Konrad II. in Italien

Am Ostertage des Jahres 1027, fast drei Jahre nachdem er die Königswürde errungen hatte, wurden Konrad II. und seine Gemahlin durch Johannes XIX. zum Kaiser gekrönt. Kriegsgeschrei und Waffenlärm begleiteten diese Zeremonie. Die Frage, wer von beiden das Königspaar zum Altar führen sollte, löste eine Rauferei zwischen den Erzbischöfen von Ravenna und Mailand aus. Die Stimmung war – wie in ähnlichen Fällen üblich – so ›aufgeheizt‹, dass Deutsche und Römer schon wegen des Streits um eine Rinderhaut in verlustreiche Kämpfe gerieten. Akzente setzen auch die Berichte, dass Konrad II. einen der gefallenen Krieger neben dem Grab Ottos II. beisetzen ließ, und dass er einem anderen, dem ein Bein abgehauen war, den nutzlos gewordenen Stiefel mit Goldmünzen bis zum Rand füllte. Turbulenzen dieser Art gehörten einfach zu Rom. Seit Otto dem Großen war der Erwerb der römischen Kaiserwürde und die Sicherung der Herrschaft in Italien zum festen Bestandteil des deutschen Königtums geworden. Otto III., der Enkel Ottos des Großen, hatte Rom zur Hauptstadt eines christlichen Weltreiches machen wollen, die Römer trieben den jugendlichen Fantasten aus der Stadt. Solche Weltherrschaftspläne lagen Kaiser Konrad II. fern, wie überhaupt in seiner Politik wenig von der Sehnsucht der Deutschen nach dem Süden zu spüren ist. Mit unerbittlicher Härte hatte sich der König den Weg nach Rom freikämpfen müssen. Anfangs schien es so, als sei Konrad II. nicht einmal die Eiserne Krone von Monza, die begehrte Langobardenkrone, sicher. Die Fürsten der Lombardei waren entschlossen, die italienische Königswürde an den Meistbietenden zu verkaufen, an den französischen König oder dessen mächtigsten Lehnsmann, den Herzog von Aquitanien. Die Bewohner Pavias hatten die ihnen verhasste deutsche Königspfalz zerstört, als Kaiser Heinrich II. starb. Berühmt geworden ist die Antwort, die der Salier Konrad II. den Pavesen gab, als sie sich damit herauszureden suchten, die Stadt sei frei, weil königlos gewesen. »Wenn der König gestorben ist«, erwiderte er, »so ist doch das Reich geblieben, wie das Schiff bleibt, dessen Steuermann fällt.« Konrad formulierte damit erstmalig eine Staatsvorstellung, die man als »transpersonal«, d. h. unabhängig von der Person des Herrschers, bezeichnen kann – eine kleine Revolution des Geistes. Durch Zerstörung der Burgen, Verwüstung des Umlandes und Sperrung des Tessins suchte nun Konrad II. die bevölkerungsreiche und wehrhafte Stadt vom Handel abzuschneiden und auszuhungern. Und: die Stadt entging seinem Strafgericht nicht. Unliebsame Überraschungen erwarteten den König selbst da, wo sich die Tore der Stadt bereitwillig öffneten: In Ravenna besetzten die Einwohner die Brücken und Tore, trieben ihre deutschen Gäste aus den Unterkünften und bewarfen die so Eingeschlossenen von hohen Türmen und Mauern herab mit Balken und Steinen. Der Kampf endete blutig und nicht ohne Tapferkeitsbeweise der Deutschen, die sich mit den Schwertern in der Hand, angeführt von einem baierischen Fahnenträger, freie Bahn erkämpften. Die Schreckensszene von Ravenna wiederholte sich später in Parma, wo die Deutschen nur dadurch einem nächtlichen Aufstand entgingen, dass Konrad II. Brandfackeln in die Häuser werfen ließ. Der grelle Schein der brennenden Stadt rief die umliegenden Truppen zu Hilfe. Dieses städtische Autonomiestreben in Oberitalien richtete sich jedoch nicht allein gegen den König, sondern auch gegen die bischöflichen Stadtherren, die bei den städtischen Massen, aber auch den Inhabern kleinerer Lehen, den »Valvassoren«, als Ausbeuter verschrien waren. Die Reichsbischöfe – viele von ihnen waren Deutsche -hatten sich ihre Königstreue mit der Überlassung von Steuer- und Zollrechten (Regalien) und anderen Einnahmen belohnen lassen. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich, Fürsten und Rittern, städtischen Massen und Stadtherren war in Italien viel ausgeprägter als im übrigen Europa, eine Folge des Bevölkerungsreichtums und des wirtschaftlichen Aufstiegs, der mit dem aufblühenden Levantehandel verbunden war. In Italien trafen sich Kaufleute aller Nationen, Christen und Ungläubige, um ihre Geschäfte abzuwickeln. Städtisches Autonomiestreben in Oberitalien
In Italien hatten die Städte seit der Antike eine größere Bedeutung behalten als in anderen Teilen Europas. In der Spätantike befestigt, wurden sie für die langobardischen und fränkischen Eroberer zu Stützpunkten ihrer Herrschaft. Hier saß der Graf, der das Umland verwaltete und verteidigte, im Schutz der Mauern residierte aber auch der Bischof der von Anfang an weltliche Aufgaben übernahm und allmählich die Herrschaft über die Stadt erlangte. Handel und Gewerbe bewahrten, durch die stadtfremden Eroberungsvölker nur zeitweilig beeinträchtigt, das Erbe der römischen Stadtkultur. Das Bild der italienischen Stadt prägten die Paläste und befestigten Wohntürme des Stadtadels. Während der deutsche Adel in einsamen Burgen auf dem Lande hauste, lebten die grundbesitzenden Adeligen Italiens in der Stadt. Vielfach beteiligten sie sich an Handelsreisen und deren Finanzierung, wirtschaftliches Gewinnstreben ergriff auch den Adel, der nicht selten mit den reichen Kaufleuten zu einer Führungsschicht verschmolz. Im 11. Jahrhundert erlebten die Städte Oberitaliens einen wirtschaftlichen Aufschwung, der mit dem aufblühenden Handel mit Byzanz und der islamischen Welt, dem heutigen Ägypten und Syrien, verbunden war. Seestädte wie Venedig, Pisa und Genua schufen sich mit ihren Krieg- und Handelsflotten ein Netz von Stützpunkten im Mittelmeer. Aber auch die Binnenstädte wie Mailand, Pavia oder Cremona strebten, durch den wachsenden Fernhandel wirtschaftlich gestärkt, nach politischer Macht. Sie suchten ihre Herrschaft auf das umliegende Land auszudehnen und Flächenstaaten (Territorien) zu bilden. Oberitalien zerfiel deshalb in viele rivalisierende Einzelkräfte. Die deutschen Könige konnten die Gefahren, die dem Reich aus dieser Entwicklung drohten, nicht erkennen, da sie zunächst aus ihr Nutzen zogen. Sie konnten stets auf Städte rechnen, die im Kampf gegen reichsfeindliche Städte zur Unterstützung der fremden Herrscher bereit waren, wirtschaftliche Konkurrenz verhinderte die Einigung der Städte. Der Italien-Feldzug Konrads II. macht jedoch deutlich, wie feindselig die Haltung war, die dem Reich in einzelnen Städten entgegengebracht wurde.

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Info 18.12.2017 00:05
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