Aussterben der Salier – Wahlkampf in Mainz

Beim Abschluss des Wormser Konkordats 1122 fehlte ein wichtiger Reichsfürst – Lothar von Supplinburg, Herzog von Sachsen. Hier kamen Gegensätze und Streitigkeiten zum Ausdruck, die seit den Tagen Kaiser Heinrich IV. bestanden. Als Heinrich V., eine zwiespältige und düstere Persönlichkeit, drei Jahre später in Utrecht ohne leibliche Nachkommen gestorben war, erlosch mit ihm die salische Dynastie, das Reich stand vor einem großen Wechsel. Noch auf dem Totenbett hatte der Kaiser den Herzog Friedrich von Schwaben zu sich kommen lassen und ihm das Allodialgut, d. h. das frei verfügbare Eigengut des salischen Hauses übergeben (siehe unten: Hoftag, Königs- oder Hausgut). Damit hatte er den Staufer zweifellos als persönlichen Erben eingesetzt, ob er ihn auch förmlich als Nachfolger auf dem Thron benannte, bleibt unsicher! Jedenfalls betrachtete sich Friedrich aus dynastischer Sicht als Nachfolger des Saliers, da er mütterlicherseits ein Enkel Heinrichs IV. war. Das bis zur Wahl des Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden übliche Geblütsdenken mag ihn in dieser Vorstellung bestärkt haben. Auch sonst war seine Stellung stark: Als Statthalter Heinrichs V. in Deutschland hatte er sich während dessen Italienaufenthalt als fähiger, tatkräftiger und beliebter Regent profiliert und konnte bei einer Königswahl auch auf die Unterstützung der Welfen hoffen, deren Chef Heinrich der Schwarze als Herzog Baiern regierte und mit dessen Tochter Judith Friedrich von Schwaben verheiratet war, es schien ein staufisch-welfischer Ausgleich in Sicht, Friedrich glaubte den ganzen Süden des Reiches hinter sich, zumal seine Mutter obendrein in zweiter Ehe den Markgrafen Luitpold III. von Österreich geheiratet hatte. Doch bereits das Sendschreiben, mit dem der Mainzer Erzbischof Adalbert als Primas (›Oberbischof‹) von Deutschland auf den 24. August 1125 zur Königswahl einlud, zeigte, dass Friedrich zumindest mit dem Widerstand der Kirche rechnen musste, dieser wendige Kirchenfürst hatte schon vorher die Witwe des verstorbenen Kaisers dazu veranlasst, ihm die Reichsinsignien herauszugeben – in dieser symbolträchtigen und -gläubigen Zeit nicht gerade ein guter Anfang für Friedrichs Ambitionen! Bei den übrigen wählenden Fürsten stand jedoch die Stimmung auch nicht gerade zu Friedrichs Gunsten: durch das Saliererbe war ihnen der Staufer zu reich und mächtig geworden! Wahlkampf in Mainz
In Mainz rollte nun ein glänzendes und spannungsgeladenes Wahldrama ab, die Anwesenheit zehntausender Ritter, der meisten Reichsfürsten und mehrerer Kardinäle zeigte genau, für wie wichtig man auch im ›internationalen‹ europäischen Rahmen diese Königswahl hielt, als deren »spiritus rector« sich mit aller Raffinesse die Mainzer Eminenz erwies. Auf Betreiben dieses Erzbischofs konstituierte sich aus den wichtigsten deutschen Stämmen, nämlich den Schwaben, Baiern, Sachsen und Franken, ein Wahlausschuss mit je zehn Vertretern, welche der Öffentlichkeit dann je einen prominenten Stammesfürsten als Königskandidaten präsentierten. Es waren dies Karl von Flandern, Herzog Lothar von Supplinburg für die Sachsen, Herzog Friedrich von Schwaben und Luitpold von Österreich für die Baiern. Friedrich von Schwaben, seiner Sache wohl recht sicher, war bei diesen Vorgängen zunächst nicht persönlich anwesend. Lothar und Luitpold aber baten zuerst flehentlich und in aller Form darum, sie mit der Last des Königsamtes zu verschonen. Am zweiten Wahltag bequemte sich dann Friedrich dazu, persönlich zu erscheinen, nun wurde die Sache dramatisch: Als nämlich Adalbert von Mainz die Kandidaten fragte, ob sie denjenigen, der letztlich zum König gewählt