Der Sozialismus geht auf einen Kreis von Denkern zurück - besonders Robert Owen (1771-1858), Claude Henri de Saint-Simon (1760-1825) und Charles Fourier (1772 bis 1837) -, die die Industrialisierung kritisch betrachteten, weil sie für viele Arbeiter Not und Elend brachte.
Aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts gewann der Sozialismus als Ergebnis des Industriewachstums in verschiedenen Teilen Europas und der Entstehung eines städtischen Proletariats eine größere Anhängerschaft.
Die Frühzeit
Als erste Industrienation übernahm Großbritannien die Führung bei der Entwicklung von Arbeiterorganisationen. Trotz gesetzlicher Beschränkungen und gelegentlicher Verfolgungen gewannen die Gewerkschaften in der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem in Facharbeiterkreisen, an Einfluss. Die politischen Ideen dieser »Arbeiteraristokratie« gingen weitgehend auf Owen zurück, sie betonten die Solidarität sowie politische Reformen. Versuche, eine nationale Einheitsgewerkschaft zu gründen, schlugen 1834 fehl, anschließend entstand eine Bewegung, der Chartismus, der für die politischen Rechte der Arbeiterschaft eintrat und die »Volks-Charta« aufstellte. Diese wurde dem Parlament vorgelegt und dreimal abgelehnt. In der Zeit größeren Wohlstands nach 1851 konzentrierten sich die britischen Gewerkschaften darauf, Konzessionen auf politischem und sozialen Gebiet schrittweise durchzusetzen.
Auf dem europäischen Festland entwickelten sich sozialistische Organisationen langsamer, bedingt durch den schleppenden Prozess der Industrialisierung. In Frankreich blieben die Gewerkschaften bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts illegal, die sozialistische Anhängerschaft war in Revolutionäre, Reformisten und Anarchisten gespalten. Obwohl die Arbeiter am Sturz von Louis Philippe (1773 — 1850) im Jahr 1848 beteiligt waren, besaßen sie keine einheitliche Organisation. Auch in Deutschland blieb die Arbeiterklasse trotz ihres Eintretens für die Revolution von 1848 geteilt und von Bürgerlich-Liberalen geführt. Doch trat in Deutschland 1848 der Marxismus durch das »Kommunistische Manifest« erstmals öffentlich in Erscheinung. Diese von Karl Marx (1818-83) und Friedrich Engels (1820-95) verfasste Programmschrift lieferte für viele spätere Sozialisten die geistige Grundlage.
Die 1. Internationale
Obwohl sozialistische Ideen bei den Revolutionen von 1848 nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten und der Chartismus in England unterlag, führten sie zum Entstehen der ersten bedeutenden Arbeiterbewegungen in Europa. 1864 schlossen sich sozialistische Gruppen in der 1. Internationale zusammen. Trotz interner Zwistigkeiten diente die Internationale zur Verbreitung marxistisch-sozialistischer Ideen in Europa. In Frankreich war 1871 die Bildung der Pariser Kommune ein Beweis für die wachsende Stärke sozialistischer Ideen. Die Internationale wurde nach Auseinandersetzungen zwischen Anarchisten und Marx 1876 aufgelöst. In den industriell unentwickelten Teilen Europas, so in Spanien, Italien und Russland, hatten die von Michail Bakunin (1814-76) vertretenen anarchistischen Ideen eine große Anhängerschaft, sie führten zu Aufständen in Spanien und Terroranschlägen in Russland.
Nach 1870 wurde die deutsche sozialistische Bewegung zur mächtigsten in Europa. 1890 war die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), trotz antisozialistischer Gesetzgebung, stärkste Partei im Reich. Obwohl sie in marxistische und »revisionistische« Gruppierungen zerfiel, gewann der Sozialismus bis 1914 an Boden. In den Wirren nach dem Krieg riefen Sozialdemokraten die Weimarer Republik aus, mit Unterstützung der Armee traten sie dem linksextremen Spartakusbund entgegen, der unter Führung von Karl Liebknecht (1871-1919) und Rosa Luxemburg (1871 bis 1919) stand. In Frankreich blieb die sozialistische Bewegung zersplittert. Die französische Arbeiterschaft kehrte der Parteipolitik den Rücken und wandte sich dem Syndikalismus zu, der genossenschaftlich organisierte Arbeiter-Syndikate zu Eigentümern der Produktionsmittel machen wollte.
Die 2. Internationale
Die im Jahr 1898 gebildete 2. Internationale teilte sich in reformistische und revolutionäre Gruppen, sie war insgesamt nicht stark genug, um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu verhindern. Dennoch bildete der Sozialismus um 1914 in Europa eine starke politische Kraft, er breitete sich auch in Südamerika und den Vereinigten Staaten aus. Wenn er in den USA auch nie soviel Einfluss wie in Europa gewann, so konnte der sozialistische Präsidentschaftskandidat Eugene Debs (1855-1926) bei den Wahlen von 1912 immerhin 900 000 Stimmen erringen. Der Krieg führte zur Spaltung der sozialistischen Bewegung, denn ihre Anhänger hatten zwischen Patriotismus und der Treue zu ihren sozialistischen Idealen zu wählen.
Die Russische Revolution brachte nach dem Ersten Weltkrieg ein Wiederaufleben des Linksradikalismus mit sich, zwischen den Kriegen spielten die sozialistischen Parteien in England, Frankreich und Deutschland eine bedeutende Rolle im parlamentarischen Leben. In Skandinavien stellten sie für lange Jahre allein die Regierungen. Obwohl die Weltwirtschaftskrise und der Aufstieg des Faschismus in Deutschland, Italien und Spanien Unterdrückungsmaßnahmen einleiteten, gewann der Sozialismus in bürgerlichen und intellektuellen Kreisen an Boden. Der Spanische Bürgerkrieg wurde zum Sammelbecken für Linke. Nach 1945 spielten in vielen europäischen Ländern die Sozialisten eine entscheidende Rolle.
Bis 1914 war die Gewerkschaftsbewegung mit ihren Millionen Mitgliedern in den Industrieländern zu einem Machtfaktor geworden. Zwischen 1900 und 1914 nahmen gewerkschaftliche Streiks an Zahl und Intensität zu. Im Allgemeinen lehnten die Arbeitgeber das Streikrecht der Arbeiter ab und stellten sogar die Existenzberechtigung der Gewerkschaften infrage. Bittere Feindschaft, die während der Streiks zum Ausbruch kam, führte oft zu schweren Gewalttätigkeiten. Die Gewerkschaften vertraten jedoch meistens eng begrenzte Interessen und folgten nur ganz allgemein der sozialistischen Ideologie. Beitragsquittungen wie die hier abgebildete galten oft als Ausweis für die volle Mitgliedschaft in der Gewerkschaft.
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