriegführenden Ländern (mit Ausnahme der USA, die fast alle Ansprüche befriedigen konnten) wurde die Versorgung der Zivilbevölkerung zugunsten des Militärs erheblich eingeschränkt.

Die Zivilbevölkerung war zwar zahlenmäßig wesentlich stärker als die Streitkräfte, sie war aber bei Weitem weniger direkt gefährdet. Sogar in Deutschland betrugen die Verluste unter der Zivilbevölkerung schätzungsweise nicht mehr als 700 000 Tote im Vergleich zu 3 500 000 gefallenen Soldaten. Die Ziffern für Großbritannien betragen 62 000 gegenüber 326 000 und für Japan 260 000 Zivilisten gegenüber 1 200 000 gefallenen Soldaten, in den Vereinigten Staaten traten praktisch keine Verluste unter der Zivilbevölkerung ein. Aber das Leben jedes einzelnen Zivilisten war doch weit mehr gefährdet als in jedem anderen, vorausgegangenen Krieg. Obwohl jedes Land anfangs behauptete, seine Bomber nur gegen militärische Ziele einzusetzen, wurden derartige Einschränkungen bald aufgegeben. Aber die Bomben und die Kampfhandlungen der Bodentruppen waren nicht der Hauptgrund für die Verluste unter der Zivilbevölkerung, wesentlich größer waren die Verluste durch Seuchen, Hungersnöte und Massenmorde.

Das tägliche Leben der Zivilbevölkerung
In den einzelnen besetzten Ländern in Europa gab es erhebliche Unterschiede im täglichen Leben der Bevölkerung.

In Dänemark zum Beispiel war der Lebensstandard viel höher als in Großbritannien. In Frankreich ließ es sich, wenn man Verbindungen zum Schwarzmarkt hatte, ganz gut leben. Aber in Holland aßen die Menschen 1944/45 ihre Tulpenzwiebeln auf, auf den Kanalinseln verhinderten nur Rotkreuzpakete den Ausbruch einer Hungersnot. Überall wurden Brennstoffe für Heizung und Transport knapp. Die Menschen unter deutscher Besatzung litten unter Ausgangssperren, brauchten besondere Genehmigungen für alles Mögliche und mussten ständig mit der Angst leben, irgendeinen Verdacht zu erregen, eingesperrt oder deportiert zu werden.

In den kriegführenden Ländern wurde der Zivilbevölkerung immer wieder eingeredet, es gehe ihr wesentlich besser als vergleichsweise den Menschen in den Feindländern. Die Zivilbevölkerung in Deutschland erlebte den Krieg in mancher Hinsicht ähnlich wie die Menschen in Großbritannien. Beide litten unter den Folgen der Evakuierung und langer Nächte in Luftschutzbunkern.

Fast alles war rationiert oder schwer zu beschaffen, trotz einiger Unterschiede zwischen dem deutschen und britischen System bestanden doch zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen beiden. Textilien aller Art zum Beispiel waren in Deutschland nach einem Punktesystem rationiert, 1941 wurde dasselbe System in Großbritannien eingeführt. Um bestimmte, lebensnotwendige Güter, vom Kinderwagen bis zu Möbeln, zu finden, musste man oft lange suchen, in beiden Ländern hatte man Mühe, im Winter die Wohnungen zu heizen, weil die Kohlen in die Rüstungsindustrie wanderten.

Die Rationierung der Lebensmittel wirkte sich am stärksten aus, hier hatten die Deutschen, wie auch auf anderen Gebieten, wahrscheinlich am meisten zu leiden. Zwar waren zahlreiche Grundnahrungsmittel in beiden Ländern gleichermaßen rationiert: Fleisch, Butter, Fette, Speck, Käse, Zucker, Marmelade, Milch und Eier. Aber in Deutschland gab es selbst Brot und Kartoffeln nur auf Karten, in England war beides ausreichend vorhanden. Deutschland erhielt eben aus Amerika keine Lebensmittellieferungen.

Auch in den Vereinigten Staaten gab es eine Rationierung - für Konserven, Zucker und Kaffee -, aber in der Praxis bestand nirgendwo echter Mangel. Der Brennstoffmangel in Japan schränkte das traditionelle Badewesen erheblich ein. Dort kam es fast zu einem Zusammenbruch des Eisenbahn- und Fährbetriebs, um 1945 war die Versorgung mit Lebensmitteln auf etwa 1300 Kalorien pro Tag, also auf weniger als die Hälfte der notwendigen Normalmenge, abgesunken.

Neuer Wohlstand
Wenn auch die Kriegsjahre der Zivilbevölkerung starke Einschränkungen auferlegten, so brachten sie auch manche Vorteile mit sich. Dadurch, dass in Deutschland und England Vollbeschäftigung bestand und die Lebensmittel gleichmäßig verteilt wurden, ging es ärmeren Familien besser als je zuvor. Überall wurden die Preise strikt kontrolliert. 1945 lagen die Lebenshaltungskosten nur um ein Drittel höher als vor dem Krieg.

Aber der neue Wohlstand verschleierte tiefgreifende Veränderungen. Die Landflucht wurde beschleunigt, die Landbevölkerung verlangte einen gerechteren Anteil an den Segnungen des Stadtlebens. Man erkannte, dass die Vollbeschäftigung nicht nur ein schöner Traum, sondern möglich war, überall wurde der Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit laut.


»Dig for Victory« war ein Schlagwort, das einen Anreiz für den Gemüseanbau in den Gärten geben sollte. Die Propaganda wurde auf beiden Seiten, offensiv und defensiv, eingesetzt. Das Plakat »pst!« warnt vor ausländischen Spionen. Mit dem Plakat »VERRÄTER« wurde vor Verrätern gewarnt. Die deutsche Propagandatechnik war viel subtiler als die der Alliierten.
 
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