würde, auch dann vorbehaltlos akzeptieren würden, da bejahten Lothar und Luitpold diese Frage – Karl von Flandern war nicht anwesend – ohne Umschweife, Friedrich jedoch, der den ganzen Wahlakt vielleicht zunächst nur für eine bereits in seinem Sinne ›gelaufene‹ Formsache gehalten hatte, antwortete ausweichend. Das nun freilich machte auf die Wähler einen üblen Eindruck und nährte den für Adalbert bequemen Argwohn, der Schwabenherzog werde, einmal auf dem Thron, ein arroganter und machtgieriger Herrscher sein. Am dritten Wahltag kam dann die Quittung: Nach erregten und hitzigen Szenen im Wahlausschuss erscholl, woher wusste man nicht genau, plötzlich der Ruf: »Lothar auf den Thron!« Der Kandidat wurde geschultert und unter großem Geschrei im Saal herumgetragen, von draußen drängten Leute herein, Lothar wehrte sich zunächst und die Baiern protestierten zu Recht gegen die chaotische Prozedur außerhalb der legalen Formen. Das Ganze glich ein wenig der Erhebung eines römischen Imperators durch die Prätorianer! Als sich jedoch der Führer des Welfenhauses, Herzog Heinrich von Baiern, mit der Wahl einverstanden erklärte, stand dann die Entscheidung fest. Wie damals in Adelskreisen üblich, hatte ein Heiratskontrakt zwischen Heinrichs Sohn, Heinrich dem Stolzen, und Lothars einziger Erbtochter Gertrud dem Baiernherzog seine Entscheidung sehr erleichtert. Durch diese abrupte und unverhoffte Schwenkung der Welfen zu den Supplinburgern war der Riss zwischen Staufern und Welfen noch tiefer geworden – Friedrich von Schwaben hatte wohl nicht ganz zu Unrecht das Gefühl, hereingelegt worden zu sein! Als dann eine knappe Woche später Lothar von Supplinburg nochmals unter Wahrung aller Formen gewählt worden war, leisteten ihm am folgenden Tage die weltlichen Fürsten den Treu- und Vasalleneid, die geistlichen verhielten sich genau so, wie das Wormser Konkordat es festgelegt hatte und gelobten ihm nur die Treue. Wie sehr sich zwischen dem deutschen König und dem Papst seit dem Investiturstreit die Verhältnisse geändert hatten, zeigt, dass Lothar dem Papst seine Wahl zum König offiziell anzeigte und darüber hinaus sogar noch um eine päpstliche Bestätigung einkam! Noch kein Jahrhundert war vergangen, da diese Prozedur genau umgekehrt verlief! So zeigen die Vorgänge um Lothars Wahl zweierlei: An einem wichtigen Entwicklungspunkt der Reichsgeschichte hatte sich – ganz im Gegensatz zum restlichen Europa – das dynastische Prinzip gegenüber dem Wahlgedanken nicht behaupten können und aus der ottonischen Reichskirche, die der Monarchie zugearbeitet und sie unterstützt hatte, war eine mitregierende Kirche geworden, deren alleiniges Oberhaupt nicht mehr der deutsche König war. Hoftag
Eine mittelalterliche Einrichtung, die sich aus der Pflicht der Vasallen entwickelte, den Hof ihres Herrn zu bestimmten Terminen zu besuchen (Rat und Hilfe). Versammlung der weltlichen und geistlichen Großen an den hohen Kirchenfesten aufgrund der Hoffahrtpflicht, auch zu anderen Terminen zu erweiterten Hoftagen: Beratung, Gericht, Fest. Auch in den Stammesherzogtümern und seit dem Ende des 12. Jahrhunderts gab es Hoftage in den Territorien. Im Spätmittelalter entwickelten sich aus den königlichen Hoftagen der Reichstag, in den Territorien die Landtage. Königs- oder Hausgut
›Privater‹ Besitz (an Land und Leuten) der herrschenden Dynastie, der nach dem Aussterben einer Königsfamilie zum Reichsgut werden konnte. Seit Konrad II. wird Königsgut und Reichsgut auch begrifflich getrennt, jedoch gemeinsam verwaltet, was dann Probleme der Trennung mit sich bringt.

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Info 21.02.2018 18:34
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