Konrad – Wer wird deutscher König?

Mit Heinrich II. war das sächsische Herrscherhaus der Ottonen erloschen, denn Kinder waren ihm versagt. Im September 1024 versammelten sich deshalb in Kamba, einem später verlassenen Ort gegenüber Oppenheim am Rhein, die deutschen Fürsten, um über die Person des neuen Königs zu beraten. Zwei Vettern namens Konrad stellten sich zur Wahl, beide Urenkel von Herzog Konrad dem Roten, einem Schwiegersohn Ottos des Großen. Spätere Zeiten haben ihr Geschlecht mit dem Namen »Salier« belegt, wohl in Erinnerung an den Stamm des ersten Frankenkönigs Chlodwig († 511). Von den Franken war das Königtum ausgegangen, es sollte nun wieder an einen Franken fallen, der zudem den Vorzug hatte, mit den sächsischen Ottonen verwandt zu sein. In Abwesenheit der Sachsen und gegen die Lothringer setzte Aribo, der machtbewusste Mainzer Erzbischof, die Wahl des älteren Konrad durch. Er leitete die Wahlversammlung, und seine Stimme hatte auch deshalb besonderes Gewicht. Aribo tat mit dieser Wahl einen guten Griff, denn der ältere Konrad ist als eine der erfolgreichsten Herrscherpersönlichkeiten in die Geschichte des Mittelalters eingegangen. Unterwegs im Dienste des Rechts: Konrad II.
Konrad II., wie sich nun der Franke nannte, war vierunddreißig Jahre alt, als er die Königswürde errang, eine Wende in seinem Leben, die unerwartet eintrat. Von der Mutter, einer elsässischen Gräfin, nach dem frühen Tod des Vaters verlassen, wuchs der Knabe in der Obhut eines Wormser Bischofs auf, der es nicht für nötig hielt, seinen Zögling mit Bildung zu belasten. Konrad konnte weder lesen noch schreiben, sprach keine fremden Sprachen und besaß nur dürftige theologische Kenntnisse, was ihn von seinen Vorgängern deutlich unterschied. Schon als Kind war er von seiner Verwandtschaft aus seinem reichen fränkischen Erbe verdrängt worden, sodass seine Machtstellung wenig glanzvoll war, als er sich zur Wahl stellte. Gegen den Willen des Papstes und der Geistlichkeit, die an dieser Verbindung wegen weitläufiger Verwandtschaft Anstoß nahm, hatte Konrad II. sich mit Gisela von Schwaben vermählt, die ihm 1017 seinen einzigen Sohn, den späteren Kaiser Heinrich III., gebar. Fesselnde Schönheit wird dieser außergewöhnlich begabten, der Kunst und Wissenschaft aufgeschlossenen Frau nachgerühmt, sicher nicht zu unrecht, denn es ist erstaunlich, dass es der zum zweitenmal verwitweten Frau reiferen Alters gelang, den jungen Konrad an sich zu binden. Trotz aller widrigen Schicksale war Konrad II. ein nüchterner Mann geblieben, erfüllt von einem starken Gerechtigkeitssinn und dem Tatendrang des Unterdrückten und Benachteiligten, der endlich eine Chance bekommt, sich zu bewähren. Über seine Wahl, die anschließende Krönungsfeier und den Königsritt, der ihn quer durch die Stammesgebiete des Reiches führte, sind wir durch Wipo, seinen Hofkaplan und Biograf, gut unterrichtet. Mit dem Umritt nahm der König persönlichen Besitz von seinem Amt und seiner Herrschaft. Nach zwei stürmischen Jahren huldigten auch die lothringischen Fürsten dem König, der Widerstand gegen seine Wahl erlosch damit. Die Reisetätigkeit des Königs war mit dem Königsritt keineswegs beendet und hielt den königlichen Hof fast ununterbrochen in Bewegung. Rastlos zog der König mit dem bunten Haufen von Kriegern, Damen, Geistlichen, Jägern, Spielleuten, Knechten und Mägden durch das Reich. Er leitete Hof- und Reichstage, bestrafte die Schuldigen und schützte die Schwachen. Den Bischof von Verden, der seine Knechte meistbietend verkaufte, zog er zur Rechenschaft. Schließlich seien Knechte auch Menschen und nicht unvernünftiges Vieh. Das brachte ihm die Sympathie des Volkes. Denn was in den rauen Zeiten des 11. Jahrhunderts am meisten begehrt wurde, war Schutz gegen Unrecht und Gewalt. Das Ansehen des Königs hing davon ab, dass mit seinem persönlichen Erscheinen rechnen musste, wer immer die Rechtsordnung und den inneren Frieden verletzte, und Konrad II. erfüllte diese Pflicht mit eiserner Härte: Konrad II. war beim Volk beliebt. »An Konrads Sattel hängen Karls Bügel«, hieß ein Sprichwort der Zeit, das den Salier als wirklichen Nachfolger Karls des Großen interpretierte. Heute belächeln wir manchmal das Bestreben der Politiker allgegenwärtig zu erscheinen. Für den mittelalterlichen König war dies unverzichtbar. Er regierte ohne Hauptstadt, ohne Residenz, ohne zentrale Verwaltung, ein Leben im Sattel, über dessen Strapazen sich der moderne Mensch nur ein unvollkommenes Bild macht. Die alten Römerstraßen waren stark verfallen, die unbefestigten Wege wurden zu tückischen Fallen, wenn Regen oder Schnee den Boden in eine glitschige Masse verwandelten – und doch legte der König mit seinen Begleitern durchschnittlich 30 bis 40 Kilometer täglich zurück. Konrad II. ist 49 Jahre alt geworden, fast schon ein Methusalem in der Reihe der deutschen Könige, deren Lebenskraft meist in viel früheren Jahren erlosch. Vielleicht lag dies an seinem tüchtigen jüdischen Leibarzt, gewiss an seiner kraftstrotzenden Natur, mit der er zu Pferde im Ernstfall bis zu 150 Kilometer in vierundzwanzig Stunden zurücklegte, wenn es galt, einen berüchtigten Raubritter an den Galgen hängen zu lassen.

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Info 22.11.2017 14:00
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